College-Experiment In der Schule des Lebens

Das Berliner Museum Hamburger Bahnhof zeigt mit "Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933 - 1957", wie das College in North Carolina die Hochschulbildung revolutionierte. Taugen die Ideen auch für die Gegenwart?

Courtesy of Western Regional Archives/ States Archives of North Carolina/ Masato Nakagawa

Keine festen Lehrpläne, keine Prüfungen, keine Spezialisierung: Man könnte in Schwärmerei verfallen, wenn man in der Ausstellung über das legendäre Black Mountain College an Objekten, in Textdokumenten und auf Fotografien sieht, wie Lernen und Studieren auch sein kann.

Das universitäre Experiment am College in North Carolina war so angelegt, dass sich Studenten ihren Unterricht individuell und interdisziplinär aus Bereichen wie Bildender Kunst, Theater, Musik, Literatur, Architektur, Mathematik, Physik, Chemie, Geografie oder Geschichte zusammenstellen konnten, daneben zusammen mit ihren Lehrern auf der College-Farm für die Selbstversorgung arbeiteten und später sogar eigenhändig ihr eigenes College-Gebäude aufbauten.

Lernende und Lehrer lebten, spielten, bauten, experimentierten und feierten zusammen, diskutierten permanent die Grundfragen der Menschheit und versuchten sich allen äußeren Zwängen zu entziehen.

Befeuert wird die Schwärmerei für das College-Programm natürlich von der Prominenz der Lehrer und Studenten, die das Black Mountain zur Legende machten: Josef und Anni Albers, John Cage, Merce Cunningham, Albert Einstein, Lyonel Feininger, Richard Buckminster Fuller, Walter Gropius, Franz Kline, Willem de Kooning, Ernst Krenek, Robert Motherwell, Charles Olson, Amédée Ozenfant, Robert Rauschenberg, Xanti Schawinsky, David Tudor, Cy Twombly und Ossip Zadkine sind nur einige der Personen, die während der 24 Jahre am Black Mountain College mitgewirkt haben und das Experiment ganzheitlicher Erziehung und gemeinschaftlicher Lebensform nicht nur pädagogisch, sondern auch gesellschaftspolitisch begriffen.

Und tatsächlich hat das Black Mountain College einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Künste und auf den gesellschaftlichen Aufbruch in den Sechzigerjahren gehabt.

Ein großer Aufbruch war bereits die Gründung des College durch John Andrew Rice 1933, der "Methoden, nicht Inhalte lehren" wollte und deshalb aus dem konservativen Rollins College in Florida gefeuert wurde. Im Sinne der reformpädagogischen Ideen des Philosophen John Dewey gründete er zwei Monate nach seinem Rauswurf das Black Mountain College in einer gemieteten Halle nahe Asheville, North Carolina - mit 14.200 Dollar aus privaten Spenden, zwölf Lehrern und 22 Studenten.

Als sich kurz darauf das Bauhaus in Berlin auflöste, bot er Josef und Anni Albers eine Lehrtätigkeit am neuen College an. Die beiden kamen bereits am 5. Dezember 1933 an und prägten zusammen mit anderen deutschen Emigranten das College. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gingen zunehmend kreative Impulse von jungen amerikanischen Künstlern, Literaten und Wissenschaftlern aus.

Erst wurde gebaut, dann Architektur gelehrt

Der Ausgangspunkt für die erste umfassende Ausstellung in Deutschland über das progressive Konzept des Black Mountain College seien zwei frühe Gemälde in der Sammlung Marx von Cy Twombly und Robert Rauschenberg gewesen, die am College entstanden sind, sagt Gabriele Knapstein, die zusammen mit Eugen Blume die Ausstellung kuratiert hat.

Dazu kamen weitere Arbeiten von Rauschenberg, Robert Motherwell, Richard Buckminster Fuller oder Franz Kline, der am College unterrichtete und dessen wichtige Antologie "The Dada Poets and Painters" neben anderen Büchern ausgestellt ist.

In offenen Abteilungen mit Vitrinen und Schauwänden vom Architektenkollektiv raumlaborberlin ist die Ausstellung chronologisch aufgebaut, beginnend mit zwei Räumen zu Josef und Anni Albers. Zu sehen sind Briefe, die ersten Semesterhefte mit den Lehrangeboten, dazu Arbeiten des Malers.

Von Anni Albers sind frühe Studien mit der Schreibmaschine oder mit Nadelstichen zu sehen, die an konkrete Poesie erinnern und in Webarbeiten umgesetzt wurden. Natürlich sind Partituren von John Cage ausgestellt; Aufführungen von Merce Cunningham und der Aufbau der Keramik-Werkstatt mit Werken von Shoji Hamada sind dokumentiert.

Überall zeigen Fotos das Leben und Arbeiten im Campus, die Selbstversorgung, die aus Geldmangel und besonders in der Kriegszeit wichtig war, und natürlich das neue, 1940 von Studenten unter Anleitung des Architekten Lawrence Kocher gebaute College-Gebäude.

Im Rahmenprogramm wird unter anderem die Frage gestellt, wie aktuell die pädagogischen Ansätze von Black Mountain noch sind. Aber ob eine Ausstellung die Idee und die Gründe für das Scheitern des Projekts wirklich vermitteln kann? Auf jeden Fall ist der Katalog wichtig und hilfreich. Man sollte ihn lesen und dabei an ein Zitat von Josef Albers von 1936 denken: "Ich möchte, dass der Student geistig unruhig ist, nicht zufrieden mit dem, was ihm gegeben wurde."


"Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933 - 1957". Berlin, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart. Bis 27.9., smb.museum/hbf und blackmountaincollege.org



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westerwäller 09.06.2015
1. Typischer Upper-Class Snobismus ...
Ich bilde mein Selbst nach Wunsch ... Hab´s ja nicht nötig, später damit Geld zu verdienen ... Darum etwas Sprachen, bisschen Musik, Mathe - aber nichts Langweiliges - usw. So möchten es viele Studis heutzutage auch, aber später soll irgendwer sie für ihre Hobbies bezahlen. Weil sie eben nicht zur Upper-Class gehören. Und die Bezahlung bitte nicht schlecht ...
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