Blockupy-Proteste Der falsche Kraftakt

Die Finanzkapitale brennt! Ist das der kommende Aufstand? Die Blockupy-Proteste in Frankfurt liefern Bilder, die an apokalyptische Hollywood-Blockbuster erinnern. Aber wem nützt die Revolutions-Inszenierung wirklich?

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Rauchschwaden über Frankfurt: Der Krawall vernebelt die Sicht auf den Kern des Konflikts
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Rauchschwaden über Frankfurt: Der Krawall vernebelt die Sicht auf den Kern des Konflikts


Der Frankfurter Verwaltungsrichter Rainald Gerster ist ein kluger Mann. Das ganze vergangene Jahr über war er mit den Nachwirkungen der letzten großen Blockupy-Proteste in seiner Stadt beschäftigt. Mal ging es um die Frage, ob es rechtens gewesen sei, am 1. Juni 2013 rund tausend Demonstranten bis zu zehn Stunden in einem sogenannten Polizeikessel festzuhalten (Ja, war es); mal ging es um den Pfeffersprayeinsatz der Beamten (Nein, war nicht ok). Die Ereignisse von 2013, sagte Gerster im September letzten Jahres, seien ein "Kraftakt, der niemandem nutzt" gewesen. Um so etwas bei künftigen Demonstrationen zu vermeiden, sollten beide Seiten im Vorfeld besser kommunizieren, riet der Richter.

Vergebens. Ein knappes halbes Jahr später wird nun wieder eingekesselt, geprügelt und gezündelt (Verfolgen Sie hier unser Newsblog). Mit einem feierlichen Akt sollte die neue Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) eröffnet werden, und pünktlich zur Feierstunde stiegen über der City und dem etwas abseits stehenden neuen Turmbau dicke Rauchschwaden auf, allerdings stammten die nicht von fröhlichen Feuerwerken, sondern von brennenden Barrikaden und angezündeten Fahrzeugen. Offenbar hat man nicht genügend miteinander geredet.

Und warum auch? Viel wirkmächtiger als Fotos von nüchternen Diskussionsrunden an runden Tischen sind die Bilder der brennenden City, die wackeligen Videos von Straßenschlachten. Das evoziert aus dem Blockbusterkino bekannte apokalyptische Endzeitszenarien, das erinnert an den Kanon historischer Umstürze: der Sturm auf die Bastille, die Tea-Party in Boston - in dieser aufregend aufklärerischen Tradition möchten sich einige Revolutionäre von Blockupy gerne sehen, die Revolution als Thriller! Deshalb kraxeln sie tollkühn mit Transparenten an den glatten Fassaden der Bürotürme empor, als wollten sie den phallisch geformten Monolithen der Kapitalmacht ein Verhüterli überziehen.

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Anti-EZB-Protest: Mit Steinen gegen die Zentralbank
Auch die in anonymen Rüstungen aufmarschierende Staatsmacht, die "Robo-Cops", erfüllen in diesem Zeichensystem eine wichtige Funktion. Mit der waffenstarrenden Übermacht demonstriere der repressive Staat seine Gewalt und unterdrücke die mutige Stadtguerilla, die sich unter der Maske des edlen Terrormärtyrers Guy Fawkes zum Anwalt der wehrlosen Klasse macht. Gerade die brennende Finanzmetropole am Main ist ein starkes Symbol: Ist das der seit Jahren beschworene "kommende Aufstand"? Steht das Kapital letztlich hilflos vor der revolutionären Kraft?

Dieses Bürgerkriegsszenario dominiert nun also erneut die Berichterstattung der Massenmedien. Es sind Bilder, die ihren Ursprung in den Studentenunruhen und Bürgerrechtsschlachten der Sechziger und Siebziger haben, sie folgen einer sorgsam über Jahrzehnte deutscher Protestkultur und Jahre der Globalisierungsgegnerschaft hinweg einstudierten Choreografie: 8000 Polizeibeamte treffen sich in Frankfurt mit rund 10.000 Demonstranten zu dieser beinahe theatralischen Inszenierung zweier hervorragend organisierter Ensembles.

Blockupy-Aktivist im Video: "Polizei wollte Bürgerkriegsszenario"

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Wem nützt das Spektakel?

Die Frage ist nur, wem das Spektakel mehr nützt? Die Staatsmacht beruft sich in ihrem Abschreckungsextremismus auf den Schutz der Zivilbevölkerung und der öffentlichen Ordnung und weiß den Volkszorn hinter sich, wenn, wie am Mittwochvormittag, U-Bahnen attackiert oder Hilfskräfte bei der Arbeit behindert werden.

Die durchaus berechtigte Infragestellung vermeintlich alternativloser Austeritätspolitik, der Ruf nach einem nichtexploitativen, nicht auf Profit Weniger, sondern Wohlstand Vieler geeichten System, das nicht Kapitalismus heißt, all das rückt angesichts der Gewaltbilder um die EZB-Zentrale in den Hintergrund. Es sei gelungen, "die Einweihungsfeier zu einer Randerscheinung zu machen", sagt Blockupy-Sprecher Christoph Kleine, dasselbe gilt allerdings auch für die Inhalte seines Protests.

Der Bürger nämlich, so kann man die Stimmung auch in den sozialen Netzwerken deuten, fühlt sich weniger revolutionär als belästigt. Er nimmt im Zweifel vom 18. März kein Bewusstsein für die kapitalistische Härte der aktuellen Europapolitik mit, er verspürt keine Solidarität mit den Griechen oder anderen prekarisierten EU-Bürgern, sondern schüttelt den Kopf über die "Steineschmeißer" und "Chaoten". Am wie auch immer erzeugten Desinteresse der vor dem System zu rettenden Bevölkerung an der Revolution scheiterte in den Siebzigern bereits die RAF.

Das Problem: Die Beschwörung umstürzlerischer Kriegsbilder mag effektvoll sein und maximale Aufmerksamkeit garantieren, doch der Krawall provoziert nicht nur den Staat zu justiziabel ausschlachtbaren Übergriffen und hässlichem Kontrollwahn, er schürt auch die Angst des Bürgertums vor Unruhe und Instabilität. In der vom Mittelstand dominierten Bundesrepublik spielt das Narrativ von der brennenden Bank letztlich den herrschenden Kräften in die stets beschwichtigenden Hände. Die Angst vor Chaos und Gewalt ist - immer noch - größer als der Wille, die bestehende Ordnung zu hinterfragen.

Der Diskurs über politische Strategien und gesellschaftliche Entwicklungen gehört dennoch zum Wesen der Demokratie. Aber die rationale Debatte, nicht die Inszenierung martialischer, am Ende uneindeutiger Bilder, ist der wahre Kraftakt für den Staat und seine Gegner.



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insgesamt 157 Beiträge
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KingTut 18.03.2015
1. Die Staatsmacht ...
... hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, im Interesse der öffentlichen Ordnung und zum Schutz der überwiegenden Mehrheit friedlicher Bürger, gegen Gewalttäter hart durchzugreifen. Es tut einem in der Seele weh, diese Rauchschwaden über Frankfurt hinwegziehen zu sehen. Wer bezahlt für die angerichteten Schäden und Umsatzeinbußen der Geschäfte, vom Imageverlust dieser großartigen Stadt ganz zu schweigen? Wenn so unsere Zukunft aussieht, dann gute Nacht Deutschland. Ich hoffe, unsere Regierung zieht jetzt die Konsequenzen, bevor es zu spät ist.
yakbelli 18.03.2015
2. blockupy
und schon wird klar, hier gehts um Krawall, nicht um die Sache. Leute, die schon vermummt zu so einer Veranstaltung kommen, wollen nicht die Diskussion, sondern Krawall. Warum? Weil man dem verhassten Staat es mal so richtig zeigen kann! Wer so kommt, verdient die Härte des Gesetzes. Das hat mit Demokratie nichts zu tun!
Sonia 18.03.2015
3. Noch schüttelt der Bürger
den Kopf u. lehnt Solidarität ab auf dem Weg zu seiner Arbeit, diese Haltungen ändern sich schlagartig, wenn es z.B. in der kommunistischen Chinas-Wirtschaftkracht und all die Millionen bei uns, die durch die enge wirtschaftliche Verflechtung ihre gut bezajlten Jobs verlieren, nicht mehr im Berufsverkehr unterwegs sind. Gewalt ist das dãmlichste Mittel, aber wir wissen nicht, wie es denen geht, die da randalieren.
robin-masters 18.03.2015
4. Sehr schön!
Ein sehr guter Artikel und eine sehr kluge Analyse. Der Bürger zieht die Sicherheit vor - und daher ist der Weg durch die Institutionen immer noch der bessere, wobei man letztendlich zur Institution wird ?? Diese Gewalt bringt nur dem Staat und den Extremisten was und wird daher nichts ändern.
hieristmeinsenf 18.03.2015
5. Die Analyse ist an den Haaren herbeigezogen.
Man muss nicht alles durch die Brille der etablierten Mittelschicht sehen. Es handelt sich um die junge Generation, die sich über ihre Zukunft durchaus Sorgen machen darf. Ich gehe auch nicht davon aus, dass sie Warmduscher mobilisieren wollen, sondern ebenfalls besorgte Mitmenschen. Wenn mein aktuelles Problem darin besteht, ob mein nächster Sportflitzer in Kupferbraun oder in Kirschrot bestellt wird, dann empfinde ich solche Demonstranten natürlich als Krawallmacher, genauso wie Herr Borcholte. Die Deutungshochheit über gesellschaftliche Werte wie Wohlstand, Ordnung und dergleichen muss täglich neu erkämpft werden, Herr Borcholte. Gut zu wissen, auf wessen Seite Sie sich schlagen. Vielen Dank auch.
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