"Bloody Daughters": Kinderfasching mit Harfouch und Co.

Von Harriet Dreier

Corinna Harfouch und ihre Schwester Catherine Stoyan hopsten quietschend über die Bühne und versuchten sich als Comedy-Duo "Bloody Daughters". Ein wüstes Märchen-Fiasko in der "Bar jeder Vernunft."

Unter der Zeltkuppel dreht sich zu Spieluhrmusik ein Pausbacken-Mond. Corinna Harfouch und Catherine Stoyan stehen trällernd im Kinderkostüm mit Zöpfchenperücke auf der kleinen Bühne. Um sie herum springt Nino Sandow als brauner Frotteebär verkleidet und stimmt mit den "Bloody Daughters" schräge Lieder an. Angekündigt war die Show als Märchen-Farce mit Musik frei nach "Schneeweißchen und Rosenrot" von denGebrüdern Grimm. Was allerdings im Spiegelzelt der "Bar jeder Vernunft" geboten wird, ist mehr Farce denn märchenhaft. Keine der Damen trifft den Ton: Corinna Harfouch brummt wie ein Teddy, den man auf den Kopfstellt, und Catherine Stoyan, sichtlich bemüht, mehr Qualität zu liefern, zerrt mit ihrer Piepsstimme an den Nerven wie eine singende Säge.Zwischen den Gesangseinlagen kommentiert eine überdimensionierteHandpuppe im Columbo-Mantel als rasender Reporter das Geschehen. Dabei wechseln die Bühnenbilder in rasantem Tempo: vom Western-Saloon nach Spanien, in die Karibik und zurück. Ohne erkennbare Dramaturgie laufen die Darbietungen ab und die Akteure durcheinander - so stellt man sich Außerirdische im Drogenrausch vor. Wer jemals die "Teletubbies" gesehen hat, kennt das Gefühl der tiefen Verwirrung, das einen als Zuschauerplötzlich erfassen kann.In ihrer Familienposse streunen die Schwestern Harfouch und Stoyan als Cowgirls herum, die verwegen über Leichen gehen und mit "Bärkeeper" Nino Sandow wüsten Sex haben. Die Dialoge, von Kunstsprache durchsetzt, sind wirr:"Was frisst'n du da?" - "Ne Ratte!" - "Das war meine Ratte!" - "Na, wenn ich doch Hunger hatte!". Alles wirkt ein bisschen so, als hätte sich das Ensemble nicht zwischen Nummern-Revue und Stand-up-Comedy entscheiden können. Dabei wäre die Idee der Märchenparaphrase ausbaufähig: Die von Nino Sandow komponierte Musik ist bestechend melodiös, die Liedtexte gut, und einige hübsche Regie-Einfälle sind auchdarunter - etwa eine Kinderstimme, die das Grimmsche Märchen aus dem Off vorträgt.Schöne Momente gibt es auch, wenn die Schwestern eng aneinander geschmiegt singen und die Musik dabei keine Ansprüche an ihre Stimme stellt. Doch die Cowboy-Spiele, bei denen das Schwestern-Duo auf Barhockern reitet und mit Bananen schießt, dazwischen sinnlose Ballett-Etüden und Nino Sandow als Potenz-Bär mit erregierten Plüsch-Genitalien, verursachen ratlose Gesichter im Publikum. Wenn auch noch Funkenmariechen die Bühne gestürmt und "Helau" gerufen hätten, es hätte wohl niemanden gewundert. Die"Bloody Daughters" hätten ihre Premiere besser auf den 11.11. gelegt.

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