BMW Guggenheim Lab: Occupy, sponsored by

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Gute Besucherzahlen, haarsträubende Erkenntnisse: Zum Abschluss des BMW Guggenheim Labs in Berlin zog das Kuratorenteam Bilanz - und gab seltsame Einblicke in seine Philosophie. So verglichen sich die Stadtforscher etwa mit den Revolutionären des Arabischen Frühlings.

BMW Guggenheim Lab: Was von Berlin übrig bleibt Fotos
2011 Solomon R. Guggenheim Foundation/ Maria Nicanor

Irgendwann sprach es Kuratorin Maria Nicanor selbst aus: "Das Lab hat mehr von Berlin gelernt als Berlin vom Lab." Zwei Tage vor Ende des umstrittenen BMW Guggenheim Labs im Prenzlauer Berg hatte sie zur resümierenden Pressekonferenz eingeladen. Gute Zahlen gab es zu vermelden: Über 24.000 Besucher hatten über die vergangenen sechs Wochen den wandernden Forschungsraum besucht, über 300 Workshops und Vorträge waren im Angebot, im Schnitt kamen 570 Interessierte pro Tag. Was Nicanor und drei der Lab-Team-Leiter zu berichten hatten, war dennoch nachgerade verstörend - nicht zuletzt, weil sich die von BMW gesponserten Kulturschaffenden mehrfach mit den Aufständischen vom ägyptischen Tahrir-Platz verglichen.

Es war vor allem Carlo Ratti, Lab-Team-Leiter für den Bereich Technologie, der den abwegigen Vergleich bemühte: "The Arab spring really was an urban spring!", der arabische Frühling sei eigentlich eine städtische Renaissance gewesen, erklärte der italienische Stadtforscher. Außerdem hätte die Stahlkonstruktion, die als Dach des Labs gedient hatte, ähnlich wie die Zelte auf dem Tahrir Platz funktioniert: Nicht auf die Architektur wäre es angekommen, sondern was in ihr passiert sei. Dem widersprachen Rattis Kolleginnen nicht - wahrscheinlich, weil auch bei ihnen ein paar Kategorien durcheinander gewirbelt waren.

Corinne Rose, die einzige Berlinerin der vier Lab-Team-Leiter, erzählte begeistert von ihren Projekten, bei denen sie Brachflächen für die öffentliche Nutzung erschließen und auf den problematischen Verkauf von städtischen Liegenschaften hinweisen wollte. Dass es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn BMW mit dem Lab selbst einen öffentlichen Raum besetzt und versucht, stadtpolitische Diskussion unter seinem Markennamen anzuschieben, schien für sie kein Thema zu sein.

Städteplanung ohne Menschen

Letztlich ist es doppelt bezeichnend, dass die Initiative nicht "Berlin Lab sponsored by BMW" hieß. Zum einen ist es Ausdruck von einer bereits länger andauernden Entwicklung, dass Kultursponsoren auf mehr Präsenz ihrer Namen und Logos bei den von ihnen geförderten Veranstaltungen drängen. Dass damit genau der Imagetransfer, den sie sich von der Förderung erhoffen, gefährdet wird, ist nur einer von vielen problematischen Aspekte dabei. Zum anderen belegt ja der Name "BMW Guggenheim Lab", dass die Stadt Berlin eben keine zentrale Rolle bei der Planung und Ausrichtung des Programms spielte.

Auf die Besucherzahlen angesprochen, wehrte sich Lab-Team-Leiterin Rachel Smith, zuständig für Mobilität, sogar dagegen, das Interesse vor Ort als Maßstab für den Erfolg des Labs zu nehmen. Sie hätte so viel positive Resonanz auf ihren begleitenden Blog etwa aus Kapstadt oder Brisbane erhalten - diese globalen Impulse seien es, die zählten.

Maria Nicanor von der Guggenheim Stiftung betonte hingegen, dass bei der Städteplanung oft soziale Aspekte vernachlässigt würden und erst langsam damit begonnen würde, Bewohner in die Diskussionen einzubeziehen. Dass mag aus der Perspektive von einzelnen Regierungen oder Unternehmen so sein. Doch unterschlägt diese Deutung, dass soziale Bewegungen und Bürgerinitiativen keine jüngere Erscheinung sind - es also genügend Menschen gibt, die nicht darauf warten, zu Diskussionen eingeladen zu werden, um sie auch zu führen. Nicht zuletzt der Protest gegen die mögliche Ansiedlung des Labs in Kreuzberg hat gezeigt, dass vor Ort längst vielschichtige Kontroversen laufen, in den Anwohner ihre Vorstellungen von Stadt und lebenswerten Wohnraum äußern.

Aber ein Andocken oder Weiterführen bestehender Diskussionen schien gar nicht das Anliegen des Labs zu sein - sonst hätte man wahrscheinlich auch mehr in Berlin ansässige Teamleiter ausgewählt. Nein, das Kuratorenteam schien davon ausgegangen zu sein, dass man mit dem Lab vor allem Wissen in die Stadt werde tragen können.

Dass es nun in den Worten von Nicanor genau umgekehrt gekommen ist und das Lab mehr von Berlin gelernt hat, kann man angesichts des personellen und finanziellen Aufwands kaum lustig finden. Nachhaltige Impulse scheint das Lab jedenfalls nur für seine Betreiber gebracht zu haben.

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