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Bob Geldof als "Bild"-Chef: Auf nach Scheinheiligendamm!

Von Reinhard Mohr

Der Uno-Beauftragte des Pop, Bob Geldof, hat die "Bild"-Zeitung auf Kurs gebracht. Unter Leitung des Sängers rettet das Blatt heute ganz Afrika - eine journalistische Sause zwischen Naivität und Zynismus.

Spät kommt sie, doch sie kommt, die süße Rache des Axel Cäsar Springer selig. Die 68er haben ihn bis aufs Messer bekämpft, und seine "Bild"-Zeitung hat die außerparlamentarische Linke noch in Grund und Boden geschlagzeilt, als sie schon Ministerwürden errungen hatte. Unvergessen jener "Bild"-Kommentar vom 3. Juni 1967, ein Tag, nachdem der Berliner Student Benno Ohnesorg gestorben war. Beschuldigt wurde nicht der Todesschütze, Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras, sondern das Opfer.


Und die Studenten, die gegen den Besuch des Schahs von Persien demonstriert hatten: "Sie müssen Blut sehen ... Die Deutschen wollen keine braune und keine rote SA ... Und wer nicht friedlich demonstrieren kann, gehört ins Gefängnis." Spätestens jetzt waren "Bild" und die deutsche Linke Feinde fürs Leben.

Heute, genau vierzig Jahre später, müssen die Linken "Bild" kaufen. Ja, "Bild". Jedenfalls dann, wenn sie wissen wollen, wie Sir Bob Geldof, einer der ihren, die Ikone der Globalisierungskritiker, Afrika retten will. Für einen Tag war er Chefredakteur des Boulevardblattes.

Hilfskabinett der Prominenten

"Schluss damit! Jetzt!", brüllt die Schlagzeile über dem riesigen Foto eines schreiend verhungernden schwarzen Kindes. "30.000 Menschen sterben in Afrika jeden Tag an Armut". Und Bob Geldof, 55, der 1979 als Sänger der Popgruppe "Boomtown Rats" mit dem Song "I don't like Mondays" berühmt wurde und 1985 das weltweite "Live Aid"-Konzert organisierte, legt gleich auf der Titelseite los: "Uns wird übel, wir schämen uns, wir sind wütend. Und wir fragen die Mitglieder der deutschen Regierung: Wird Ihnen bei diesem Foto nicht auch übel? Schämen Sie sich nicht genauso wie wir?"

Das scheint die Erkenntnis leitende Frage zu sein, die wie eine Geschmacksfrage daher kommt. Ja, uns wird übel, und wir schämen uns. Allerdings nicht zum ersten Mal, wenn wir die Titelseite der "Bild"-Zeitung sehen.

Zehn Zeilen später folgt der ultimative Aufruf: "In Gottes Namen und im Namen Deutschlands - machen Sie Ihren Job! Machen Sie endlich Schluss mit dem Elend!" Man wäre geneigt, "Jawoll, Sir, wird gemacht!", zu antworten, aber wir, "die Menschen", sind gar nicht gemeint. Sondern die Regierung. Damit aber Angela Merkel und ihre Minister beim bevorstehenden G-8-Gipfel in Heiligendamm ihren Job auch richtig machen, umrahmt die Titelseite fast zur Gänze ein weltweites virtuelles Hilfskabinett von Prominenten, das sich auf den folgenden Seiten optisch fortsetzt.

Sie haben nur eins im Sinn: "Wie kann Deutschland Afrika helfen?" Und alle machen mit: Nina Ruge und Jogi Löw, Papst Benedikt XVI. und Campino, Bill von Tokio Hotel und Bill Clinton, Bill Gates und Nelson Mandela, Claudia Schiffer und George Clooney, Jeannette Biedermann und Heino, Gerald Asamoah und Anne Will, Bono und Biolek, Kofi Annan und George W. Bush. Ja, George Bush, der bislang sträflich unterschätzte Friedensfreund, Globalisierungskritiker und leidenschaftliche Helfer Afrikas.

"Frau Kanzlerin, weinen Sie für Afrika?", fragt Chefredakteur Geldof gleich auf Seite zwei und erhält umgehend eine Antwort, die so staubtrocken preußisch wie merkeltypisch ist: "Ich glaube nicht, dass das ein Erfolg versprechender Weg wäre." Chef-Interviewer Geldof setzt immer wieder nach, auch wenn er nicht weiß, wie viele Nullen eine Billion hat. Eines aber weiß er ganz genau: 700 Millionen mehr für Afrika müssen es sein pro Jahr. Warum? Weil es beim Gipfel von Gleneagles so "versprochen" wurde. Und was versprochen wird, muss eingehalten werden. Das weiß jedes Kind.

Kommentare mit Karacho

Ohne Pause geht es weiter im Text. Steht die Rettung Afrikas auf dem Spiel, reicht ein Kommentar natürlich nicht aus. Deshalb hat Geldof gleich noch einen zweiten geschrieben. Überschrift: "Deutschland kann es schaffen!" Wie bitte? schreckt man auf, geht es am Ende doch um uns?! Hartz IV, die Gesundheitsreform, den Börsengang der Bahn?

Nein, unsere Regierung, soll nur mehr für die Armen in Afrika tun, und 71 Prozent der Deutschen wollen das auch. Das behauptet jedenfalls eine Umfrage. So steht denn dem "Ende des Zynismus" praktisch nichts mehr im Wege. Jetzt muss die Kanzlerin ihren G-8-Kollegen nur noch sagen: "Von heute an werden keine Armen mehr sterben!" Schluss. Aus. Ende. "Alles wird gut", hört man Nina Ruge im Hintergrund flöten.

Da lässt sich auch "Bild"-Caudillo Franz Josef Wagner nicht lumpen und richtet seine tägliche "Post" gleich an das ganze "liebe Afrika". Poetisch wie immer, dabei durchaus gewagt schreibt er: "Wenn ich an Afrika denke, dann denke ich auch an Brandenburg. Viele schöne Menschen Afrikas sind Nutten und Kellner geworden." Zwar gebe es ja auch Naomi Campbell und Kofi Annan - "aber der Rest Afrikas verhungert". In einem Wort: "Die Geier sitzen auf den toten Ästen." Schöner hätte man es wahrscheinlich kaum sagen können.

Auf Seite drei ist der Infokasten "Das müssen Sie über Afrika wissen" schon dreimal kleiner als der Text mit George W. Bush, der ganz persönlich über seine Erfolge bei der weltweiten Aids-Bekämpfung schreibt. Auf drei bunten Bildern sehen wir einen fröhlich lachenden Vierjährigen aus Südafrika, Sohn einer aidskranken Mutter, wie er dem US-Präsidenten vorm Weißen Haus entgegen springt. Gleich darunter verspricht Bill Clinton, dass es uns allen besser geht, wenn es Afrika besser geht, und die schöne Schauspielerin Bettina Zimmermann gesteht "ihre wahre Liebe": "Afrika mon amour".

Da das übliche Seite-eins-Girl heute aus nachvollziehbaren Gründen wegfallen musste, wird es auf Seite vier politisch korrekt wenigstens angedeutet. Unter einer Fotografie des völlig nackten sudanesischen Models Alek Wek philosophiert Claudia Schiffer über den Zauber "afrikanischer Gewebe" und die Zukunft der Modeindustrie dies- und jenseits des Äquators. Gleich nebenan bekennt Matt Damon: "Ich sah Hoffnung". Zunächst war er freilich ziemlich "wütend", als er erfuhr, dass "in Afrika alle 15 Sekunden ein Kind aus Mangel an sauberem Wasser stirbt". Das hatte ihm vorher niemand gesagt. Dafür sah er dann in die Augen eines Mädchens in Sambia und weiß jetzt genau, was Not tut: "Also, los, Deutschland, lasst uns Brunnen bauen!"

Aktivismus von seinen besten Seiten

Klar, machen wir! hört man sich schon selber brummen. Es wäre aber auch nicht schlecht gewesen, wenn Chefredakteur Geldof mal bei der "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit" (GTZ) und anderen deutschen Entwicklungshilfeorganisationen nachgefragt hätte, wie viele Brunnen wo, wie und unter welchen schwierigen Umständen bisher schon gebaut wurden.

Aber es geht ja ums Prinzip, an das Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit erinnert: "Was wir brauchen, ist ein Herz für Afrika!" Und das haben wirklich alle, alle in Bob Geldofs heutiger "Bild"-rettet-Afrika-Zeitung.

US-Außenministerin Condoleezza Rice als "Wegbereiterin der deutschen Einheit", noch ein bisschen Busenluder-Berichterstattung mit Rolf Eden, Tatjana Gsell, Udo Walz, Babs Becker und Djamila Rowe ("in einem Hauch von Gar-Nichts"), und schon ist man durch und landet auf der letzten Seite mit vielen schönen Fotos aus der Redaktion: "Popstar Bob Geldof. Sein Tag als 'Bild'-Chefredakteur". Mit Hausausweis und Speicherchip für die Kantine. Es gab Ruccola mit Rind, Erdbeeren mit Sahne, Wasser und Kaffee.

"Bob" suchte "jedes Foto selbst aus, bestimmt die Schlagzeile und feilt an jeder weiteren Zeile". Puuh, "ich hatte nicht erwartet, dass es so anstrengend und toll wird. Ich denke, wir haben eine Zeitung gemacht, die die deutsche Politik und das Leben von Millionen Menschen ändern kann".

Wir dagegen denken, dass man diese Ausgabe der "Bild"-Zeitung aufheben sollte zum Beweis dafür, wie rasch moralische Beweggründe sich in einen wohlfeilen Moralismus verwandeln können, der in verlogenem Kitsch und objektivem Zynismus endet.

Scheinheiligendamm.

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"Bild" und Bob: "Weinen Sie für Afrika?"

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