Böhme als Maischberger Strammer Knabe, brutale Kerle

Es drehte sich alles ums Kind bei Erich Böhmes "Maischberger"-Sendung: um das Neugeborene der verhinderten Gastgeberin und um Jugendgewalt von Hooligans, Neonazis, Migrantenkids - viel zu viel für eine Sendung.

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Alt-Talker Erich Böhme war gestern Abend Sandra Maischberger - so sagte der ehemalige SPIEGEL-Chef es selbst: Der 77-Jährige war der erste Vertreter der frischgebackenen Mutter für die Sendung "Menschen bei Maischberger" und hatte im SPIEGEL-Interview lakonisch verkündet: "Sandra Maischberger soll ihr Kind kriegen - und bis dahin helfen eben ein paar alte Esel aus. Ich bin quasi Geburtshelfer. Aber eine Sensation wird das nicht."

Moderator Böhme, Minister Schönbohm: "Meine Eltern sind auch keine Akademiker"
DPA

Moderator Böhme, Minister Schönbohm: "Meine Eltern sind auch keine Akademiker"

Der "stramme Knabe" sei schon geboren, enthüllte Böhme. Und er solle jetzt in Maischbergers Sendung über Jugendgewalt sprechen. Titel der Sendung: "Saat der Gewalt: Wer schützt uns vor der Jugend?"

Eingeladen auf die gelben Sofas waren ein geläuterter Ex-Hooligan, ein geläuterter Ex-Schläger mit Migrationshintergrund, der türkischstämmige Grünen-Politiker Cem Özdemir, der brandenburgische CDU-Politiker Jörg Schönbohm, ein Jugendrichter aus Bernau und eine Direktorin einer Kölner Hauptschule, in die zu 50 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund gehen. Eine Gästeliste, die Böhme zu der Feststellung veranlasste: "Ich hab' mir ja nur Ideale eingeladen!"

Ideale oder das wahre Leben? Zuerst ging's um die Hooligan-Krawalle der letzten Wochen nach Fußballspielen in Ostdeutschland. Der Ex-Hooligan Steffen A. erklärte, das Phänomen der Hooliganzusammenschlüsse resultiere aus einem "Komplex", "aus einer Spannung, einer Kameradschaft, die es sonst in der Gesellschaft kaum gibt." Böhme verstand das nicht ganz: "Ich hatte doch auch Freunde und hab' keine Leute angepöbelt."

"Ich wollte nie wieder eine Zelle von innen sehen"

Über die Frage, ob sich Hooligans, wenn sie von der Polizei gefasst werden, geehrt fühlen, ging es weiter zu den gewaltbereiten Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Aus Berlin wurde kürzlich bekannt, dass in mehreren Bezirken 80 Prozent aller Jugendgewaltdelikte von Jugendlichen mit Migrationshintergrund verübt werden. Also fragte Böhme seinen Gast Fadi Saad, früher Schläger bei der Gang "Araberboys 21", heute als Sozialarbeiter "Quartiersmanager" in Berlin-Neukölln, wie das denn bei den Einwanderern sei.

Ehre spiele da eine sehr große Rolle, erklärte Saad. "Ich habe im Knast in Plötzensee gesessen. Wer das über sich sagen kann, gilt schon als cool", beschreibt er das krude Selbstverständnis der Szene. Er selbst, sagte der 27-Jährige, habe das Dasein als Schläger aufgegeben, als er für ein Wochenende im Knast saß. "Das war so abschreckend, da hab ich mir geschworen, ich will nie wieder eine Zelle von innen sehen."

Warum sind Jugendliche aus Einwandererfamilien so viel gewaltbereiter als andere? Eine Frage, die ein in der Integrationsdebatte scharf diskutiertes Problem anschneidet: Ist es die ethnische Herkunft oder die soziale? Oder beides? Zum Teil, sagte Cem Özdemir, sei das auch eine "kulturelle Problematik" - bei Migrantenfamilien herrschten oft patriarchiale Erziehungsstile. Jugendliche lernten zu Hause, dass Konflikte mit Gewalt gelöst werden, Vorbilder würden fehlen. Aber das sei nur die eine Seite. Die andere: dass viele aus armen, bildungsfernen Schichten kommen, keine Vorbilder hätten. Bei denen stehe eben kein Brockhaus im Regal, so der Grünen-Mann.

"Nicht auf Ethnie reduzieren"

Schönbohm, der Innenminister aus Brandenburg, den Böhme als "den letzten Konservativen" der CDU vorgestellt hatte, wollte das nicht gelten lassen: "Meine Eltern sind doch auch keine Akademiker." Replik Özdemir: "Die Ursachen für Jugendgewalt sind nicht monokausal, aber lassen sich eben nicht auf eine Ethnie reduzieren."

Rechtsextreme, gewalttätige Migranten: Das Thema Jugendgewalt wurde bei Böhme/Maischberger mit all seinen Symptomen diskutiert. Wer einen Überblick über die Debatte haben wollte, war hier richtig. Die Zeit für tiefergehende Analysen allerdings fehlte: Schnell und ohne Chance auf Tiefgang ging es von den Ursachen weiter zur Prävention und zum "Umgang mit Machos" (Böhme). Rita Wohlgemuth, Schulleiterin aus Köln, empfahl Regeln im Tagesablauf, "Anstrengung ohne Ende" und einen Klassenverband, der Machos eben gerade nicht billige. Und Perspektiven: "Mich betrübt es sehr, dass wir 80 von 100 Schülern ohne Ausbildungsplatz überlassen."

"No Future" - und das heiße dann, dass dem Lehrer ein Stuhl an den Kopf fliegt, fragt der findige Moderator. Natürlich nicht zwangsläufig: Am Ende der Sendung standen Appelle des Ex-Hooligans, jeder müsse Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen.

"Aber die Gesellschaft muss sich schon auch fragen, warum sie Gewalt hervorbringe." Özdemir mahnte Pädagogen und Polizisten mit Migrationshintergrund sowie die Erziehung zum richtigen Umgang mit Medien, auch mit Killerspielen, an. Sozialarbeiter Saad strich die bedeutende Rolle des Elternkontakts heraus; Jugendrichter Müller beschwerte sich, es dauere zu lange, bis straffällige Jugendliche verurteilt würden. Und wenn sie dann im Gefängnis seien, dann würden sie nicht ordentlich betreut. "Und heraus kommen erwachsene Straftäter." Prävention und Repression müssten zusammen greifen.

"Jetzt sind wir uns dummerweise wieder einig geworden", seufzte der Talkmaster da. Ganz klar: Konsens war das Stilprinzip - ausgerechnet bei einem der brisantesten Themen der aktuellen Innenpolitik.



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