Bad-Taste-Ausstellung: Jahrmarkt der Scheußlichkeiten

Von

"Böse Dinge": Gepfefferter Sexismus Fotos
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Salzstreuer in Busenform, Finger als USB-Sticks, Gewehrlauf als Lampenfuß: Dass schlechter Geschmack keine Grenzen kennt, zeigt die Ausstellung "Böse Dinge" in Hamburg - und entdeckt dabei erstaunliche Ähnlichkeiten zu den Scheußlichkeiten des Deutschen Reichs.

Es soll US-Präsidenten gegeben haben, die ganz genau wussten, wo das Reich des Bösen liegt. Dass der Weg ins Reich des Guten aber nach Baden-Württemberg führt, dürfte selbst ihnen unbekannt gewesen sein. Dort machte sich bereits vor hundert Jahren ein Mann an die eigentlich unlösbare Aufgabe, den Deutschen guten Geschmack beizubringen.

Dass er, sein Name war Gustav Pazaurek, heute so gut wie unbekannt ist, erstaunt. War der Kriterienkatalog, den er einer öffentlich gezeigten Gruselkammer übel gestalteter Alltagsgegenstände zugrunde legte, doch derart von Leidenschaft und Wortmächtigkeit erfüllt, dass es noch heute ein großes Vergnügen ist, ihn zu studieren: Von "Materialvergewaltigung" ist dort die Rede, von "Ornamentwut" und "Dekorbrutalitäten". Aber auch von "Hemdsärmel-Kultur", das sind unnötig rustikale Gegenstände, oder von "Hurra-Kitsch", darunter subsumiert Pazaurek patriotischen Nippes.

Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sind Pazaureks Maßstäbe nun Grundlage einer Ausstellung: "Böse Dinge - Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks" heißt sie - ihre Kuratorinnen Imke Volkers und Renate Flagmeier vom Berliner Werkbundarchiv vergleichen die Scheußlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts mit den Scheußlichkeiten von heute.

Hitler als "Kitschmensch"

Dem Porträt des Generalfeldmarschalls und späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg auf Kissen oder Bierkrug aus der Zeit der Weimarer Republik wird das Bild von Barack Obama auf Turnschuhen, Mädchenarmbändern oder T-Shirts gegenübergestellt. Dem Aschenbecher in Form einer sich vieldeutig auf dem Rücken darbietenden, aber noch bekleideten Dame des Kaiserreichs entspricht heute eine Liegende, deren nackter Busen aus Salz- und Pfefferstreuer besteht. Der schwelgerische Kitsch einer Tischuhr mit Tierfigur findet sich heute indirekt bei einem Handy mit Strassüberzug wieder - beides Renommierobjekte für Menschen, die glauben, dass erst Zierrat aus einem schnöden Gebrauchsgegenstand ein Kunstwerk macht.

Hässlicher als Objekte der Gegenwart waren diejenigen, die Pazaurek vor hundert Jahren zusammentrug, allerdings auch nicht. Vielleicht lassen Kitsch und schlechter Geschmack sich gar nicht aus der Welt schaffen. Pazaurek war Mitglied des Deutschen Werkbunds, eines Bauhaus-Vorläufers, der sich der guten Gestaltung verpflichtet sah (und bis heute existiert). Verpflichtet war man der Utopie, dass der Weg zum guten Menschen über den guten Geschmack führt - und dass guter Geschmack eine Frage der Volkserziehung ist. Broschüren, Ausstellungen und bis in die späten sechziger Jahre zusammengestellte Musterkoffer sollten die Deutschen lehren, was gutes Design ist: schlichtes, klares Design. Davon war der Werkbund ebenso überzeugt wie später das Bauhaus oder die stilprägenden Gestalteter der frühen Bundesrepublik und der DDR.

Wer idealistisch genug war, den Ungeist des deutschen "Kitschmenschen", als dessen Verkörperung der Schriftsteller Hermann Broch Adolf Hitler sah, austreiben zu wollen, folgte deren Vorstellungen. Dass es gerade eine baden-württembergische Firma wie WMF war, die junge Brautleute mit dem vom Deutschen Werkbund propagierten Besteck Wilhelm Wagenfelds ausstattete, dürfte der Vorarbeit Pazaureks (1865-1935) ebenso geschuldet sein, wie die weite Verbreitung der prägnanten Wecker und Radios der Firma Braun in den Wohn- und Schlafstuben der jungen Bundesrepublik. Deren Designer hatten zum Teil die damals tonangebende Ulmer Hochschule für Gestaltung absolviert.

Entenpuppe mit Würgelauten

Trotzdem konnten das Schöne und das Gute sich bislang nicht völlig durchsetzen - und erst dadurch werden die von Pazaurek und seinen Nachfolgern propagierten Visionen zu einer klassischen Utopie. Deren Erfüllung wartet schließlich immer im Jenseits. In der Gegenwart müssen wir uns weiterhin mit schlechtem Geschmack herumschlagen.

Das Panoptikum der Scheußlichkeiten, das die Hamburger Ausstellung präsentiert, umfasst deshalb auch Gegenstände, an die neue, zeitgenössische Kategorien angelegt wurden, was ein schlechtes Produkt ausmachen könnte. Dazu gehören neben der erwartbaren Teletubbie-Puppe (giftige Weichmacher), der Figur eines afrikanischen Kindes, die Erdnüsse im Schokomantel enthält (rassistisch), oder eine Plüschente, die, wenn man ihr den Hals zudrückt, Würgelaute von sich gibt (Förderung der Gewaltakzeptanz) auch ein Gegenstand, der vielen Zeitgenossen als Beispiel eines guten Produkts gelten dürfte: der iPod von Apple. Die den Geräten der Firma nachgesagte geplante Obsoleszenz hätte kaum den Ansprüchen Pazaureks entsprochen.

Im zweiten Teil der Ausstellung präsentieren Studierende der Kieler Kunsthochschule Arbeiten, in denen sie sich mit den Begriffen von Kitsch und gutem Geschmack auseinandersetzen.

In einem Raum, der den Maßen des Lastenaufzugs des Museums nachempfunden ist, zeigen Lena Marie Emrich und Linda Witkowski auf einem Videoscreening das Innere des Fahrstuhls bei seiner Fahrt ins Depot. Es brummt, es rumpelt, die Schiebetür öffnet sich - das war's. Ein ganz schlichtes Kunstwerk und gerade deshalb überzeugend.

Hatte man doch nicht besser darstellen können, dass die Trennung in gute und schlechte Gegenstände einem uralten menschlichen Bedürfnis entspricht. Wie in der griechischen Mythologie der Fährmann Charon die Seelen über den Styx hinüber ins Totenreich ruderte, verbindet der Lastenfahrstuhl Ober- und Unterwelt. Hier das Museum mit den Schaustücken, dort das Depot mit dem Aussortierten.

"Böse Dinge" bringt beide Seiten zusammen - und zeigt: Gut und Böse waren eine religiöse, mythische Kategorie. In der modernen kapitalistischen Gesellschaft, die glaubt, sich von derartigen Dogmen freigemacht zu haben, sind Gut und Böse ein Teil der Warenwelt.


"Böse Dinge", Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, bis 15. September 2013

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zustimmung
marcuspüschel 16.05.2013
Zitat von sysop(...)Verpflichtet war man der Utopie, dass der Weg zum guten Menschen über den guten Geschmack führt - und dass guter Geschmack eine Frage der Volkserziehung ist. (...) "Böse Dinge": Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/boese-dinge-ausstellung-im-museum-fuer-kunst-und-gewerbe-hamburg-a-900118.html)
Die vielbeschworene Geschmacksfrage gibt es tatsächlich nicht. Wir haben alle den selben Geschmack, oder das selbe Stilempfinden, aber eben sehr unterschiedlich gut geschult. Auch wenn die Utopie sehr gewagt daherkommt, mag ich mich ihr anschliessen. Zu oft fiel mir auf wie die gar nicht so böse Eitelkeit eine hervorragende Eigenschaft ist, welche uns treibt besser zu sein als wir eigentlich sind.
2. rassistisch?
noalk 16.05.2013
Ich erkenne in der Figur, die als Schokoladenkugelbehältnis dienen soll, lediglich eine Figur, deren Äußeres einen Schokoladenüberzug imitieren soll. Wer was anderes erkennt, assoziiert die Farbe von Schokolade mit der Hautfarbe von Afrikanern, und das ist rassistisch. Im Übrigen lässt sich trefflich streiten, was von den Ausstellungsstücken schlechter Geschmack oder originell (zB der USB-Stick) ist.
3. Haben will
a.w.e.s.o.m.-o 16.05.2013
Also der Salzstreuer ist ja wohl grandios...gibt's dafür eine Bezugsquelle?
4. optional
philip2412 16.05.2013
Objekt 2 ist also Rassismus ? Wer so etwas produziert ist also automatisch ein Rassist ? Leute ,werdet doch wieder mal normal.
5. Untertitel
monooxid 16.05.2013
Bad-Taste? Klospülung oder was? Nichts gegen Englisch, Filme gucke ich fast nur im Original, aber so deplatziert in einen Text einbaut, dann beschleicht einem das Gefühl das ihm schlicht nichts Kluges einfiel und er es zu überspielen versuchte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 27 Kommentare
  • Zur Startseite