Bohlen bei Kerner: "Besser Sprüche klopfen als Steine"

Von Henryk M. Broder

Dieter Bohlen ist Deutschlands führender Medien-Randalierer. Nichts und niemand sind vor seiner Derbheit sicher. Bestimmt erwartete auch Kerner einen Eklat. Stattdessen gab es den Prominenten als Schlauberger und Realisten.

Würde man einen etwa 50 Jahre alten Besen an irgendeiner Straßenecke hinstellen und einen Zettel drankleben: "Das ist Dieter Bohlen" - es käme sofort zu einem Menschenauflauf, wie ihn die Welt zuletzt bei Michael Jacksons Hochzeit erlebt hat. Und dann würde es nur Minuten dauern, bis die Menschen den Besen um ein Autogramm bitten und der Besen anfangen würde, Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. Wie er zum größten Besen aller Zeiten wurde, welche gute Stube er schon gefegt hat und was er von den anderen Besen hält, mit denen er sich die Besenkammer teilt.



Dieter Bohlen ist ein Phänomen, über das inzwischen Doktorarbeiten geschrieben werden. Fast hundert Prozent der Deutschen kennen ihn - er selbst behauptet, es seien mindestens 102 Prozent -, sein Bekanntheitsgrad übertrifft den von Angela Merkel, Joschka Fischer und Kurt Beck. Er ist seit 30 Jahren im Geschäft, und während andere Veteranen des Show-Business wie Jürgen Drews, Costa Cordalis und Howard Carpendale sich dem Publikum aufdrängen müssen, können die Leute von Bohlen nicht genug bekommen.

Es ist kaum möglich, den Fernseher einzuschalten, ohne Dieter Bohlen zu erleben. Wenn er nicht selber singt, lässt er andere singen, nur um sie anschließend verbal in die Wüste zu schicken. Er ist brutal, gemein und rücksichtslos - kurzum: großartig. Er ist der Typ, der sich alles erlauben kann, dem nichts übel genommen wird. Was wiederum damit zu tun hat, dass er bei jedem seiner Auftritte den Eindruck vermittelt, als sei ihm alles egal, vor allem, was die Leute von ihm halten.

Selbstdrehender Star

Mag sein, dass dies eine Masche ist, mit der er sich vom Rest des weich gespülten Gewerbes absetzen will, es kann aber ebenso sein, dass "der Dieter" tatsächlich nur das tut und sagt, was er sagen und tun möchte. Dass er "authentisch" und "geerdet" ist. Und war es mal eine Frage, ob sich die Erde um die Sonne oder die Sonne um die Erde dreht, so steht heute fest: In der Welt von Dieter Bohlen dreht sich alles um Dieter Bohlen.

So war es auch gestern, als er bei Kerner auftrat. Nicht zum ersten Mal, aber so, als wäre es das erste Mal. "Ich hab mich total auf die Sendung gefreut", sagte er, nachdem sich der minutenlange Begrüßungsbeifall gelegt hatte. Um sich dann vorsorglich zu entschuldigen, falls ihm irgendein blöder Spruch rausrutschen sollte: "Ich habe es nicht so gemeint." Und schon hatte er die Leute auf seiner Seite. Kerners Versuch, das Gespräch auf eine Metaebene zu heben ("Missverständnis wird zum Kult?"), blockte Bohlen souverän ab. "Es ist alles Quatsch. Es ist immer dasselbe. Ich kann sagen, was ich will, ich werde immer falsch interpretiert."

Letzten Dezember wurde Bohlen in seinem Haus überfallen und ausgeraubt. Seitdem ist er nicht mehr gern in Tötensen, lebt lieber auf Mallorca. "Hast du ein Stück Heimat verloren?" wollte Kerner wissen. Darauf Bohlen: "Jeder hat sein Päckchen zu tragen."

Brachial und real

Bohlens Stärke ist nicht die grauenhafte Musik, die er produziert, es ist sein Talent, Dinge auf den Punkt zu bringen. Dass in Deutschland Steuerhinterziehung zum Beispiel härter bestraft wird als Körperverletzung. "Das ist doch völlig bescheuert, dass der Vater von Steffi Graf fünf Jahre in den Bau muss, während ein Totschläger drei Jahre bekommt."

Bohlen hat das, was die Briten "common sense" nennen, gesunden Menschenverstand. Der steht in Deutschland immer im Verdacht, den Stammtisch zu repräsentieren. Bohlen ist auch das egal. Er hat kein Verständnis für die jungen Männer, die ihn überfallen haben, will nicht wissen, ob sie eine schwierige Kindheit hatten und akzeptiert nicht die Entschuldigung, die ihm einer der Täter aus dem Knast geschickt hat.

Das ist mehr als ungewöhnlich. Jeder andere an seiner Stelle hätte die Täter längst im Gefängnis besucht, ihnen Hilfe bei der Resozialisierung angeboten und anschließend darüber exklusiv bei RTL berichtet. Bohlen dagegen denkt laut über das Problem des Richters nach, der "dem Opfer und auch dem Täter gerecht" werden muss. "Ich möchte nicht an seiner Stelle sein."

Für einen, der Gassenhauer wie "Cheri Cheri Lady" und "Brother Louie" komponiert hat, ist das ein erstaunliches Reflektionsniveau. Kerner freilich scheint nicht überrascht, sondern fragt Bohlen nach dessen "gefühltem Umzug" nach Mallorca. Mallorca, immer wieder Mallorca, das deutsche Nirwana mit Jägerschnitzel und Löwenbräu. "Weißt du", sagt Bohlen, "ein ganz beschissener Tag auf Mallorca ist so wie Sommer auf Sylt: windig, 18 Grad." Und: "Die sprechen dort alle Spanisch. Da wird man devot."

Kaufen? Ich?

Da lebt er nun auf der Insel in einer "kuscheligen Drei-Zimmer-Wohnung", arbeitet 20 Stunden am Tag und genießt "Sachen, die umsonst sind: frische Luft und sauberes Wasser". Und musste es früher Kaviar sein, so steht er heute auf Würstchen mit Bratkartoffeln. "Das find ich geil." Ein ganz neuer Bohlen also, der lieber mit einem Moped als mit einem Ferrari unterwegs ist. "Ich hab ganz viele Autos, aber gehören tut mir nix." Kerner schaut überrascht. Bohlen stellt klar: "Ich? Kaufen?"

Wie die vielen Autos in seine Garage gekommen sind, bleibt ungesagt, dass große Firmen die Stars und die Promis mit allem Möglichen beliefern, ist zwar kein Geheimnis, soll aber doch nicht an die große Glocke gehängt werden. So hat auch für Bohlen die Wahrheit ihre Grenzen und beim öffentlichen Menscheln über Bratkartoffeln und sauberes Wasser sollen potentielle Sponsoren nicht unbedingt vergrätzt werden.

Dennoch: Bohlen ist dem Rest seines Gewerbes um mehrere Moped-Längen voraus. "Auf Tokio Hotel scheißt in zehn Jahren jeder", sagt er unbekümmert und: "Sprüche klopfen ist geiler als Steine klopfen." Er betet jeden Tag. "Lieber Gott, vielen dank, dass ich so viel Glück gehabt hab. Und beschütze alle, die ich lieb hab."

Er ist klug genug, keine Namen zu nennen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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1. Bohlen bei Kerner
Jottenn 02.11.2007
DB (wie die Bahn nur weniger Probleme) ist immer wieder ein Rätsel. Eigentlich mag ich weder ihn noch seine Musik, aber trotzdem habe ich ihm beim Kerner zugehört und er macht keinen schlechten Eindruck. Sprüche wie aus dem Mond- oder Bauernkalender und ein zufrieden scheinender Mann. Ist er schlauer als er tut? Wenn er wirklich so ist wie er sich gibt, könnte ich anfangen ihn zu mögen...
2. Oberflächliche Bohlen-Analyse
Knalltüte 02.11.2007
Zitat Broder "Für einen, der Gassenhauer wie "Cheri Cheri Lady" und "Brother Louie" komponiert hat, ist das ein erstaunliches Reflektionsniveau." Dieses Erstaunen ist so oberflächlich wie der grösste Teil des deutschen Bohlen-Publikums. Denn Bohlen hat ausgewiesene intellektuelle Qualitäten. Während seines Studiums schrieb er schon fleissig Hits, was man von ihm halt so kennt und erwartet. Aber so ganz nebenbei schloss er damals in Göttingen sein BWL-Studium mit Prädikatsexamen ab. Wer ein wenig diese Materie kennt, muss deshalb vor Bohlen allein schon deshalb sein Baseball-Cap ziehen. Deshalb würde ich schon gerne erfahren wollen, wieviel sein IQ die 130 übertrifft. Insoweit ist das Erstaunen von Broder nur in die Kategorie schlecht recherchiert und damit die üblichen Vorurteile über Bühnenpromis einzuordnen. Man wird dem Phänomen Bohlen eben nicht gerecht, wenn man nicht auch ins Kalkül zieht, dass Bohlen seine Steuererklärungen lange Zeit selber ausfertigt hat.
3. Bohlen, Blaupausew für Verflachung
Der Markt 02.11.2007
Das Broder den geistigen Tiefflieger Bohlen als "großartig" bezeichnet, zeigt einmal mehr, wes geistes Kind Broder ist. Für mich ist Bohlen die Blaupause für die Verflachung des bundesrepublikanischen Soziotops.
4. Bohlen? Armer reicher Mann!
Carnival Creation 02.11.2007
Theorie: Bohlen ist de fakto ein gebrochener Mann. Da die Menschen nunmal nicht freiwillig lieb und nett sind und er mit seiner hohen Empathie schnell gemerkt hat, daß man da nix machen kann, ist er in seiner Verbitterung zum Musterbeispiel eines Opportunisten geworden, der Grenzen nur dann überschreitet, wenn es keine Konsequenzen hat, die er monetär nicht ausgleichen könnte. Ohne diese Skrupellosigkeit wäre dieser Mann nicht da, wo er ist. Eine ganz gefährliche aber zu 100% verständliche Message.
5. Bohln und die Raubkopierer
Bubu_Gießen 02.11.2007
Fernab der Diskussion ob Bohlen großartig sei oder nur ein aufgeblasener Wichtigtuer, er hat gestern bei Kerner eine erstaunlich deutliche Haltung gegenüber Musik"piraterie" geäußert: es ist ihm im Prinzip scheißegal. Das nötigte selbst mir Respekt für diesen Mann ab, der ja sei Vermögen eben durch Musik gemacht hat und potentiell Schaden erleidet wenn seine CDs nicht mehr gekauft sondern runtergeladen werden. Aber sein Argument war so simpel wie gut: damals hat man Radiosendungen mit dem Tonband aufgenommen und munter weiterverbreitet und getauscht, heute geht das Ganze Digital und wird als Straftat stigmatisiert? Ich wünschte mir von mehreren Vertretern der Musikindustrie eine ähnlich realistische Einschätzung der Lage wie Herr Bohlen sie vertritt.
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