Historie des Bolschoi-Theater Sex in der Kulisse

Die Geschichte des Bolschoi-Theaters ist reich an Intrigen und Machtspielen. Eine Ballerina verführte angeblich sogar Hitlers Außenminister. Das Säureattentat auf Ballettchef Filin vor drei Jahren war nur der letzte Höhepunkt.

DPA

Von und , Moskau


Während der heißen Tage des Augusts 1939 teilte Hitlers Außenminister Osteuropa zwischen dem Deutschen Reich und Stalins Sowjetunion auf. Nach den Geheimverhandlungen sucht Joachim von Ribbentrop, ein gutaussehender Lebemann, an den Abenden in Moskau nach Entspannung. Zusammen mit seinem Außenministerkollegen Wjatscheslaw Molotow schauten sie sich eine Vorführung einer der Stars des Bolschoi-Theaters an, der Primaballerina Olga Lepeschinskaja. Die Tänzerin verzauberte Ribbentrop derart, dass er seine kommunistischen Gastgeber bat, für ihn ein Ölporträt der Moskauer Schönheit malen und nach Berlin bringen zu lassen. Ihr Bild hing in Ribbentrops Wohnung neben den Porträts flämischer Meister.

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Heft 3/2016
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Lepeschinskaja soll auch eine Nacht mit Ribbentrop im edlen Metropol-Hotel verbracht haben, das direkt gegenüber vom Bolschoi liegt. Sie habe für den NKWD gearbeitet, einen KGB-Vorläufer, und sogar den Rang eines Oberst bekleidet. Dies berichtet der Schauspieler Stanislaw Sadalski, ein Bekannter der Tänzerin. Stalin persönlich habe den Befehl erteilt, dem deutschen Minister "ein Schwälbchen" zu senden, wie die Mission, jemanden im Bett auszuhorchen, im Geheimdienstjargon hieß.

Ob sich die Affäre so zugetragen hat, wie von Sadalski erzählt, lässt sich nicht überprüfen. Die einschlägigen Archive des KGB bleiben geschlossen. Sicher ist, dass viele der Primaballerinen und Tänzer Informanten des Geheimdiensts waren.

Die Geliebte des Zaren

Primaballerinen im Bolschoi waren und sind immer auch Objekte der Begierde für die Elite des Landes, für Herrscher und Magnaten. Kabale und Liebe, Eifersucht und Neid boten die Tänzer und Ballerinen der berühmtesten Balletttruppe der Welt in den 240 Jahren seit Gründung des Bolschoi, nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen. Das Säureattentat, das ein Startänzer vor drei Jahren auf den Ballettchef Sergej Filin bestellte, war nur der Tiefpunkt einer an Skandalen und Intrigen reichen Geschichte.

1896, bei der Krönung des letzten Zaren, Nikolai II., tanzte unter den Augen des tuschelnden Bolschoi-Publikums seine Geliebte die Hauptrolle im Ballett "Die Perle" von Marius Petipa. Alexandra, die Zarengattin, schaute zu.

Drei Jahrzehnte später kam Stalin durch einen unterirdischen Geheimgang vom Kreml ins Theater und drückte sich ganz tief in seine Loge links von der Bühne, um unerkannt Operndiven und Tänzerinnen zu beobachten, die er verehrte.

Der Diktator hielt die Hand über die Ballerinalegende Marina Semjonowa (1908-2010), obwohl ihr Mann, ein stellvertretender Außenminister, während einer Säuberungswelle als Regimegegner erschossen worden war. Die Frau eines Volksfeindes durfte dennoch weiter tanzen. Stalin verzieh Semjonowa sogar ein Techtelmechtel mit einem amerikanischen Botschaftsangehörigen. Andere Tänzerinnen verschwanden wegen solcher Kontakte mit dem Klassenfeind im Gulag, dem tödlichen Straflagersystem.

Geheimer Putin-Besuch

Im April 2009 ließ sich Russlands Präsident Wladimir Putin zu einer Generalprobe der Starballerina Swetlana Sacharowa fahren. Seine Personenschützer schirmten das ganze Theater ab, sein Pressedienst sorgte dafür, dass nicht das kleinste Wörtchen über den Besuch in den Medien auftauchte. Als Sacharowa vier Jahre später außer sich war vor Wut, weil sie nur zweite Wahl für die Hauptrolle im Ballett John Crankos "Onegin" war, flog sie kurzerhand nach Kasan. In der Wolgastadt eröffnete Putin gerade die Universiade, eine Art Jugendolympiade. Sacharowa schmiss die Probe in Moskau und trug bei der Eröffnungsfeier die russische Fahne. Ein Treffen mit Putin genügte und noch am gleichen Wochenende musste der Direktor des Bolschoi, der Sacharowa nicht genügend gewürdigt hatte, seinen Rückzug verkünden.

Nacktfotos mit Brautschleier

Maja Plissezkaja (1925-2015), die wohl berühmteste Balletttänzerin des vergangenen Jahrhunderts, war in der Moskauer Elite für ihre ausschweifende Libido bekannt, wie Norbert Kuchinke, der erste Korrespondent des SPIEGEL in Moskau, in den Achtzigerjahren recherchierte. Während Aufführungen trieb es Plissezkaja in der Kulisse, und während eines Gastspiels in Amerika soll sie eine Affäre mit Robert Kennedy gehabt haben, dem Justizsenator und Präsidentenbruder. Heute wirkt die abgehalfterte Skandalballerina Anastassija Wolotschkowa nur wie ein zweitklassiger Abklatsch der auch im öffentlichen Auftritt stets eleganten Plissezkaja.

Mit Nacktfotos und Artikeln über ihre Oberweite schafft es Wolotschkowa dennoch regelmäßig in die Gazetten. "Die Königin des Spagats hat sich am Strand der Malediven oben ohne und mit einem weißen Brautschleier fotografieren lassen. Taucht etwa bald ein Ehemann auf?", fragte die auflagenstärkste Boulevardzeitung in der vergangenen Woche. Vor Jahren war die Diva mit einem schlecht beleumundeten russischen Oligarchen liiert. Die Romanze machte Schlagzeilen, als die beiden in einem Ferrari in Monaco verunglückten.

Lesen Sie mehr über das Bolschoi-Theater auch im aktuellen SPIEGEL.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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chuckal 18.01.2016
1. Konsalik
"Sie trieb es in den Kulissen...' Bitte? Was trieb sie denn in den Kulissen. Das ist ja Pennälersprache aus den 60ern. Schön allerdings der Name des aktuellen Direktors.
Susi64 18.01.2016
2. Das Bolschoi ist ein Volltheater
mit Oper und Ballet. Das Bolschoi Ballet gehört zu den berühmtesten Ballets weltweit und hat eine eigene Ausbildungseinrichtung für Tänzer. Das Bolschoi ist das "große Theater", aber in Moskau gibt es noch mehr Ballet, wie das Staatliche Russische Ballet Moskau oder auch das Kremlin Ballet Theatre sowie freie Balletgruppen. Russland hat eine lange Ballet-Tradition, die vom Franzosen Marius Petipa begründet wurde und dessen Ballete heute noch oft und gern aufgeführt werden. Auch heute noch sind Russen Ballet verrückt und Primaballerinen geniesen Kultstatus. Die Schattenseite des ganzen sind Intrigen und Skandale. Aber aus meiner Sicht gibt es kein deutsches Ballet, das auch nur annähernd die Qualität hat wie das Bolschoi oder auch das Mariinsky Theatre in St. Petersburg haben.
wiealle 18.01.2016
3. Ich wollte...
...es gäbe in Deutschland ein ähnliches Theater! Klar, Kunst gibt es hier auch. Aber diese Tradition! Diese Grandezza! Da schwingt doch etwas mit, das durch unsere Theater nicht am Leben gehalten werden konnte.
AusVersehen 19.01.2016
4. Schade
Schade, dass auf diese Weise über das Bolschoi-Ballett berichtet wird. Schattenseiten gibt es leider überall. Aber was berichtenswert wäre, ist die Tatsache, dass es sich bei dem Bolschoi-Ballett um das beste klassische Ballett der Welt handelt, mit den best ausgebildeten und begabtesten Tänzern. Wie armselig sieht dagegen doch das Gehampel des "modernen", interpretierten deutschen Balletts aus. Ich kann diese deutschen, billigen Verwurstungen mit ihrem epileptisch-spastischem Gezappel nicht mehr sehen! Kunst kommt von Können und das wird in Osteuropa noch groß geschrieben. Auch in der Malerei. Neulich erst habe ich in St. Petersburg eine Ballett-Nachwuchsgruppe sehen dürfen und besuchte einen Kunstmarkt. Beides war im Gegensatz zu deutschen Verhältnissen gerade zu beeindruckend! Schade, dass es beim Zoll immer Schwierigkeiten gibt, sebst wenn es nur Kunst von einem Straßenmarkt ist.
Phallus_Dei 19.01.2016
5.
"Während Aufführungen trieb es Plissezkaja in der Kulisse" – Die Autoren waren wohl noch nie während einer Aufführung hinter der Bühne. Da kann man es nicht treiben, in keinem Theater, denn da sind während einer Aufführung zu viele Leute: Bühnenarbeiter, Techniker, Darsteller die auf ihren Auftritt warten, Ankleiderinnen, Feuerwehrleute, der Inspizient, ... Nein, dieser Remix aus der russischen Yellow Press ist keine journalistische Arbeit!
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