Boomstadt Berlin Eine Kiste für die Kunst

Kunsthalle, Koons und Kommerz – Berlin übertrifft sich in dieser Woche in Sachen Kunst mit einer neuen Ausstellungshalle, fünf Messen und großartigen Galerien-Ausstellungen. Ein Wegweiser.


Jetzt hat Berlin endlich seine Kunsthalle für die Kunst der Gegenwart, um die jahrelang diskutiert, gestritten und gerangelt wurde. Am Mittwoch wird die 600 Quadratmeter große Kiste auf dem Schlossplatz mit der Ausstellung von Candice Breitz "Inner + Outer Space" eröffnet. Mit Bürgermeister Klaus Wowereit, der wortreich die "Stiftung Zukunft Berlin" feiern wird, die mit 950.000 Euro die Finanzierung die Baukosten übernommen hat.

Aber selbst bei den größten Fans des Projekts Ausstellungshalle sieht man nur müdes Schulterzucken, von Jubel keine Spur. Woran das liegt? Man hat vor lauter Diskussion über die Entscheidung, ob nun die gesponserte Kiste von Adolf Krischanitz oder die Wolke von Graft für zwei Jahre auf dem Schlossplatz stehen sollte, verpasst, sich um ein inhaltliches Konzept, eine Vision, um die richtige Leitung, um ein Programm und die Gelder dafür zu kümmern.

Nun soll sich der Betrieb der Kunsthalle "aus Eintrittsgeldern und weiteren Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung sowie privatem Sponsoring" finanzieren. Und das verantwortliche Personal für das Programm des nächsten Jahres reist mit Rat und Tat aus Wien, Düsseldorf, Kiel und aus Berlin-Zehlendorf an. "Künstlerischer Beirat der Temporären Kunsthalle" nennt sich ihre Berliner Nebenbeschäftigung, denn alle vier führen hauptamtlich Kunsthallen, ein Museum und ein halbprivatisiertes Ausstellungshaus.

So ist für die Eröffnungsausstellung der Videokünstlerin Candice Breitz Gerald Matt aus Wien verantwortlich. Drei Video-Installationen von 2005 und 2006 zeigt die Wahlberlinerin, nämlich "Working Class Hero" (A Portrait of John Lennon), "Queen" (A Portrait of Madonna) und "King" (A Portrait of Michael Jackson), alle zeigen auf großen Screens die Fans von Lennon, Jackson oder Madonna, die ihrem jeweiligen Star mit eigener Stimme nacheifern. Wunderbare Arbeiten sind das über Individualität und Identität, Popkultur und Mythos. Allerdings sind alle drei Arbeiten schon in Mailand, Oldenburg und Hannover und sogar in London zu sehen gewesen.

Aus diesem Grund werden ab 28. November die drei Arbeiten gegen die neue Installation "Him" ausgetauscht, eine Installation über Jack Nicholson in den verschiedenen Rollen seiner 40-jährigen Filmkarriere. Aber warum wird nicht gleich "Him" gezeigt? Sie habe es einfach nicht geschafft, den neuen Film fertig zu schneiden, sagt Breitz. Man wolle den unkundigen Passanten für die Kunst begeistern und nicht das Fachpublikum bedienen, sagt der Kurator und ist sich offenbar ganz sicher, dass so ein kunstbedürftiger Passant den Betrieb der Kunsthalle gerne zwei Mal mit sechs Euro Eintritt unterstützt.

Berliner Galerien - hier spielt die Musik

Wenn er sich da mal nicht irrt, denn in Berlin ist Kunst auch umsonst zu besichtigen, und zwar auf Kunsthallen-Niveau in den alten und den brandneuen Berliner Galerien.

Zum Beispiel in der gerade eröffneten großen, architektonisch ein bisschen zu glatt polierten Galerie von Sprüth Magers. Thomas Scheibitz' wunderbare Ausstellung "The Goldilocks Zone" mit rund 30 Skulpturen gehört zum Besten, was man in Berlin gerade an zeitgenössischer Kunst sehen kann (bis 29.11.).

Neu ist auch die Galerie von Meyer Riegger, nicht weit vom ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie. Ein perfekter Umbau mit hohen, großen und flexiblen Räumen, mit großem Fenster und sympathischer Aufteilung zwischen Ausstellungsfläche, Büro und sichtbarem Lager. Eröffnet haben die beiden Karlsruher Galeristen mit konzeptuellen Bildern des Wahlberliners Jonathan Monk und unzähligen Zeichnungen der jungen Tschechin Eva Kotatkova (bis 23.12.).

Auf keinen Fall darf man die Ausstellung des Malers Herbert Volkmann in der Galerie Volker Diehl (bis 6.12.) verpassen, auch wenn sie verstörend hart ist. Volkmann, studierter Künstler, vorübergehend Kaufmann, ehemaliger Sammler mit Entdeckersinn und jetzt ein hervorragender Maler, hat seine Drogensucht zum Thema der Ausstellung "Die Morphinisten" gemacht.

Und natürlich muss man zu Jeff Koons. In der Mies-van-der-Rohe-Halle feiert die neue Nationalgalerie seine Schau "Celebration", näher kommt man Koons und seinen neuen Bildern in der Galerie Max Hetzler (29.10.–6.12.) in der Zimmerstraße.

Doch Hetzler zeigt nicht nur diese Ausstellung. Im Wedding hat er eine Riesenhalle in den Osram-Höfen gemietet und eine große und großartige Albert-Oehlen-Schau aufgebaut, die eigentlich in ein Museum gehört (1.11.–20.12.). "Wir Galeristen machen in Grunde den Job der Museen und Institutionen", hat sein Kollege Martin Klosterfelde vor kurzem gesagt, und dass "die das gar nicht kapieren". "Kein Geld" ist die stereotype Antwort der Museums-Beamten und dass Galeristen ja nur Handel und Verkauf im Sinn hätten.

Nicht ausschließlich. Das beweist Hetzler mit seiner Ausstellung, in der er den neuen Bildern Oehlens dessen abstrakte Gemälde von 1991 gegenüberstellt. Sie sind unverkäuflich, weil alles Leihgaben aus privaten Sammlungen sind – ein beispielhaftes Lehrstück, wie gute Galerie-Arbeit aussehen kann.

Kunst und Kommerz auf den Berliner Messen

Das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man Ende der Woche eine der Berliner Messen besucht. Ja, Messe im Plural! Denn neben dem "Art Forum" in den Messehallen, gibt es vier andere Kunst-Messen. Drei davon sollte man schon wegen der Orte besuchen, an denen sie stattfinden. Wie kommt man schon sonst in ein festungsartiges Umspannwerk, das 1924 bis 1926 für die Berliner Elektrizitätswerk AG im Prenzlauer Berg gebaut wurde, seit 1993 nicht mehr genutzt wird und seit zwei Jahren leer steht? Dort, im Humboldt-Umspannwerk, veranstalten rund 50 Galerien den "Kunstsalon" (Eröffnung am 29.10., bis 3.11.).

Auch der ehemalige Hangar im gerade geschlossenen Flughafen Tempelhof ist normalerweise nicht öffentlich zugänglich, hier beteiligen sich beim Non-Profit-Unternehmen "Preview" 57 Galerien und Projekträume (30.10.–2.11.).

Wer zur "Berliner Liste" mit ungefähr 80 Galerien geht, (30.10.–2.11.) sieht wahrscheinlich zum ersten und letzten Mal das "Haus Cumberland" am Kurfürstendamm im "historischen" Zustand. Die Historie beginnt 1912 als das "Cumberland" als eine Art "Boarding House" mit mehrzimmerigen Suiten und eigenen Hausdienern gebaut wurde. Danach war es Kaiserliches Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt, ein Luxus-Hotel mit 700 Betten, Stuck-Festsälen und Deckengemälden, später Reichswirtschaftsministerium, Oberpostdirektion und bis 1993 wurschtelte im Cumberland die Berliner Oberfinanzdirektion. Jetzt versucht das ein Investor und der alte Charme des Gebäudes wird damit bald hin sein.

Die vierte "Nebenmesse" ist die "Bridge Art Fair" (30.10.–2.11.), die allerdings keine besondere Location bietet, dafür aber sogar in Miami und New York agiert.

Über das Berliner Art Forum (31.10.–3.11.) gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. 120 Aussteller, und wieder eine aus den Angeboten der Galeristen zusammengestellte Sonderausstellung mit dem Titel "Difference, what difference?".

"Krise, welche Krise", fragten in den vergangenen Wochen Titelzeilen im Zusammenhang mit dem Kunstmarkt. Kein Thema für den Kurator Hans-Jürgen Hafner. Seine Schau setzt sich "gezielt mit ihren Rahmenbedingungen auseinander und stellt eine Reihe grundsätzlicher Fragen". Zum Beispiel die, "wie sich künstlerische Arbeiten mit inhaltlicher Gewichtung zeigen, wenn sie gleichzeitig als Ware zum Verkauf stehen?" Ja, wie wohl? Auf einer Messe.



insgesamt 3 Beiträge
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t.ürder 28.10.2008
1. Kunst in der Krise?
Aktuell ist das Problem in Berlin doch wohl, dass sich dort die ganzen zeitgleich stattfindenden Messen und Ausstellugen gegenseitig die Besucher abgraben - das wird eine spannende Woche, wenn es überall irgendwie leer bleibt und unzufriedene Galeristen auf teuren Messen wettern, dass schlecht geworben wurde oder wo denn die Presse sei, ganz zu schweigen von den Verkäufen. Da kann man durchaus verstehen, dass kleinere aber schlaue Galerien wie z.B. die Strychnin Gallery, die unlängst auf der Art Fair 21 in Köln glänzte, es vorziehen, gleich ein exklusives VIP-Event zu veranstalten, zu dem man nur mit Einladung Zugang hat. So sichert man sich Publikum und bietet den Sammlern etwas besonderes. Ob man es sich allerdings mit seinem Stammpublikum dadurch einfacher macht, ist eine andere Frage...
het, 28.10.2008
2. Boomstadt
Boomstadt, ein Titel wie geschaffen für die Kunststadt Berlin. Weltweit an der Spitze in allen Bereichen von Kunst und Kultur, Design, Klassische Musik, Jazz, Tango. Die Galeriendichte wird nirgendwo sonst erreicht, in der Mode befindet man sich auf einem guten Weg. Eigentlich zwangsläufig, daß es endlich mal gesehen wird.
het, 28.10.2008
3. Leere
Zitat von t.ürderAktuell ist das Problem in Berlin doch wohl, dass sich dort die ganzen zeitgleich stattfindenden Messen und Ausstellugen gegenseitig die Besucher abgraben - das wird eine spannende Woche, wenn es überall irgendwie leer bleibt und unzufriedene Galeristen auf teuren Messen wettern, dass schlecht geworben wurde oder wo denn die Presse sei, ganz zu schweigen von den Verkäufen. Da kann man durchaus verstehen, dass kleinere aber schlaue Galerien wie z.B. die Strychnin Gallery, die unlängst auf der Art Fair 21 in Köln glänzte, es vorziehen, gleich ein exklusives VIP-Event zu veranstalten, zu dem man nur mit Einladung Zugang hat. So sichert man sich Publikum und bietet den Sammlern etwas besonderes. Ob man es sich allerdings mit seinem Stammpublikum dadurch einfacher macht, ist eine andere Frage...
Haben Sie in Berlin im kulturellen Bereich schon mal leere Räume und unzufriedene Galeristen gesehen? Würden die sich sonst hier um die besten Räumlichkeiten einen harten Konkurrenzkampf liefern?
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