Bordell-Comedy "Respectable" Und ewig dampfen die Dildos

Die Puff-Serie "Respectable", die Comedy Central an diesem Wochenende zeigt, ist nicht nur politisch korrekt, sondern auch lustig: Bordellgänger und Ehebrecher müssen hier zum Amüsement des Publikums ordentlich leiden.

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Man könnte glauben, einer Kochsendung zuzuschauen. Für die abseitigsten und unappetitlichsten Sexpraktiken werden in "Respectable", einer kleinen unaufgeregten Comedy aus einem Londoner Vorstadtpuff, die flockigsten kulinarischen Metaphern in Umlauf gebracht. So sind sie, die Engländer: Freigeister und Oberspießer in einem. Alles ist erlaubt, es muss lediglich die richtige Form dafür gefunden werden.

Nur der Versicherungsangestellte Michael (Justin Edwards), unglücklich verheiratet und im Beruf wenig ausgefüllt, versteht nichts vom metaphorisch bemäntelten Lustgewinn. Einmal die Woche blättert er 120 Pfund hin, um eine Stunde bei der Prostituierten Hayley (Jodi Albert) zu verbringen, die ihrem Job in einem Reihenhausbordell im Klinkerschick nachgeht.

Doch dem Leisetreter mit Höflichkeitsgen erscheint es ungebührlich, der Professionellen ihre Dienstleistung abzuverlangen. Das Wort "Sex" und sämtliche mehr oder weniger blumigen Synonyme dafür gehen Michael einfach nicht über die Lippen. So wird er bald zu einer Art Freudenhaus-Faktotum und liegt komplett bekleidet auf dem Lotterbett, während er sich die Seele aus dem Leib quatscht. Faseln oder Vögeln, den Sexdienstleisterinnen ist das schnuppe. Ihre Arbeit verrichten sie mit Gleichmut und Professionalität, am Küchentisch sinniert man später mit Kolleginnen über Sinn und Unsinn des Jobs.

Bordellbetrieb als gediegenes Dienstleistungsszenario

"Respectable" ist, da mag man beim Thema zuerst gar nicht drauf kommen, eine Mischung aus Familien-Sitcom und Bürokomödie geworden und erinnert in vielerlei Hinsicht an die britische Erfolgs-Comedy "The Office", die der Pro-Sieben-Produktion "Stromberg" als Vorbild diente. Man hackt munter aufeinander rum und kommt doch nicht ohne die anderen aus. Wie zum Beispiel bei "Stromberg" morgens im Büro die Kaffeemaschine gemütlich knattert, werden in "Respectable" zu Schichtbeginn anheimelnd dampfende Gummidildos aus der Spülmaschine gezogen.

Der Bordellbetrieb als gediegenes Dienstleistungsszenario: Das brachte in Großbritannien verschiedene Frauenorganisationen auf die Barrikaden; der ausstrahlende Sender Channel 5 wurde noch vor der ersten Folge mit Petitionen bombardiert. "Respectable", so der Vorwurf, verharmlose die Sexindustrie. Als ob Comedy den Anspruch einer Sozialreportage hätte! Auch wenn "Respectable" recht einfallsreich die britische Bigotterie einfängt, so ist es doch ganz und gar nicht das Anliegen der ursprünglich sechsteiligen Mini-Serie, authentische Einblicke aus der Rotlichtwelt vermitteln zu wollen.

Hat sich denn Bill Wilder jemals mit der Anklage konfrontiert gesehen, er beschönige in seiner Komödie "Irma La Douce" die Verhältnisse von Pariser Freudenmädchen? Und der Büroangestellte Michael erinnert tatsächlich ungemein an den von Jack Lemmon in "Irma La Douce" verkörperten Flic, der aus Liebe zur Prostituierten zum Zuhälter wird: Vielleicht ist Michael sogar der letzte Mann auf der Welt, der nicht komplett lustgesteuert wird.

Ausgerechnet der bescheidene Biedermann, der auf dem Bett einer Prostituierten kaum den Schlips zu lockern wagt, wird nun auf tragikomische Weise immer enger in den Bordellbetrieb verstrickt: Sei es, dass ihm als vermeintlichem Zuhälter die Visage demoliert wird. Dass er die Schläge einkassiert, die einem SM-Rollenspieler zugedacht waren. Oder dass er für einen ekligen Stammkunden, dessen Bekanntschaft er nie wirklich gesucht hat, als Trauzeuge fungiert, als der eine serbische Hure aus dem Reihenhauspuff heiratet.

Poetische Gerechtigkeit dank Umschnall-Dildos

Mit der Figur der Yelena (Barunka O'Shaughnessy), der burschikosen Prostituierten vom Balkan, die für Kriegsverbrecher wie Milosevic und Karadzic schwärmt, lassen die ohnehin jeder politcal correctness unverdächtigen "Respectable"-Verantwortlichen die Grenzen des Opportunen dann wirklich weit hinter sich. Die Herkunft des Co-Autors Harry Thompson als Gagschreiber der "Ali G. Show" ist unverkennbar. Die Osteuropäerin aus einer Opferrolle, die ihr ja allgemein in der Sexindustrie zukommt, in eine Täterposition hineinzuschreiben, ist schon eine recht gewagte Angelegenheit.

Andererseits schwingt hier eine verquere Art der poetischen Gerechtigkeit mit. Dass die Serbin ihre Kunden mit monströsen Umschnall-Dildos bearbeitet, für die sie nun wirklich vor ein Kriegsverbrechertribunal gehörte, ist in gewisser Weise ja schon wieder politisch korrekt: Die Bordellgänger und Ehebrecher, hier müssen sie leiden.

Und der edle Einfaltspinsel Michael? Auch er, der immer ganz enttäuscht ist, wenn sich Hure Hayley nach einem ihrer erbaulichen Gespräche die Strapse für den nächsten Kunden zurechtzupft, kommt hier herrlich ins Schwitzen, um sein Doppelleben zu arrangieren. Der Ehefrau lügt der Jazzhasser zum Beispiel vor, dass er einmal die Woche mit seinen Kumpels in einer Jazzband probt; in einer der schönsten Szene der Serie muss er auf dem Kontrabass vorspielen, was er denn schon alles gelernt hat.

Es ist also eine teure Lektion, die Michael, der platonische Freier, lernen muss. In der Welt da draußen gibt es nichts umsonst, nicht mal das bisschen Gerede.


"Respectable”, Sa 20.15 Uhr + So 19.15 Uhr, Comedy Central



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