Bordelle in Bangladesch "Die Frauen leben wie Geister"

Sex mit ihnen kostet zwei Dollar, die Gesellschaft verachtet sie als Müll: Miguel Candela zeigt das Leben von Prostituierten in Bangladesch. Im seen.by-Interview spricht der preisgekrönte Fotograf über Szenen wie aus Horrorfilmen - und Freier, die für ihn posierten.

Miguel Candela

Miguel Candela versteht sich als Foto-Anthropologe, mit der Kamera erforscht der Spanier Menschen und ihre Lebensumstände. Seine Geschichten findet der 27-Jährige in Hongkong, wo er lebt, in Kenia, Mali, auf den Philippinen - und in Bangladesch. Dort hat er Mädchen und Frauen porträtiert, die für kaum zwei Dollar ihren Körper verkaufen. Für die Arbeit "Brothels: Living in Darkness" wurde Candela gerade als Nachwuchstalent mit dem "Prix de la Photographie Paris" ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Candela, Ihre Serie "Brothels: Living in Darkness" erzählt vom Elend der Prostituierten in Bangladesch. Was bedeutet es für die Frauen, im Bordell zu leben?

Candela: Das Bordell ist ihr Zuhause, ihr Schutz gegen die Außenwelt und zugleich ein Schuldspruch: lebenslange Haft. Die Atmosphäre in diesem Gefängnis ist fast wie in einem Horrorfilm. Putz bröckelt von den Wänden, nackte Leuchtstoffröhren flackern und erzeugen unheimliche Szenen in dunklen Fluren, rund 50 Frauen leben dort extrem ärmlich. Und es ist gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Candela: Vor zwei Jahren haben radikale Islamisten das Bordell niedergebrannt. Sie warfen den Prostituieren vor, ihre unschuldigen Kinder zu verderben. Zwei Frauen wurden schwer verletzt. Für einen Monat lebten alle auf der Straße, ohne Hab und Gut. Für die Tat ist natürlich keiner zur Verantwortung gezogen worden. Aber bei den Frauen hat sie etwas verändert. Sie haben ihre Ängste überwunden und für ihre Rechte demonstriert.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie etwas erreicht?

Candela: Bis vor kurzem konnten die Frauen sich nicht außerhalb des Bordells aufhalten, durften keine Schuhe tragen und nicht auf dem Friedhof beerdigt werden. Sie waren nicht besser als Müll. Nun haben sie beim Bürgermeister immerhin durchgesetzt, auf einem eigenen Friedhof begraben zu werden. Aber es wird wohl mehrere Generationen dauern, bis sich grundlegend etwas ändert.

SPIEGEL ONLINE: Unter der oft dicken Schminke ist es kaum zu erkennen: Viele der von Ihnen porträtierten Prostituierten sind Kinder und Teenager. Wie sind sie im Bordell gelandet?

Candela: Viele haben schon mit neun Jahren angefangen. Sie lebten auf der Straße, wurden missbraucht oder haben in ihrer Familie Schreckliches erlebt. Manche wurden mit der Aussicht auf einen guten Job gelockt, für andere war die Prostitution die einzige Chance, Essen und ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Nun stehen sie am unteren Ende der sozialen Hierarchie. Und wenn sie einmal als Sexarbeiterin gebrandmarkt sind, haben sie kaum eine Chance, ihren Status zu ändern. Einmal Prostituierte, immer Prostituierte. Bis zum Tod.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilder kommen den Mädchen und Frauen berührend nah. Wie haben Sie Zugang gefunden?

Candela: Wenn wir auf eigene Faust dort aufgetaucht wären, hätten wir kaum eine Chance gehabt, mit den Frauen zu sprechen. Aber mein Freund, der Journalist Zigor Aldama, und ich hatten Unterstützung von der Hilfsorganisation "ActionAid", die uns auf das Thema gebracht haben. So hatten wir die Möglichkeit, ausführlich zu erklären, was wir wollten. Gerade beim Fotografieren ist nichts so wichtig, wie eine Verbindung aufzubauen. Durch die Gespräche haben die Frauen verstanden, wie wichtig Fotos sind, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Wir wollten ihnen die Chance geben, endlich offen zu sprechen. Meine Fotos sollen den Frauen eine Stimme verleihen und ihnen Würde und Respekt zurückgeben.

SPIEGEL ONLINE: Die intensiven, fröhlichen Farben der Bilder lassen fast vergessen, was die Mädchen und Frauen erlebt haben.

Candela: Man muss hinsehen und unter die farbige Oberfläche gelangen. Ich mache Foto-Storys, in denen Dokumentarfotografie mit Anthropologie verbunden ist, ich erzähle Geschichten. Das ist für mich nicht nur Hobby oder Beruf, sondern Obsession. Ich will etwas lernen über Menschen, ihre Lebensumstände. Mein Hauptantrieb ist mein Interesse. Als Fotograf darf man sich nicht dem kommerziellen Druck beugen, sondern nur dem Hunger danach, mehr zu wissen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in zwei Bordellen in Faridpur in der Nähe der Hauptstadt Dhaka fotografiert. Welche Geschichte hat Sie am meisten berührt?

Candela: Die von Lima. Sie sagte, sie sei 15, aber die "ActionAid"-Leute glaubten, dass sie höchstens zwölf ist. Bei einem Familienausflug nach Dhaka haben die Eltern sie einfach zurückgelassen. Ein Mann bot ihr an, bei ihm als Hausangestellte zu arbeiten. Doch seine Kinder schlugen und quälten sie. Sie haute ab und fand Unterschlupf in einer Koranschule. Dort wurde sie von zwei Jungen vergewaltigt. Am nächsten Tag stand eine Frau vor ihr und versprach, ihr Essen und Unterschlupf zu geben. Sie nahm sie mit ins Bordell. Ihren ersten Freier hatte sie mit 14, sagte sie. Aber wahrscheinlich war sie erst zehn oder elf. Seitdem kommen am Tag sieben bis zwölf Männer zu ihr, die zwischen 1,30 und 2,50 Dollar zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Darf Lima davon etwas behalten?

Candela: Nein. Sie bekommt Essen und darf im Bordell leben. Sie wäre gerne Übersetzerin geworden, aber sie verbietet sich, über die Zukunft nachzudenken, weil sie weiß, dass ihre Träume nie wahr werden. Diese Hoffnungslosigkeit lässt die Frauen leben wie Geister. Die Prostitution hat so nicht nur Kontrolle über ihren Körper, sondern auch über ihren Kopf. Wer zu alt ist, um Freier anzuziehen, wird "Madame" und kontrolliert junge Prostituierte. So hält sich das System am Laufen. Der einzige Weg zu entkommen, wäre zu heiraten. Aber die Männer halten die Frauen für Abfall.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihren Bildern sind einige Freier zu sehen. Sie posieren und scheinen fast stolz darauf zu sein, ein Bordell zu besuchen. Ein krasser Widerspruch?

Candela: Die Bauern, Fischer und Fabrikarbeiter auf den Fotos tun in ihren Augen nichts Falsches. Manche wollten sogar unbedingt interviewt werden. Sie benutzen die Frauen und waschen ihre Hände danach, als sei nichts gewesen. Und sie weigern sich, Kondome zu benutzen, weil die zu teuer sind. Es ist eine heuchlerische und zynische Gesellschaft.

Homepage: www.miguelcandela.com

Das Interview führte Daniela Zinser

insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tsardian 01.08.2012
1. ...
Zitat von sysopMiguel CandelaSex mit ihnen kostet zwei Dollar, die Gesellschaft verachtet sie als Müll: Miguel Candela zeigt das Leben von Prostituierten in Bangladesch. Im seen.by-Interview spricht der preisgekrönte Fotograf über Szenen wie aus Horrorfilmen - und Freier, die für ihn posierten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,847377,00.html
Laut Frau Hani Yousuf in dem anderen Spon Artikel haben Frauen es in den Südostasiatischen Ländern doch sogut? Gerade den Frauen in Pakistan soll es doch besser gehen als denen in Deutschland laut dieses Artikels. Und Bangladesch gehört schließlich für einige Zeit zu Pakistan. Das ist mir jetzt aber unverständlich.
Helga-B- 01.08.2012
2. Prostituierte in Bangladesch
Meiner Meinung nach sind nicht die Prostituierten der "Müll", sondern die Freier und Zuhälter!
Tubus 01.08.2012
3. Armutsphänomene
Mich stört diese selektive Wahrnehmung. Wie häufig auch bei der Darstellung von Kinderarbeit. Bangladesh ist ein bitterarmes Land und das Leben auf Müllhaufen dürfte wahrscheinlich auch nicht viel angenehmer sein. Auch das Leben als Fischer kann dort sehr hart und kurzsein. Beseitigt die Armut und alles wird gut.
westfalen7 01.08.2012
4. Hier wäre doch für Minister Niebel
mal eine gute Gelegenheit,sich zu kümmern.Es wird Zeit,daß angefangen wird,derartiges zu ändern! Und,ganz wichtig,mit der gleichen Geschwindigkeit,wie ESM Schirme durchgepeitscht werden!! Und sicherlich nicht nur in Bangladesh,sondern auch anderswo. Und die Ausrede zählt nicht:Wir wissen nicht,wo wir anfangen sollen,denn es gibt genug Hilfsorganisationen,die wissen,wo es Zeit wird. Hier wird es Zeit Geld auszugeben,um die Lebensumstände zu verbessern.
dasistdiezukunft 01.08.2012
5. Kann die Welt so einfach sein?
Zitat von TubusMich stört diese selektive Wahrnehmung. Wie häufig auch bei der Darstellung von Kinderarbeit. Bangladesh ist ein bitterarmes Land und das Leben auf Müllhaufen dürfte wahrscheinlich auch nicht viel angenehmer sein. Auch das Leben als Fischer kann dort sehr hart und kurzsein. Beseitigt die Armut und alles wird gut.
Sie glauben also wirklich, dass die Beseitigung von Armut menschenverachtendes Denken beseitigen kann? Oder Dinge wie Standesdünkel oder gar religiöse Verblendung?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.