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"Boston Globe": Hilferuf auf Seite eins

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Harte Sitten in der kriselnden US-Zeitungsbranche: Die New-York-Times-Gruppe droht, das Tochterblatt "Boston Globe" dichtzumachen, falls sich die Zeitung drastischen Sparmaßnahmen verweigert. Die wehrt sich mit einem großen Artikel in eigener Sache.

Boston/Hamburg - Wenn Zeitungen Hilferufe in eigener Sache veröffentlichen, dann ist die Lage ernst. Und wenn sie dies auf der Titelseite tun, dann ist die Lage todernst.

So geschehen beim "Boston Globe" an diesem Samstag. In London war gerade der G-20-Gipfel zu Ende gegangen, US-Präsident Barack Obama reiste weiter zum Nato-Gipfel, wo ein neuer Generalsekretär zu wählen war und die Strategie des Bündnisses für Afghanistan neu justiert werden musste. Man könnte also meinen: Genug Berichtenswertes für die Titelseite einer Qualitätszeitung.

Aufmacher des "Boston Globe": Chronik eines angekündigten Todes

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Dennoch entschied sich der "Boston Globe", an so prominenter Stelle von seinem drohenden Tod zu schreiben - und zwar, weil eines der renommiertesten Verlagshäuser der Welt das Blatt mit fast erpresserisch anmutenden Methoden dazu zwingt.

Denn der Eigentümer des "Boston Globe", die New-York-Times-Gruppe, droht offenbar das Blatt dichtzumachen - sollten sich die Gewerkschaften nicht dazu durchringen, Einsparungen von 20 Millionen Dollar zuzustimmen.

Die Manager aus New York verlangen Gehaltskürzungen, wollen Rentenbeiträge für ihre Mitarbeiter kappen und fordern den Verzicht auf lebenslange Arbeitsplatzgarantien, die einige Mitarbeiter des "Globe" genießen. 30 Tage bleiben den Gewerkschaften nun offenbar, um die Forderungen zu erfüllen.

Die Reaktionen der Mitarbeiter, von denen rund 1400 einer Gewerkschaft angehören und damit direkt von einem Deal betroffen wären, thematisiert der "Globe" gleich selbst in einem separaten Artikel. Einige vermuten hinter der Schließungsdrohung eine Drohgebärde, um die Gewerkschaften gefügig zu machen, andere nehmen sie durchaus ernst. Einig scheinen sich jedoch alle darin: Ja, zu Konzessionen sind wir bereit. Aber nur, wenn auch das Management spart.

Was wie eine Lektion in Sachen Raubtierkapitalismus wirkt, ist in Wahrheit Ausfluss der großen Zeitungskrise in den USA - denn auch dem vermeintlichen Schurken in diesem Drama geht es schlecht.

Denn die New-York-Times-Gruppe, die unter anderem die "New York Times" herausgibt, hat nach Angaben des "Globe" im Jahr 2008 einen Verlust von 57,8 Millionen Dollar hinnehmen müssen. Erst kürzlich war deswegen die erst 2007 fertiggestellte Zentrale in Manhattan verkauft worden. Jetzt ist man dort nur noch Mieter. Zudem holte sich das Haus vom mexikanischen Milliardär Carlos Slim im Gegenzug für weitere Anteile eine Kapitalspritze in Höhe von 250 Millionen Dollar.

Auch der "Globe" hat bereits eine Sparrunde hinter sich. Vergangene Woche habe die Redaktion, so ist in dem Blatt selbst zu lesen, auf das Äquivalent von 50 Vollzeitstellen verzichten müssen. Offenbar nicht genug. Denn wie die Verlagsmanager aus New York wissen ließen, droht dem Blatt im Jahr 2009 ein Verlust von stattlichen 85 Millionen Dollar - und zwar, nachdem es bereits 2008 geschätzte 50 Millionen Miese gemacht hat. Die Mutter des "Globe" versucht das teure Kind aus dem Bundesstaat Massachusetts schon länger loszuwerden - bisher vergeblich.

Zu schaffen macht den Zeitungen in den USA schon seit Jahren, dass das Anzeigengeschäft einbricht und die Auflagen sinken - die Leser wandern ab ins Internet. Ihre Online-Ausgaben eingerechnet, erreichen viele Blätter zwar sogar mehr Leser als je zuvor. Doch die Verluste im Printgeschäft konnten bisher nicht durch die zusätzlichen Einnahmen im Netz ausgeglichen werden. Diese ohnehin dramatische Entwicklung verschärft sich nun durch die weltweite Wirtschaftskrise.

Eine ganze Reihe von Zeitungshäuser hat daher in den vergangenen Monaten Insolvenzschutz angemeldet, so etwa die Tribune Corporation, Verlegerin der "Chicago Tribune", der "Los Angeles Times" und des "Hartford Courant", oder das Verlagshaus Phildelphia Newspapers, das den "Phildelphia Inquirer" herausgibt.

Und so kommt es also, dass nun mit dem "Boston Globe" auch eine der renommiertesten Zeitungen der USA in ihrer Existenz bedroht ist. Mit einer Wochentagsauflage von rund 380.000 Exemplaren ist das Blatt die Nummer 14 im Lande, publizistisch strahlt es oft auch über die Grenzen der USA hinaus. Zuletzt wandte sich das Blatt allerdings dem hyperlocalism zu: Man verzichtete fast ganz auf überregionale Nachrichten.

20 Pulitzer-Preise hat die Redaktion in ihrer Geschichte eingesammelt, davon allein acht unter der Eigentümerschaft der New-York-Times-Gruppe, zu der der "Globe" seit 1993 gehört. Zu den großen journalistischen Verdiensten der Zeitung zählt etwa die Aufdeckung einer Reihe von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, die vor allem in den Jahren 2002 und 2003 die USA erschütterten.

Bostons Bürgermeister Thomas Menino zeigte sich denn auch erschüttert ob der Aussicht, die Stadt könne so eine wichtige publizistische Stimme verlieren. "Der 'Globe' hat Boston mit erbaut", fasste er konzise die Bedeutung der Zeitung zusammen.

Das sind wohlfeile Worte, helfen dürften sie kaum. Das legt der Fall der "Rocky Mountain News" nahe. Die kaum weniger traditionsreiche Zeitung aus Denver im US-Bundesstaat Colorado musste Ende Februar ihr Erscheinen einstellen, kurz vor ihrem 150. Geburtstag. Sollte der "Globe" also tatsächlich dichtmachen - er wäre zumindest in illustrer Gesellschaft.

"Goodbye Colorado" titelte die "Rocky Mountain News" Ende Februar. Vielleicht folgt bald ein "Goodbye Massachusetts".

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