Botanik Turiner Grabtuch wickelt Forscher ein

Die beiden israelischen Forscher, die Blütenpollen auf dem Turiner Grabtuch gefunden hatten, gaben nun vor 4000 Kongressteilnehmern ihre Erkenntnisse über die Echtheit des Tuches, die Dornenkrone und den Sterbemonat des Eingehüllten bekannt.


St. Louis - Pollenstaub und Blütenabdrücke auf dem Turiner Grabtuch geben nach Überzeugung israelischer Botaniker weitere Hinweise, dass es das Original sein müsse, in dem Jesus von Nazareth einst zu Grabe getragen wurde. Die Echtheit des Tuches wird seit Jahrhunderten angefochten. Eine Analyse, die sich auf Anteile von Kohlenstoff-14 stützte, datierte das Gewebe im Jahr 1988 lediglich bis ins Mittelalter zurück. Das Ergebnis wird von anderen Forschern allerdings angezweifelt.

Turiner Grabtuch in Positiv- und Negativ-Ansicht
REUTERS

Turiner Grabtuch in Positiv- und Negativ-Ansicht

Der Botaniker Avincam Danin und Kollegen von der Hebräischen Universität in Jerusalem bestätigten nun Analysen, dass Pollen und Blätter, die sich auf dem Stoff abzeichnen, von Pflanzenarten des Nahen Ostens stammen. Danin trug die Daten am Montagabend auf dem XVI. Internationalen Botanischen Kongress in St. Louis (US-Staat Missouri) vor. Er wird von mehr als 4.000 Wissenschaftlern aus 100 Ländern besucht.

Danin vermutet, dass der Körper von Jesus auf das Tuch gelegt und mit blühenden Blumen umkränzt wurde. Danach sei es über den Leichnam zusammengeschlagen worden. Im Laufe der Zeit hätten sich die Umrisse des Körpers und der Pflanzen in das Grabtuch eingedrückt.

Das Gewebe ist mit Pollen durchsetzt und lässt schwache Umrisse von Blumen, Blättern und anderen Pflanzenteilen erkennen. Danins Kollegen Alan und Mary Whanger identifizierten die Abdrücke nach einem neuen Verfahren, der Polarized Image Overlay Technique (PIOT), als Gewächse aus einem der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt.

Ein Kollege Danins, Uri Baruch aus Jerusalem, überprüfte die Blütezeit der nachgewiesenen Pflanzenarten und folgerte: In dieser Kombination hätten sie im Raum von Jerusalem seit Jahrhunderten jeweils nur im März und April geblüht.

Besonders viele Pollen ließ die Distelart Gundelia tournefortii auf dem Turiner Grabtuch zurück. Sie blüht in Israel nur zwischen März und Mai. Alan und Mary Whanger glauben, dass die Dornenkrone auf Jesus Haupt aus Zweigen dieser Distel gewunden war.

Zwei Pollenkörner der gleichen Distel (Gundelia tournefortii) fanden die Botaniker auch auf dem Sudarium von Oviedo, dem Gewebe, das weithin als Grabtuch für das Gesicht von Jesus anerkannt ist. Dieses Gesichtstuch ist seit dem ersten Jahrhundert nach Christi Geburt dokumentiert. Beide Gewebe, das Turiner Grabtuch und das Sudarium von Oviedo, sind von Flecken der Blutgruppe AB benetzt. Obwohl Spuren aus jener Zeit nur schwer einer Blutgruppe zuzuordnen sind, steht zumindest fest, dass die Flecken auf beiden Tüchern dem gleichen Bluttyp angehören.

Der Stoff, der als Turiner Grabtuch bekannt ist, ist aus Leinen gewoben und misst 4,35 mal 1,1 Meter. Er wird seit 1578 in der Kathedrale des Heiligen Johannes von Turin aufbewahrt.



© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.