"Fremdenfeindlich" aus Frust? Es war Terror

Warum debattieren wir nicht tagelang über rassistische Gewalt in Deutschland, wenn ein Mann "Kanaken" mit dem Auto totfahren will? Weil bei uns Tat und Motiv weniger wichtig sind als die Herkunft der Täter und Opfer.

Faust mit Hass-Aufschrift
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Faust mit Hass-Aufschrift

Eine Kolumne von


Fast hätte ich Mitleid bekommen mit Andreas N. Wie schlecht muss es dem armen Mann gegangen sein, dass er an Silvester in seine Karre steigt und in Ausländer reinfährt, zurücksetzt und noch mal reinfährt? Insgesamt vier Mal, in Bottrop und Essen. Ganz Deutschland weiß seit der Berichterstattung über diesen Fall: Hier ging es einem Typen echt dreckig - arbeitslos, benachteiligt, geistig verwirrt.

Das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt, aber schon geprägt von Diskussionen über Gewalt: Bottrop, Essen, Amberg, Bremen. Der Umgang vieler Politiker und Medien damit zeigt: Entscheidend dafür, wie wir eine Gewalttat einordnen, sind weniger Tat und Motiv, sondern eher, wer die Tat begangen hat und wer die Opfer sind. "Ausländer" zum Beispiel interessieren uns vor allem als Täter.

Fall 1: Mordanschlag in Bottrop und Essen an Silvester 2018/2019: Viele Medien bezeichneten das als "Angriff, "Auto-Attentat", "Auto-Attacke" oder "Amokfahrt" - der Täter war "ein Deutscher", seine Opfer stammten fast nur aus Syrien und Afghanistan. Als Motiv wurde "Fremdenfeindlichkeit", "Jagd auf Ausländer" identifiziert, vor allem aber ging es sehr schnell um seine persönliche Verfassung, er sei "womöglich psychisch krank".

Fall 2: Betrunkene Jugendliche prügeln am 29. Dezember in Amberg auf Passanten ein: Viele Medien nannten es "Prügel-Attacken", "Prügel-Orgie", "Gewalt-Exzesse", die Täter waren vier junge Asylsuchende aus Afghanistan und Iran, die Opfer: zwölf Verletzte, offenbar willkürlich ausgesucht. Das Motiv war unbekannt, über die Täter wusste man zunächst vor allem, dass sie zwischen 17 und 19 Jahren alt und alkoholisiert waren.

In beiden Fällen wurden ähnliche Schlagworte verwendet: Angriff und Attacke. Dabei ist nur im ersten Fall das Motiv bekannt. Und es ist mega krass. Das Ziel: ethnische Säuberung durch Mord. Andreas N. ist nicht auf irgendwelche Menschengruppen losgefahren, er wollte "Kanaken" töten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass kanakisierte Menschen das Motiv in solchen Fällen deutlicher verstehen als der Rest der Gesellschaft.

Eigentlich logisch, denn das ist ja die Idee von Terror: Er macht denen Angst, denen er Angst machen soll. Und die "Auto-Attacke" galt uns - den Menschen, die bei der Darstellung der Geschehnisse bescheuerterweise als "Fremde" subsumiert werden. Bescheuert deswegen, weil Andreas N. ziemlich egal gewesen sein dürfte, wie lange die Menschen in Deutschland lebten, die er anfuhr.

Deswegen haben viele Leute zu Recht darauf hingewiesen, dass es sich nicht um eine fremdenfeindliche, sondern um eine rassistische Straftat handelt. Aber auch das ist eigentlich viel zu schwach: rassistische Straftat klingt eher nach Diskriminierung am Arbeitsplatz. Wenn aber Rassisten People of Color ermorden wollen, dann ist das Terror.

Das war ein Anschlag auf unsere Demokratie - auf die freiheitliche demokratische Grundordnung. Wie kann es also sein, dass bei den prügelnden Jugendlichen konkrete Konsequenzen nach härteren Abschieberegelungen folgen sollen, hier aber kaum etwas passiert? Wie kann es sein, dass eine große Debatten über Rassismus und ihre Folgen ausblieb? Vor drei Jahren haben wir wegen sexuellen Übergriffen an Silvester monatelang diskutiert und sogar Gesetze geändert. Aber damals waren die Täter halt Ausländer. Also kümmerte sich die Politik mal wieder um mehr Abschiebungen - das Allheilmittel der deutschen Innenpolitik.

So wie jetzt im Fall von Amberg, der nur deswegen zur bundesweiten Meldung avancierte, weil die Täter Geflüchtete sind. Und erst mal fragte niemand nach ihrem geistigen Zustand. Vielleicht ging es ihnen ja auch nicht gut. Vielleicht waren sie auch frustriert. Nicht, dass das die Gewalt rechtfertigen würde, keineswegs, aber im Fall des Auto-Terroristen haben wir das schließlich auch sehr schnell erfahren. Das Einzige, was wir in den ersten Tagen von 2019 über die Prügel-Clique aus Amberg wussten, waren Alter, Herkunft und Aufenthaltsstatus.

Von wegen Einzeltäter!

Die Bundesanwaltschaft hat im Fall von Bottrop entschieden, dass das kein Terrorismus sei und nicht in ihre Zuständigkeit fällt. Auch der Bundesinnenminister Horst Seehofer sieht das ähnlich. Das ist ärgerlich, denn es ist reines Glück, dass Andreas N. in Bottrop und Essen keine Menschen tötete.

Und seine Botschaft kommt keineswegs vereinzelt und nur alle paar Jahre. Durchschnittlich vier Übergriffe pro Tag auf Geflüchtete zählte die Bundesregierung im ersten Halbjahr 2018. 2017 registrierten die Behörden 312 Straftaten gegen Asylunterkünfte, für 2018 liegen die endgültigen Zahlen noch nicht vor. Bis Oktober waren es um die hundert.

insgesamt 169 Beiträge
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Seite 1
wenndannjetzt 12.01.2019
1. Bravo
Das entspricht genau meiner Wahrnehmung der Berichterstattung besonders auch in den Lokal- und Provinzblättern.
hpkeul 12.01.2019
2. Betroffenheit.
Selbstverständlich ist jede der beschriebenen Untaten ein Schock für unsere eigentlich immer noch friedfertige Gesellschaft. Allerdings hat das schon mit Kain und Abel begonnen. Das ist keine Relativierung. Ich hatte das Glück, erstens in diesem Land geboren zu sein und zweitens in 69 Lebensjahren noch nie Opfer oder Zuschauer eines Gewaltverbrechens gewesen zu sein. Und ich lebe im Ballungsgebiet. Ich vermute: diese deutsche Lebenswirklichkeit teile ich mit 97?, 98?, 99%? Prozent der Bürger. Und egal was ein Gewalttäter an Begründungen für sein Tun anführt, wir sollten ihn als ordinären Verbrecher verfolgen und verurteilen, wenn er geisteskrank ist, müssen wir ihn wegsperren. Schon der Begriff "Terrorist" ist unangebracht. denn er relativiert, indem er unterstellt, der Täter hätte eine moralische Rechtfertigung. Und die gibt es nicht. Nicht bei uns, nicht im nahen Osten.
Southwest69 12.01.2019
3. Altbekannte Praxis
Alte Gewohnheiten ändert man nicht so schnell. Versucht mal auf einer ostdeutschen Polizeiwache eine fremdenfeindliche Straftat anzuzeigen, da kann man besser einen Pudding an die Wand nageln. Rechte Straftäter müssen sich teilweise wirklich ein Schild um den Hals hängen, damit der reaktionäre Teil der Bevölkerung sie überhaupt als solche erkennt.
ingnazwobel 12.01.2019
4.
Irgendwo habe ich gelesen, dass Zeitungen und Fernsehnachrichten nur über das unnormale und aussergewöhnliche berichten und für das alltägliche keine Zeit haben. Da Rechtsextremissmus und rechte Gewalt an der Tagesordnung sind, wird dies eher außen vorgelassen. Im Geiste der besorgten Bürger wird dann diese Tat als Einzeltat deglariert. Es ist aber auch wie beim "Staat": auf dem rechten Auge sind sie alle Blind.
my_chem 12.01.2019
5. Sehr treffend
Vielen Dank für diesen Beitrag. Dieser Sachverhalt muss viel ausführlicher diskutiert werden. Werden rassistische Übergriffe nicht als solche benannt, besteht die Gefahr der Normalisierung solcher Taten und eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Im übrigen sprach auch der Spiegel von einer ?Auto-Attacke?. Zwar erscheinen jetzt auch Beiträge wie dieser, jedoch viel zu spät. Den meisten wird der Begriff ?Attacke? im Gedächtnis bleiben.
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