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26. Februar 2012, 11:12 Uhr

Boulevardblatt "Sun on Sunday"

Murdochs letztes Hurra

Von , London

Sein Lebenswerk ist bedroht, doch Rupert Murdoch gibt noch nicht auf: Mit dem neuen Boulevardblatt "Sun on Sunday" will der alternde Medienmogul es allen Kritikern noch mal zeigen. Plötzlich wird der Darth Vader der globalen Medienbranche als Hoffnungsträger gefeiert.

"Es gibt noch Wunder", twitterte Rupert Murdoch nach seiner Ankunft in der britischen Hauptstadt. "In London scheint die Sonne." Der 80-jährige Medienmogul war bester Stimmung, denn er hatte große Neuigkeiten zu verkünden: "Sehr bald" werde die erste Sonntagsausgabe seiner britischen Boulevardzeitung "The Sun" erscheinen.

Zehn Tage später ist es so weit: Die "Sun on Sunday" liegt an diesem Sonntag zum ersten Mal an den britischen Kiosken. Mit Hilfe einer millionenteuren Marketingkampagne will Murdoch auf Anhieb zwei bis drei Millionen Exemplare verkaufen und das Blatt als größte Sonntagszeitung des Landes etablieren. Acht Monate, nachdem er die "News of the World" wegen des Abhörskandals einstellen musste, wagt er die Rückkehr auf den umkämpften Sonntagsmarkt.

Nach dem unrühmlichen Ende der "NoW" soll die "SoS" einen Neuanfang darstellen. Dieser Zeitung könne der Leser vertrauen, heißt es im Leitartikel der Jungfernausgabe. Alle Redakteure würden sich beim Recherchieren an "die Werte des Anstands" halten.

Murdoch scheut keine Kosten

Die erste Ausgabe wartet mit klassischer Boulevardkost auf. "Amanda Holden Exclusive" steht auf der Titelseite über einem Bild des blonden TV-Sternchens mit ihrem Baby. "Mein Herz stand für 40 Sekunden still", lautet die Schlagzeile. Auf vier Seiten erzählt die 41-Jährige von den lebensbedrohlichen Blutungen während ihrer "Alptraumgeburt". Es sei eine "frauenfreundliche Geschichte", erklärt der leitende "Sun"-Redakteur David Wooding. "Glamour, Gesundheit, was fürs Herz."

In der politischen Hauptgeschichte wird kräftig die Kriegstrommel geschlagen. Großbritannien werde binnen zwei Jahren in den Krieg gegen Iran ziehen, prognostiziert das Blatt unter Berufung auf die Militärführung. Nur eine Option bleibe, um dies zu verhindern: Die Iraner müssten ihr Regime selbst stürzen.

Für einen gebührenden Einstand hat Murdoch keine Kosten gescheut. Im Innenteil schreiben teuer eingekaufte Kolumnisten wie Politikkommentator Toby Young, Promikoch Heston Blumenthal und Ex-Boxenluder Katie Price. Für den 45-seitigen Sportteil hat er den früheren Manchester-United-Kapitän Roy Keane als Kommentator verpflichtet.

Den Launch hatte Murdoch in den vergangenen Tagen persönlich überwacht. Statt in der New Yorker Zentrale seines Milliardenkonzerns News Corp. die Geschäfte zu führen, kümmerte er sich die gesamte Woche in London um Layout, Kolumnisten und Werbekunden. Die "Sun"-Redaktion machte Überstunden, um die zusätzliche Ausgabe zu stemmen. Der Boss tauchte ab und zu im Newsroom auf, um sie anzufeuern.

Beamtenbestechung und Hacken von E-Mails

Auf Twitter berichtete Murdoch über die Fortschritte, seine Begeisterung schien echt. Neuzugang Young fühlte sich an ein Kind erinnert, das mit seiner neuen Eisenbahn spielt. Am Mittwoch twitterte Murdoch zufrieden, 90 Prozent der Briten hätten bereits von der Sonntagszeitung gehört. Am Donnerstag kündigte er an, das Blatt werde zum Schleuderpreis von 50 Pence am Kiosk liegen. Kurz darauf teilte er mit, die Anzeigenplätze seien bereits komplett ausverkauft. Murdoch, der Macher, in seinem Element.

Es sei Wahnsinn, wenn sich der CEO eines börsennotierten Konzerns persönlich um die Einführung eines relativ unbedeutenden Produkts kümmere, kommentierte Murdoch-Biograf Michael Wolff im "Guardian". Doch habe dieser Launch zweifellos eine belebende Wirkung auf den 80-Jährigen.

Tatsächlich kann Murdoch etwas Ablenkung gebrauchen. Denn sein Imperium steht weiterhin unter Belagerung. Die Aufarbeitung des Abhörskandals bei der eingestellten "News of the World" hatte die Londoner Ermittler zuletzt auch auf die Spur der Murdoch-Blätter "Sun" und "Times" geführt. Es geht nicht mehr nur um das Abhören von Handy-Mailboxen, sondern auch um Beamtenbestechung bei Polizei und Militär sowie das Hacken von E-Mails. Allein Scotland Yard hat drei verschiedene Taskforces eingesetzt, dazu kommen ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss und eine unabhängige Ethikkommission unter Vorsitz des Richters Brian Leveson.

Diese Woche wird sich die Leveson-Kommission erstmals der Frage der Bezahlung von Polizeibeamten widmen - und damit die "Sun" wieder ins Rampenlicht rücken. Es werde ein "Blutbad" geben, berichtet der "Independent on Sunday" unter Berufung auf Kenner der Akten. Erheblicher Ärger droht auch immer noch Murdochs Sohn James, dem früheren Chef der britischen Zeitungstochter News International. Er steht im Verdacht, den Abhörskandal bei der "News of the World" vertuscht und belastende E-Mails von den Firmenservern gelöscht zu haben.

Aufbruchsignal für die Branche

Vorerst jedoch sonnt Murdoch Senior sich im Glanz seiner neuen Sonntagsausgabe. Das Launchen einer neuen Zeitung ist sein größtes Hobby. Der Verleger, der das Zeitungsmachen einst in Australien von seinem Vater gelernt hat, ist einer der letzten Vertreter der aussterbenden Spezies des Newspaperman. Sein erster großer Erfolg war in den sechziger Jahren der "Australian". Die "Sun on Sunday" wird nun wohl sein letztes Hurra sein.

Unter PR-Gesichtspunkten ist es bereits ein Coup: So viele positive Schlagzeilen hat der umstrittene Australier in Großbritannien lange nicht mehr bekommen. Dabei füllt er mit der "Sun on Sunday" nur die Lücke, die er selbst mit der Einstellung der "News of the World" im vergangenen Juli gerissen hatte. Er muss im Wesentlichen die Druckerpressen wieder anwerfen und einige seiner alten Mitarbeiter wieder einstellen.

Doch wertet die gesamte Branche den Start der ersten britischen Sonntagszeitung seit Jahren als Aufbruchsignal. Nicht nur die verunsicherten "Sun"-Mitarbeiter atmen auf. Zuletzt war bereits über das Ende des Blatts spekuliert worden, nachdem Scotland Yard seit November zehn leitende Redakteure wegen des Vorwurfs der Beamtenbestechung festgenommen hatte. Murdoch setzte diesen Spekulationen ein Ende.

Boulevard-Rivalen reagieren sofort

Auch der Rest der kriselnden Print-Branche dankt es dem Unternehmer, dass er ein Zeichen setzt gegen den langsamen Tod der Tageszeitung. Der Mann, der sonst als Darth Vader der Medienbranche gilt, wird plötzlich wieder als Hoffnungsträger gefeiert. Selbst der "Guardian", treibende Kraft bei der Aufdeckung des Abhörskandals bei der "News of the World", zollte dem Alten Respekt. Murdoch sei der "Magier des Prints", schwärmte ein Leitartikler.

Es wird sich zeigen, wie viel Magie nach Abschluss der diversen Ermittlungsverfahren übrig bleibt. Man solle sich bloß nicht vertun, urteilt der "Independent": "Murdochs Stern sinkt."

Doch die Erfolgsaussichten der "Sun on Sunday" erscheinen zunächst gut. Zwar ist die Hälfte der 2,7 Millionen Leser der "News of the World" zur Konkurrenz abgewandert, doch ist genug Nachfrage da. Zumal Murdoch mit einem bewährten Trick angetreten ist: Die Sonntags-"Sun" kostet halb so viel wie früher die "News of the World". Mindestens bis Ende des Jahres will Murdoch diesen Kampfpreis beibehalten.

Die Boulevard-Rivalen "Sunday People" und "Daily Star Sunday" reagierten sofort: Auch sie halbierten ihre Preise auf 50 Pence. Nun wird sich zeigen, wer in diesem Abnutzungskrieg den längeren Atem hat. In der Vergangenheit hieß der Sieger meistens Rupert Murdoch.

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