Boulevardmagazin "OK!" Promi-Brei ganz Bohlen-frei

Voyeurismus? Ja, aber nur positiv! So lautet das Motto des neuen deutschen People-Blattes "Ok!". Was harmlos klingt, ist in Wahrheit ganz heuschrecklich: Denn das Magazin ist Teil einer globalen Promi-Verwertungs-Maschine.

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Britney Spears? Hm, ja, internationale Figur, an der käme man nun mal nicht vorbei. Das sei aber eine Frage der Verpackung – "Komabilder zeigen wir nicht." Und Dieter Bohlen? Da wiegt der Mann den Kopf hin und her und sagt dann: "Wohl eher nicht." Damit umreißt Klaus Dahm, ein zutiefst unglamourös wirkender 50-Jähriger im Hobby-Trekking-Outfit, die wichtigsten Fragen an den Chefredakteur eines People-Magazins: Wer kommt rein – und wer nicht? Und vor allem: Wie? Seit heute kann man nach Bohlen und Britney fahnden, in der ersten deutschen Ausgabe der People-Postille "Ok!", die von nun an alldonnerstäglich auf dem Magazinmarkt der Eitelkeiten ihr Frischfleisch feilbietet. Im wahrsten Sinne des Wortes: Auf dem Cover der ersten Ausgabe strahlt Angelina Jolie, die Schlagzeile ist: Ja, ein Baby! Die Chancen stehen gut, dass sich das verkauft.

Doch der Reihe nach und vor allem: Das Wichtigste zuerst. Selbst "Ok!" ist sich nicht sooo sicher, ob Angelina Jolie schwanger ist. Das hindert die rund 30-köpfige Redaktion aber nicht daran, auf das Cover der ersten, 100 Seiten umfassenden Ausgabe die Mater Dolorosa des globalen Promi-Passionsspiels zu hieven.

Man betreibt also die seit einigen Jahren beliebteste Disziplin der Promi-Berichterstattung, namentlich Babywatching: Ist sie's oder ist sie's nicht? Auch sonst erfüllt man gehobene internationale Standards des Metiers: Über Katherine Heigls Traumhochzeit etwa freut man sich mit einer achtseitigen Strecke ("Welt-exklusiv"). Lindsay Lohan'sche oder Peter Doherty'sche Abstürze fehlen dafür, auch Bohlen glänzt durch Abwesenheit.

Brangelinas Kinder-Eiereien und Heigls Hochzeit

Der deutsche Markt bietet ja bereits einige Nuancierungen im People-Markt. Die "Gala" aus dem Hause Gruner & Jahr ist in etwa eine Düsseldorfer Zahnarztgattin in Papierform: Ein mittelaltes Dämchen mit Hang zum Höherem, etwas gequält gewählt im Ton, irgendwie botoxig glatt im Look. Die "Bunte" von Burda wiederum wirkt wie eine Boutiquen-Besitzerin aus der bayerischen Provinz: Viel Herz, viel katholisch bigotte Neugier. Leider, leider trägt sie aber Kostümchen aus der vorletzten Saison und vor allem ist sie: Sehr deutsch. Dann wäre da die "InTouch", die Neuköllner Göre aus dem Bauer-Verlag, die knallig-billige Trend-Looks zum Wegschauen trägt, eher rotzt als redet und gerne nachtritt, wenn eine(r) schon am Boden liegt.

Tja, und jetzt ist da die "Ok!". Wer ist denn die? Wohl am ehesten eine fidel-biedere Sachbearbeiterin aus dem Speckgürtel einer x-beliebigen deutschen Großstadt, die ihren H&M-Look etwas ungeschickt mit Design-Accessoires aufpeppt, mental in der großen weiten Welt zu Hause sein will - ohne je dort hinzukommen, denn man muss ja arbeiten.

Dazu passt, wenn Chefredakteur Dahm von einer "Botschaft der Begehrlichkeit" spricht, die sein Heft aussenden wolle, er vom "Heftaroma" fabuliert und damit meint: Voyeurismus ja, aber positiv. Und vor allem: international. "Zu achtzig oder neunzig Prozent" wolle man, so Dahm, globale Stars aufs Cover bringen. Das löst die erste Ausgabe ein: Neben Brangelinas Kinder-Eiereien und Heigls Hochzeit liest man da folgende Namen: Julia Roberts, David Beckham, Halle Berry, Heath Ledger, Demi Moore, Jim Carrey, George Clooney, Michael Douglas. Klein und allein schafft es als einziges deutsches Sternchen Alt-Model Tatjana Patitz aufs Cover - wohl nur, weil sie zur Homestory nach L.A. lädt.

Das Konzept zielt am ehesten gegen die "Gala". Wenn "OK!"-Chefredakteur Dahm von der "Bunten" redet und sagt, Chefredakteurin "Riekel muss sich keine Sorgen machen", spürt man: Na ja, die olle Boutiquen-Besitzerin hat's eh hinter sich. Und die "InTouch"? Höfliches Schweigen. Wer will sich schon mit einer Neuköllner Göre ...? So ein Schmuddelkind kriegt ja eh keine Anzeigenkunden. Und die braucht "Ok!": Der Verlag garantiert den Anzeigenkunden 160.000 Leser, der Einführungskampfpreis liegt bei einem Euro.

Turbokapitalistisch und heuschrecklich

Nicht zuletzt hat die Ausrichtung des Heftes aber auch damit zu tun, dass "OK!" eine globale Marke (mit bald 15 Ausgaben) ist, die sich mit ihrer Marktmacht - viel Geld, viele Leser - exklusiv im globalen Bildermarkt einkauft; hier die Hochzeit bei Heigls, da vielleicht bald das neue kleine der Jolie. Der Klambt-Verlag mit Sitz in Baden-Baden, bisher mit bieder-truschigen Blättchen wie "Lea", "Frau mit Herz" oder "Heim und Welt" eher nicht aufgefallen, betreibt das Heft als Joint-Venture mit dem britischen Mutterhaus Northern Shell. Schon allein dieser Verlagsname klingt ja arg turbokapitalistisch und heuschrecklich. Und so betreibt man auch das People-Geschäft: Das britische Mutterblatt, gegründet 1993, tendiert eher in Richtung Trash. Den Ablegern erlaubt man allerdings die Freiheit, sich anders zu positionieren - stellt ihnen aber die globale Infrastruktur zur Verfügung.

So wird Dahms Frauschaft (das Impressum weist - inklusive Chef - ganze drei Textredakteure aus) gern auf das sogenannte Gateway zurückgreifen, in das die englischen, US-amerikanischen und australischen Redaktionen ihre aktuell produzierten Seiten reinstellen – auf die man am Hamburger Gänsemarkt, dem Sitz der Redaktion, in Echtzeit zugreifen kann. Von den übrigen Redaktionen erwarte man sich da übrigens nicht so viel, "nichts gegen Bulgarien, aber ...".

Mit Klatsch im eigentlichen Sinn hat "OK!" wenig zu tun; rein etymologisch leitet sich das Wort ja vom Klatschen der Wäsche her, als dereinst Waschfrauen ihrer Arbeit nachgingen und sich währenddessen ihre Mäuler zerissen. Das Heft zelebriert als globalisiertes Promi-Verwertungs-Unternehmen die hemmungslose Lust am Bild, die Texte halten sie oft nur als Klammer zusammen. Chefredakteur Dahm nennt sie "ironisch, amüsant und flott" – man möchte dagegenhalten: schlicht. Aber das wäre unfair: Man handelt eben mit Bildern, nicht mit Geschichten und behauptet gar nichts anderes. Denn, so Dahm: "Für Interviews zahlen wir nicht. Für internationale Fotoproduktionen schon."

Womit wir bei Britney wären. Die ist - natürlich - drin. Auf Seite acht, derangiert zwar, aber mit Red Bull in der Hand; kein Komabild also. Vielleicht wird sie es ja dem Heft danken, sollte sie mal wieder heiraten.



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