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Neuer Digitalsender BR Heimat: Radio, behaglich wie die Katze auf dem Schoß

Von Thomas Zirnbauer

Neuer Digitalsender: Sogar die Verkehrsansagen sind halb so schnell Fotos
imago

Entschleunigung als Sinneserlebnis: Der neue Digitalsender BR Heimat setzt auf bayerische Volksmusik - und verblüfft damit gerade jene, die von Musikantenstadl-Volkstümelei angewidert sind.

Kürzlich schaltete ich abends das Radio ein, auf der Suche nach der passenden Begleitung zu meinem Käsebrot. Die Uraufführung einer Gegenwartskomposition auf BR Klassik war mir zu anstrengend.

Und die politischen Kommentare im Deutschlandfunk wiederholten das, was ich schon wusste: Die Lage in den Krisengebieten der Welt ist verfahren und niemand hat einen Plan, wie sich das in absehbarer Zeit ändern könnte. Ich ja auch nicht. Die übrigen Schnellspeichertasten auf unserem Digitalradio waren rasch durchgezappt.

Schließlich überschritt ich wagemutig den gespeicherten Raum und geriet in eine Welt, die mich mit zarten Zither-, Hackbrett- und Gitarrenklängen empfing. Himmlische Ruhe im Gewand von Musik. Eine Stimme mit warmem Schmelz hieß mich willkommen: "BR Heimat, der neue Digitalsender des Bayerischen Rundfunks."

Seitdem haben sie mich. Ich lausche beim Frühstück, beim Abendessen und am Wochenende auch mal tagsüber.

Behaglichkeit und ein Lächeln

Ein wohliges Gefühl überkommt mich jedes Mal. Ich strecke die Beine unter dem Tisch aus. Behaglichkeit breitet sich aus in mir und ein Lächeln auf meinem Gesicht. Entschleunigung als Sinneserlebnis. Sogar die Verkehrsdurchsagen werden hier halb so schnell durchgegeben. Der dazugehörige Jingle führt einen ganz gemächlich in den nächsten Stau.

Drei Alben sind seit Jahren Dauergäste auf meinem iPod: Miles Davis' "Kind of Blue", Glenn Goulds 1982er Aufnahme von Bachs Goldbergvariationen und "Wetterpanoramamusi" mit traditioneller bayerischer Volksmusik aus den Archiven des Bayerischen Rundfunks. Eminem, Jimi Hendrix, Anne-Sophie Mutter, Nusrat Fateh Ali Kahn müssen immer wieder ausziehen. Miles Davis, Glenn Gould und die Vogelspitzmusi dürfen bleiben. Sie sind unkündbar.

Ich war also musikalisch vorbereitet auf die alpenländischen Klänge. Dennoch verblüffte mich meine Reaktion. Welche Saite schlägt BR Heimat in mir an? Wenn mir diese volksdümmliche Musikantenstadl-Soße aus dem Fernseher entgegenspritzt, weiche ich unwillkürlich zurück. Deren zynisch kalkulierte Simplizität widert mich an. Doch wenn auf BR Heimat Zwiefacher, Landler, Marsch oder Boarischer erklingen, entspanne ich. Die Moderatoren halten sich zurück. Werbung gibt's nicht. BR Heimat ist für mich das Radioäquivalent zur Katze auf dem Schoß.

Klar, man wird älter. Die Radiohelden meiner Jugend moderieren nun im Austraghäusl von Klassik- und Oldieprogramm. Auf Bayern 1 dominieren nicht mehr Gus Backus, Caterina Valente und Peter Alexander, wie noch in meiner Jugend, sondern Santana, Spider Murphy Gang und Rolling Stones. Doch dass mich BR Heimat anspricht, hat möglicherweise auch mit einem veränderten, erweiterten Heimatbegriff zu tun.

Über das konservative Milieu hinaus

Verkörpert wird er von neueren Bands wie La Brass Banda, Kofelgschroa, Claudia Koreck und Urgesteinen wie der Biermösl Blosn und Hubert von Goisern. Sie geben den Blick auf ihre kulturellen Wurzeln frei. Es scheint allgemein ein steigendes Interesse an hand- und mundgemachter Musik zu geben, das über das konservative Milieu von einst weit hinausgeht. Auch traditionelle alpenländische Volksmusik ist eben Weltmusik.

Ich schere mich nicht um das Programmschema. Keine Ahnung, wann auf BR Heimat was läuft. Ich bin neugierig und lasse mich überraschen. Am häufigsten bin ich dort natürlich Blasmusik und Stub'nmusi begegnet, aber auch Mundart-Bluesrock, südosteuropäisch angehauchter Folklore und kultur- und gesellschaftspolitischen Beiträgen mit Bayernbezug. Bei den Wortbeiträgen reicht das Spektrum vom Münchner Konzertsaalstreit bis hin zur Erinnerung an die letzte Bayern-Tournee der Comedian Harmonists, bevor sie von den Nazis 1935 verboten wurden. Und anlässlich des Weltglückstages erfuhr man etwas über die Aufgaben des Glücksbeauftragten der Regierung von Bhutan.

Heimat tritt mir hier nicht als etwas entgegen, das sich gegen den Rest der Welt abschottet, um den Raum kleiner und überschaubarer zu machen. Sie ist eher ein Punkt, von dem aus man die Welt betrachtet, auf sie zugeht, sie zu sich holt. Nicht Provinzlertum, sondern Weltoffenheit könnte das Motto lauten.

Eigentlich undenkbar

Wenn in der Faschingszeit fränkische Kabarettisten ihren altfränkisch verzopften Auftritt haben, wenn die dünnen, hohen Stimmen eines Dreig'sangs erklingen oder wenn mir auf die Dauer vor lauter Fastenzeit-Besinnlichkeit die ausgestreckten Beine einschlafen, dann schalte ich um. Aber ich komme wieder. Das bedeutet eben auch Heimat: weggehen und wiederkommen wollen.

Neulich saßen meine Frau und ich abends auf dem Sofa. Im Hintergrund BR Heimat. Wir wurden Zeuge einer Art, Radio zu machen, die heutzutage eigentlich undenkbar ist: eine ganze Stunde ausschließlich gefüllt mit Aufnahmen aus bayerischen Musikschulen - vom Blockflötenensemble aus Oberbayern mit keltisch anmutenden Stücken bis hin zur Big Band der Musikschule Dingolfing mit "New York, New York". Nimm das, Formatradio!

Vielleicht weiß die Redaktion selbst noch nicht so genau, wie eng oder weit sie das musikalische und thematische Feld fassen soll. Sicherlich beobachtet sie die Einschaltquoten und Hörerreaktionen sehr genau. Dem Start des neuen Senders am 2. Februar 2015 ging nach BR-Angaben eine zweijährige Planungsphase voraus. Der Termin scheint bewusst gewählt: Der 2. Februar ist Maria Lichtmess, der letzte Tag der Weihnachtszeit, im ländlichen Raum auch als Bauernneujahr bekannt. Ein Anfang ist gemacht. Ich hoffe, dass die Redaktion weiter experimentiert und sogar noch mutiger wird.

Und so findet sich seit einigen Wochen auf der letzten noch freien Schnellspeichertaste unseres Digitalradios nach Bayern 1 bis 5, Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und Deutschlandradio Wissen auf Taste neun: BR Heimat.


Thomas Zirnbauer arbeitet in einem Publikumsverlag in München. Zugleich ist er als Herausgeber und Autor tätig ("Deutsche Literatur in 60 Minuten", Thiele Verlag, 2012).

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1. Großartig...
amadeus300 25.03.2015
Leider fehlt dieses Angebot im analogen Radioprogramm! Dort ist die Volksmusik in Nischen abgedrängt worden und ich besitze kein Digitalradio.
2.
c.PAF 25.03.2015
So wie das klingt, scheint der Sender tatsächlich auf Volksmusik zu setzen, während der Mutantenstadel auf volkstümliche Musik setzt, was mit Volksmusik nur sehr wenig zu tun hat. Jedenfalls bin ich neugierig geworden, und werde aus der Rockeck doch zumindest mal reinhören. Echte Volksmusik hört man nämlich nur sehr selten...
3.
francoilgatto1! 25.03.2015
Vermutlich hätte Peter Roland seine Freude daran, wenn er noch leben würde. Wahre Volksmusik war und ist nicht deckungsgleich mit dem, was uns im Musikantenstadl als solche verkauft wurde und wird. Volks- und auch Militärmusik sind anders als das, was uns dort verkauft wird. Nie werden Sie im Musikantenstadl den Yorck'scher Marsch von Beethoven zu hören - zu ernsthaft und zu wenig bierselig...
4. Habe den Sender noch nicht gehört,
neighbourofthebeast 25.03.2015
weil ich im im Radio fast ausschließlich WDR 5 oder DLF höre. Meine Musik kommt meist aus der Konserve, dafür aber reichlich. Ich bin gar nicht überrascht, dass die Macher damit bei manchen Hörern offene Türen einrennen, eher von der Tatsache, dass ein ÖR-Sender sich das nun endlich traut. Das ich heute nur noch Sender höre, die zu gefühlt 95% Redebeiträge haben liegt halt auch an der ansonsten mittlerweile völlig verkarsteten Senderlandschaft. Klar, wer ins Internet ausweicht und sich dort seine Nischensender sucht, wird auch fündig. Aber das hilft mir nix bei langen Fahrten. Aber sehr schön, dass Volksmusik hier offenbar als Weltmusik aus Süddeutschland Begriffen wird und man auch den aktuellen Stand dieser Musik präsentiert bekommt. Auf dem Trikont Label erscheinen beispielsweise Jahr für Jahr aktuelle VÖ dieser Mundart, vielleicht haben die ja nun eine Chance gehört zu werden. Das, was "einem aus dem Fernseher entgegenspritzt" ist doch die eigentliche Fehlentwicklung und hat weder mit Tradition, noch mit Entwicklung von Volksmusik irgendwas zu tun, sondern bedient immer wieder das selbe Klischee.
5.
hansmaus 25.03.2015
komisch das der Artikel doch recht positiv ist. Volksmusik ist doch altbacken, deutsch und damit irgendwie rechts und gehört quasi per Haftstrafe verboten. Der ausgegebenen Leitlinie entspricht diese Art der "Unterhaltung" ja nicht. Freut mich das diese kulturelle Bereicherung geduldet wird.
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