"Bräuteschule 1958" Zurück in die Zukunft

Frauen zurück an den Herd. Alle reden davon – die ARD macht es wahr. Heute startet im Vorabendprogramm mit "Die Bräuteschule 1958" ein neues Living-History-Format. Allerdings ohne Living, ohne History und ohne Format.

Von Johanna Straub


Mutig, könnte man meinen. Ausgerechnet jetzt mit einer Doku-Soap an den Start zu gehen, die das Rollenbild der Fünfziger-Jahre-Frau ins Zentrum stellt, nachdem in den letzten Monaten der emanzipatorische Backlash konstatiert wurde. Dummer Patzer oder absichtliche Provokation? Oder – Zeichen und Wunder – sollte etwa tatsächlich thematisches Interesse und damit ein Ansatz von Auseinandersetzung mit der Funktion von Rollenbildern dahinter stehen?

Zehn junge Frauen zwischen 17 und 23 Jahren werden für sechs Wochen in einem Hauswirtschaftsinternat in einem Crashkurs zu heiratsmarktreifen Hausfrauen ausgebildet, so die Versuchsanordnung des TV-Experiments. Die Fragestellung ist laut offizieller Serienankündigung: "Welche Probleme schafft die enge Gemeinschaft der Schülerinnen und wie kommen sie mit den Anforderungen an die patente Hausfrau der fünfziger Jahre zurecht?"

"Die Konfrontation mit dem überkommenen Frauenbild wird zum echten Abenteuer" verspricht eingangs die Kommentatorinnenstimme, und die Erläuterung folgt auf dem Fuße. "Sie werden hier lernen, eine tüchtige Hausfrau zu sein, eine perfekte Gastgeberin, eine fürsorgliche Mutter und nicht zuletzt eine liebevolle Ehefrau", erklärt die Direktorin den sogenannten Mädels. Das klingt nicht wirklich nach vergangenen Zeiten.

"Ich gebe Ihnen jetzt genau drei Minuten, sich von ihren Angehörigen zu verabschieden", sagt "Frau Direktor" zur Begrüßung. Brillen werden gegen zeitgemäße Modelle getauscht, Handys, Piercings und Deostifte konfisziert, Haare enttönt, geschnitten und mit Dauerwellen versehen. Die Frauen sind offensichtlich nicht darauf vorbereitet, in dieser Weise entmündigt zu werden, und es gibt erste Proteste. Als zusätzlichen Konfliktfaktor bauten die Macher und -Innen eine prekäre Familienkonstellation ein. Eine der Schülerin ist in real life die Tochter der Direktorin. Und wirklich, schon Folge 3 ist betitelt mit "Der Zusammenbruch", und beide heulen.

Statt Brückenschlag der übliche Mief

Tatsächlich ist es nicht die Konfrontation mit einem überkommenen Frauenbild, das hier zum Abenteuer erkoren wird. Was im Versuchsverlauf passiert, ist absolut zeitlos. Der Auftakt der Serie zeigt das historische Kochen, Backen, Putzen, woraus die Serie ihre Daseinsberechtigung schöpft, nur am Rande und hauptsächlich mittels eingespielter Lehrfilme aus dem Archiv. Stattdessen vorabendkompatible Variationen des Milgram-Experiments: Grenzüberschreitungen, Entwertung des Individuums und Freiheitsentzug. Die damit einhergehenden Konflikte hätten genug Möglichkeiten geboten zum Brückenschlag von 1958 in die Gegenwart. Aber Brückenschläge und Hinterfragungen jeglicher Art passen anscheinend weder in den bekannten Mief der fünfziger Jahre noch in den heutigen.

Die "Bräuteschule" zeigt, was passiert, wenn man jungen Menschen die Freiheit nimmt, die sie gewöhnt sind, und sie stattdessen eine Art hauswirtschaftlichen Zirkeltrainings absolvieren lässt: "Wir haben nicht mal Zeit, auf die Toilette zu gehen. Jede Stunde heult eine." Über die tatsächliche Arbeit erfährt man, genau wie über die Hintergründe der einzelnen Personen, wenig. Schade eigentlich, könnte doch zumindest dies eine der Aufgaben einer solchen Serie sein - und nebenbei auch Schlüssel zur Quote. Und lag doch auch genau darin das Erfolgsrezept vom "Gutshaus" (1900 und "Sommerfrische" 1927) begründet, an das – mit Auslassung der braunen Jahre dazwischen – die "Bräuteschule" jetzt vergeblich anzuknüpfen versucht: Starke individuelle Charaktere in unterschiedlichen sozialen Rollen und ihre jeweiligen Aufgaben, diese Mischung kann Geschichte tatsächlich lebendig und aufschlussreich für unsere Gegenwart werden lassen.

Falsch verstandener Bildungsauftrag

Die "Bräuteschule" scheitert hier schon im Ansatz, weil sie sich auf ein simples Zwei-Fronten-Modell verlässt, was mit den fünfziger Jahren und deren engem Rollenkorsett auch nur peripher zu tun hat. "Sie werden über ihre Grenzen geführt", kündigt die Direktorin an, aber das könnte sich ebenso gut auf die Zukunft der Frauen beziehen, wenn sie zusätzlich zu den Aufgaben einer tüchtigen Hausfrau, perfekten Gastgeberin, fürsorglichen Mutter und liebevollen Ehefrau auch noch eine zufriedene Berufstätige sein möchten.

Eine Serie, die zeigt, dass die "Mädels" von heute weder putzen können noch rechnen, und die behauptet "auf die erste Theoriestunde haben sich die Mädchen seit Tagen gefreut. Endlich können sie auf Durchzug schalten, so, wie sie es aus ihrer Schulzeit kennen" ist nicht witzig. Vor allem vor dem Hintergrund nicht, dass zeitgleich ernsthaft gesellschaftlich debattiert wird, dass Frauen sich zugunsten von Kindererziehung und Hausfrauentätigkeiten komplett aus dem Berufsleben zurückziehen sollen und kritische Bestandsaufnahmen wie Thea Dorns "Die neue F-Klasse. Wie Zukunft von Frauen gemacht wird" in den Buchhandlungen in die Abteilung Lebenshilfe verbannt werden.

Eigentlich möchte man diese Serie ignorieren und dahin zurückschicken, wo sie hingehört: in die muffigen fünfziger Jahre. Aber noch eine andere Frage steht im Raum und zwingt zum Hinsehen. Die Frage ist beinahe so alt wie die, was zuerst war, das Huhn oder das Ei. Die Frage nämlich, ob jedes Volk das Fernsehen bekommt, das es verdient, oder ob jedes Fernsehen das Volk kriegt, das es verdient.

Keine Auseinandersetzung. Aber auch kein kleiner Patzer. Noch nicht einmal bewusst eingesetzte Provokation. Sondern nur ein gründlich falsch verstandener Bildungsauftrag.


"Die Bräuteschule 1958", ab 9. Januar, 16 Folgen, jeweils Dienstag bis Freitag, 18.50 Uhr, ARD.

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