Branche in der Krise Top-Werber von Matt attackiert Kollegen

Kritische Worte zum Jahrestreffen des Art Directors Club: Werberlegende Jean-Remy von Matt hat seine Branche scharf kritisiert - aktuelle Kampagnen seien so langweilig wie nie, schreibt er im SPIEGEL.


Hamburg - "Die Wirklichkeit der aktuellen Werbung ist so ernüchternd, dass sich die Kreativen mit der Scheinwirklichkeit von Festivals trösten müssen", schreibt der Werber in einem Beitrag für den SPIEGEL. Der Mitgründer der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt, Jean-Remy von Matt, watscht seine Branche anlässlich der Feierlichkeiten des Art Directors Clubs in Berlin heftig ab.

Werber Jean-Remy von Matt: "Selbstbetrug der Branche"
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Werber Jean-Remy von Matt: "Selbstbetrug der Branche"

Matt weiter: "Es ist der Selbstbetrug einer Branche, die sich für etwas feiert, das eigentlich gar nicht existiert und dabei so etwas wie Phantomfreude empfindet."

Neue Werbeformen wie virales Marketing, etwa Internet-Filme, die durch Mund-zu-Mund-Propaganda Fans finden, seien in der Praxis meist unwirksam: "Neun von zehn erreichen weniger als 5000 Seher. Hier entlarvt sich Kreativität als Krenaivität. Das Verführerische dabei: Die wenigen Erfolgsbeispiele sind in aller Munde, doch die exponentiell größere Anzahl von Misserfolgen nimmt niemand wahr, so dass ausschließlich der vermeintliche Erfolg dieser Werbeform sichtbar wird."

Der prominente Werber fordert seine Branche auf, ihre einzigartige Gabe nicht zu vergessen: "Aufs Herz zielen und die Brieftasche treffen; Geschichten erzählen, die träumen lassen; Bilder so spektakulär wie Marienerscheinungen schaffen." Man müsse bei einem ganzen Volk wenigstens für ein paar Sekunden erste Vorfreude auf den Aufschwung wecken.

In seinem Essay plädierte Matt für mehr Humor in der Werbung. "Humor ist populär. Auch wenn er flach daherkommt wie der von Mario Barth, kann er ein ganzes Stadion füllen. Humor ist demokratisch. Unabhängig von Bildung, Vermögen und Wohnort wird am liebsten gelacht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Gyl 26.04.2009
1. Aktuelle Kampagnen seien so langweilig wie nie...
Langweilig? - Peinlich trifft es eher...
DJ Doena 26.04.2009
2. Kreativität
Ich bekomme Werbung fast gar nicht mehr mit. Klar werden jetzt einige einwenden, dass das eher unterbewusst passiert, aber ich könnte nicht mal die Namen von Marken aufzählen, deren Werbung ich gesehen habe. Doch, eine. John Travolta wirbt im Spiegel für irgendso eine Uhr, ich hab aber den Namen vergessen und könnte sie mir wahrscheinlich eh nicht leisten. Richtiges TV gucke ich fast gar nicht mehr, damit fällt auch die TV-Werbung ganz weg (und nicht nur im Sinne von "Pinkelpause"). Wenn ich Spiegel oder c't lese, dann nehme ich wahr, dass da jetzt eine Werbeseite kommt und blätter weiter, ohne genau hinzugucken. Zur Arbeit fahre ich 90% der Strecke über Landstraße und Autobahn, da gibt es keine Bandenwerbung und in der Stadt muss ich auf die (Baustellen)Ampeln achten. Von daher kann ich mich über die Kreativität der Werbung nicht wirklich auslassen.
Pablo alto, 26.04.2009
3. Das Leben ist hart und oft sinnlos
Wenn man als sogenannter "Kreativer" sein ganzes Berufsleben damit verbringt zu produzieren, was die meisten anderen Menschen als lästig, nervig, überflüssig empfinden und, wann immer sie können, ausblenden, wegzappen, weiterblättern, wegschauen und abreißen - ja, dann kann man in der Krise mal darüber nachdenken, ob man mit seiner Kreativität und aus seinem Leben nicht besser was Sinnvolleres gemacht hätte. Etwas, das die Leute lieben und gerne und freiwillig rezipieren: geile Videos drehen, tolle Musik schreiben, netten Roman oder Gedichte verfassen - oder auch nur anderen die Wohnung schön dekorieren. Gibt's eigentlich Menschen (Werber ausgenommen), die Werbung mögen?
borisHB 26.04.2009
4. Ich mag (manchmal) Werbung
Zitat von Pablo altoWenn man als sogenannter "Kreativer" sein ganzes Berufsleben damit verbringt zu produzieren, was die meisten anderen Menschen als lästig, nervig, überflüssig empfinden und, wann immer sie können, ausblenden, wegzappen, weiterblättern, wegschauen und abreißen - ja, dann kann man in der Krise mal darüber nachdenken, ob man mit seiner Kreativität und aus seinem Leben nicht besser was Sinnvolleres gemacht hätte. Etwas, das die Leute lieben und gerne und freiwillig rezipieren: geile Videos drehen, tolle Musik schreiben, netten Roman oder Gedichte verfassen - oder auch nur anderen die Wohnung schön dekorieren. Gibt's eigentlich Menschen (Werber ausgenommen), die Werbung mögen?
Zumindest wirkt Werbung ja zweifellos. Sonst würde wohl niemand Werbung betreiben. Wenn ich sehe, wie sich hausfrauen auf Supermark-Beilagen stürzen oder Männer auf Technik-Prospekte (um mal ein paar Klischees zu bedienen), dann sehe ich auch, wie gut Werbung funktioniert. Ich mag Werbung, wenn sie mich zu einem Produkt führt, das ich wirklich mag oder brauche, bisher aber nicht kannte. Nützlich finde ich z.B. auch Internetwebung: Wenn ich nach bestimmten Produkten suche, schaue ich bei Google ganz bewusst auch auf die Textanzeigen - die sind oft hilfreicher als das Suchergebnis selbst.
Meister Böck, 26.04.2009
5. Langweilig? Es wird immer dümmlicher!
Das Schlimme ist, daß von dieser geistigen Diarrhoe leider noch genug hängenbleibt. Allein die permanente Verwendung von Anglisizmen erregt bei mir immer Übelkeit. Mir kommt es so vor, als wenn die Werbeheinis ähnlich wie unsere Politker gar keinen Bezug mehr zur Basis haben. Die sind vor 25 Jahren stehen geblieben und denken immer noch mit sinnlosen englischen Geblubber sich einen modernen Anstrich zu geben. Ich sage nur Bodybag = Rucksack! Nur ein Beispiel für die völlige Verblödung einer ganzen Branche. Komisch das die Amis die deutsche Bezeichnung verwenden!
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