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Kunstprojekt im brasilianischen Dschungel: Das Wunderland

Aus Inhotim, Brasilien, berichtet Frank Steinhofer

Im Urwald Brasiliens hat ein einstiger Stahlmagnat einen gewaltigen Park angelegt, der dem Besucher die Sinne raubt. Die Anlage versammelt Naturschätze und Gegenwartskunst von Weltrang.

Im Kunstpark Inhotim: Gärten sind Kunstwerke
Leonardo Finotti/ Inhotim

Im Kunstpark Inhotim: Gärten sind Kunstwerke

"Die normale Route oder die aufregende?" - Der Fahrer weiß, wie man einen Estrangeiro, einen Fremden, ködert. Der Weg von der Großstadt Belo Horizonte ins brasilianische Kunstparadies schlängelt sich durch Berge und winzige Dörfer. Nach knapp eineinhalb Stunden auf rostrot verstaubten Straßen des brasilianischen Bundesstaats Minas Gerais erreicht man Inhotim.

In diesem gigantischen Park wirkt die Natur wie uraufgeführt: tropisches Dickicht, türkisfarbene Teiche, botanische Gärten. Aus der Vogelperspektive sehen die Beete, Lagunen und Wege aus wie ein abstraktes Gemälde. Der brasilianische Landschaftsarchitekt Roberto Burle Marx diente als Vorbild. Dessen Gestaltungsprinzip Malen mit Pflanzen kommt in Inhotim zur Vollendung, wie bei Burle Marx sind diese Gärten auch Kunstwerke.

23 Pavillons internationaler Künstler, über 20 Skulpturen und Installationen zeichnen sich in die sattgrüne Landschaft. Es braucht zwei Tage, um das Gelände und die Sammlung der ersten Liga internationaler Gegenwartskunst zu erkunden. Wie auf einem Golfplatz kutschieren Caddies die Besucher durch den 140 Hektar großen Park.

"Magic Square": Begehbares Objekt des brasilianischen Künstler Helio Oiticica. Insgesamt finden sich auf dem 100 Hektar großen Gelände Werke von 97 Künstlern aus 30 Ländern.

Geräuschpavillon von Doug Aitken im brasilianischen Kunstpark Inhotim: Im "Sonic Pavilion" strahlen die Farben der Umgebung durch Milchglasscheiben herein. Über Mikrofone wird das Grummeln der Erde aus tiefen Schächten übertragen.

Bunte Käfer krabbeln im Garten: Eine Installation von Jarbas Lopes

Schwebender Orchideengarten: In Inhotim gehen Kunst und Natur eine bestechende Symbiose ein.

Kunst ahmt Natur nach, wie in dieser stählernen Open-Air-Skulptur "Narcissus garden" von Yayoi Kusama.

Großzügige Gartenanlage in Inhotim: Ist das schon Kunst oder noch der Weg dorthin?

Kaleidoskop von Olafur Eliasson: Der dänische Künstler ist für seine Reflektionen über Naturphänomene bekannt.

Installation "De Lama Laminha" von Matthew Barney: Eine monströse Maschine reißt einen Tropenbaum aus - mitten im Tropenwald.

Es gibt auch interaktive Werke: Der von dem Argentinier Jorge Macchi gestaltete Pool darf auch benutzt werden.

Ein magischer Ort: Natur, Mensch, Architektur und Kunst wachsen ineinander.

In jedem neuen Pavillon (hier Adriana Varejao) taucht der Besucher in eine neue Welt ein.

Konzeptkunst von Cildo Meireles: Dschungel so grün, Raum so rot.

Open-Air-Skulptur "Beam Drop": US-Künstler Chris Burden ließ mit einem Kran 71 Eisenträger aus 45 Meter Höhe in eine Zementgrube fallen. Zufall und Schwerkraft schufen eine abstrakte Figur.

Architektonisch herausragende Ausstellungsräume: Hier die Galeria Miguel Branco

Kunstparadies oder Landschaftsgarten? Inhotim ist die Schöpfung des Milliardärs Bernardo Paz, 66, eines Stahlmagnaten. Nach 25 Jahren Arbeit suchte er die Entschleunigung und kaufte eine kleine Farm. "Ich wollte mich mit den antagonistischen Kräften aus zügellosem Kapitalismus und wildem Sozialismus neu auseinandersetzen", erklärt Paz. Er fängt an, Kunst zu sammeln, verkauft seine Unternehmensanteile und spinnt die Idee von Inhotim aus.

2006 öffnete der Park für das breite Publikum. 2015 hat er die Besuchermarke von zwei Millionen geknackt. Doch Bernardo Paz hat noch Größeres vor. Er möchte einen Gegenpol schaffen, zu dem "bankrotten Lebensmodell, das sich in heutigen Mega-Citys abspielt, wo Leute zwölf Stunden in Hochhäusern arbeiten und immer noch Stunden brauchen, um mit ihren Autos heimzukommen."

Kunst ist also nicht die Hauptattraktion in Inhotim. Der gestresste Großstadtmensch soll durch die Schönheit der Natur kuriert werden. Ganz im Sinne des Philosophen Friedrich Nietzsche: "Wir gehen in die Natur, weil die Natur keine Meinung von uns hat." Sich frei machen, von all den Absichten und Zwängen des beschleunigten Metropolenlebens, so die Idee.

"Inhotim ist kein Museum, es ist eine Lebensphilosophie", resümiert Paz. "Ein Platz, wie wir uns die Zukunft vorstellen." Kritische Stimmen bemängeln, er sei als ehemaliger Unternehmer, dessen Reichtum auf Erz und Stahl gründet, nicht der glaubwürdige Botschafter für grüne Weltverbesserungsfantasien.

Das Brummeln der Erde

Dabei ist Inhotim innerhalb von zehn Jahren zu einem regionalen Wirtschaftsfaktor aufgestiegen. Mehr als 700 Menschen aus der Umgebung arbeiten im Park. Etwa 30.500 Schulkinder im Jahr nutzen den Ort zur Weiterbildung. Kulturinteressierte können kostenlos Lesungen, Konzerte oder Theaterstücke besuchen.

Die Künstler-Pavillons bestürmen mit ungewohnten Eindrücken. Die Galeria Praça etwa beherbergt eine Sound-Installation der Kanadierin Janet Cardiff. 40 Lautsprecher kreisen den Besucher ein. Eine Sopran-Stimme ertönt plötzlich - und man ist ergriffen von der Erhabenheit eines einsetzenden Choralgesangs, der so nah am eigenen Ohr erklingt, als befände man sich den Reihen der Sänger.

Die "Viewing Machine", ein überdimensioniertes Ausguckrohr des dänischen Künstlers Ólafur Elíasson, remixt den Urwald der umliegenden Umgebung. Auf einem Hügel hat der New Yorker Künstler Doug Aitken seinen "Sonic Pavillon" errichtet. Das kreisrunde Gebäude gibt einen Panorama-Blick auf die tropische Vegetation frei. Dazu übertragen Hochleistungsmikrofone Geräusche aus einem 200 Meter tiefen Schacht. Töne aus dem Erdinneren klingen wie ein mystisches Grundrauschen, ein Brummeln der Erde.

Die Galeria Miguel Rio Branco sieht aus wie ein gestrandetes Schiff, das Patina angesetzt hat. Im Innern zeigen Bilder des brasilianischen Fotografen das donnernde Leben von Salvador da Bahia - voller Fleisch, Wunden und Prostitution.

Werke zum Anfassen

Der Pavillon von Claudia Andujar strahlt hingegen Harmonie aus. Ein verschlungener Pfad führt durch einen Blätterwald zu einem eingeschossigen Ziegelbau, der teilweise auf Bodenstelzen schwebt und vom Lichtspiel der umliegenden Bäume erfasst wird. Die brasilianische Fotografin hat das Leben der Yanomami porträtiert, einer indigenen Gruppen im Amazonasgebiet von Brasilien und Venezuela. Der Bau übersetzt ihre ethnische Vision des friedfertigen Zusammenlebens.

In Inhotim kommt man der Kunst sehr nah, etwa durch die Open-Air-Skulptur von Jorge Macci: ein Swimmingpool, dessen Stufen in alphabetischer Reihenfolge ins Wasser leiten. Der Künstler möchte, dass man in einem Archiv von Erinnerungen badet. Kinder planschen vergnügt im Pool, eine Familie rastet für ein Picknick im Grünen.

Einige Meter weiter werden Besucher zur Gartenarbeit aufgefordert. Im Pavillon von Marilá Dardot werden Wörter mit Hilfe von Keramikvasen eingesät, um schließlich als Ideen aufzugehen, so will es jedenfalls die Künstlerin.

Das sinnliche Erleben steht in Inhotim über der distanzierten Schau: Der Verstand wird im ersten Schritt ausgehebelt, überwältigt. Einige Kritiker bemängeln dies, doch für Bernardo Paz ist es die Vision eines neuen Lebensmodells. Inhotim soll ein Ort der Inspiration und Wiederverzauberung sein, der Menschen einbindet statt auszugrenzen.

Bereits 1941 notierte Schriftsteller Stefan Zweig über die Besonderheiten von Minas Gerais: "Aber dennoch liegt in der einsamen, wild-schönen Landschaft etwas, was die Fantasie merkwürdig irritiert." Ein Tag neigt sich zu Ende in Inhotim. Und vielleicht wäre Stefan Zweig auch das geworden, was ein Besuch hier bezwecken soll: ein anderer Mensch.

Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 202,769 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff (suspendiert Mai 2016); Michel Temer (amtierend)

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Kunst? vs. Regenwald
AusVersehen 21.02.2016
Regenwald großflächig zu roden und dort einen gewaltigen Betonklotz oder anderen Schrott, wie 3 alte bunte VW-Käfer hinzustellen, den ich mir auf YouTube bestaunen durfte, ist keine Kunst. Sie hätten dort lieber den Regenwald belassen sollen. Ein Segelboot, das auf dem Kopf steht ist keine Kunst, sondern Schrott!
2.
outsider-realist 21.02.2016
Zitat von AusVersehenRegenwald großflächig zu roden und dort einen gewaltigen Betonklotz oder anderen Schrott, wie 3 alte bunte VW-Käfer hinzustellen, den ich mir auf YouTube bestaunen durfte, ist keine Kunst. Sie hätten dort lieber den Regenwald belassen sollen. Ein Segelboot, das auf dem Kopf steht ist keine Kunst, sondern Schrott!
Das sehe ich genauso. Mir raubt so etwas auch den Atem, allerdings aus anderen Gründen.
3. Großartig
sschuste 21.02.2016
Auch wenn's dem deutschen Bedenkenträger erst einmal wieder den Atem raubt, ist das ein toller Ort, den ich gern besuchen würde.
4. Warum werden Menschen, die etwas installieren,...
ForistGump2 21.02.2016
Künstler genannt, und nicht Intallateure? Man sagt ja auch nicht Doktor zu jemanden, der ein Heftpflaster aufklebt.
5.
jorge1982 21.02.2016
Ich war schon zwei mal dort und es ist wirklich eine sehr schöne Anlage - allerdings reicht ein Tag dort kaum aus um alles zu sehen oder sich alle Kunstwerke anzusehen geschweige denn sich wirklich tiefer mit Ihnen zu befassen. Und in Minas Gerais gibt es sonst vor allem Bergbau, Landwirtschaft und Schwerindustrie. (nicht nur aber das sind die wichtigsten Branchen.) Die Kritik der Vorredner ist einfach nur unqualifiziertes gemeckert - klar nicht jeder finde jedes Kunstwerk toll - Grade auch dort gibt es einige die ich eher verstörend fand aber halt auch eine ganze Menge wirklich faszinierender Installationen - in dem Artikel sind schätze ich etwa ein Drittel bis die Hälfte der Installation fotografiert und beschrieben. Mich lässt Kunst normalerweise eher kalt... Aber dort in Brasilien haben sie es durch diese einmalige Verschmelzung von Kunst und Natur wirklich einen Ort geschaffen der die Kunst viel besser zugänglich macht als jede Ausstellung.
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