Braunschweiger "Lichtparcours" Kunst für die nächste Hitzewelle

Ein verspiegelter Eisberg, schwebende Architekturmodelle und ein betretbares Wasserspiel bringen die Besucher des Braunschweiger "Lichtparcours" dazu, ihre Spaziergänge in die Nacht zu verlegen.


Zehn Jahre ist es her, dass die 240.000-Einwohner-Stadt Braunschweig bei einer Ausstellung 500.000 Besucher zählte. Ein Rekord.

Damals, während der Expo im benachbarten Hannover, hatte man den in Braunschweig übernachtenden Gästen abends etwas bieten wollen. Man überlegte, verwarf technische Multivisions-Wunder, Laserschauen und die Ausleuchtung historischer Bauten - und entschied sich für den "Lichtparcours", eine Lichtkunst-Ausstellung zeitgenössischer Künstler an 19 Brücken. Dem Riesenerfolg ist es zu verdanken, dass die Stadt Heinrichs des Löwen nun bereits den dritten "Lichtparcours" organisiert hat, zu besuchen noch bis zum 30. September.

Dieses Mal stehen die Lichtobjekte nicht auf, an oder unter den Brücken, sondern an den Ufern des Wasserlaufs, der Braunschweigs Innenstadt zu einer Insel macht. Umgeben ist die Innenstadt von einem grünen Gürtel, der um 1800 entstand, als die mittelalterliche Befestigungsanlage geschleift wurde; an den verbliebenen Umflutgräben und am Flüsschen Oker wurden Parks und Spazierwege angelegt sowie Villen, deren Gärten sich bis zum Wasser ziehen.

Zwei alte und sieben neue Arbeiten

Es ist ein idealer Ort für die Ausstellung, denn Besucher finden leicht alle Lichtobjekte und können den 7,5 Kilometer langen Parcours zu Fuß, mit dem Rad oder per Boot erreichen. Zu sehen sind dieses Jahr zwei alte Arbeiten, die für den ersten "Lichtparcours" im Jahr 2000 angefertigt und anschließend angekauft worden sind, aber auch neue Arbeiten, sieben an der Zahl. Die Ausschreibung wünschte einen "topografischen, urbanen oder gesellschaftlich-historischen Bezug zur Stadt", möglichst sollten die Objekte "eine Wirkung zu Tages- wie Abendzeiten" haben.

Die Wirkung, keine Frage, hat der Kugelhaufen der Installation "Spawn" von Christiane Stegat: Aus dem Fenster einer Schule an einem Oker-Seitenarm quellen tausend weiße Leuchtkugeln und fallen ins Grüne und ins Wasser. Einen riesigen Lurch könnte man assoziieren oder einen großen Laich-Haufen, obwohl die Künstlerin sich keine Mühe gibt, die billige Künstlichkeit der Plastikkugeln zu verbergen.

Um die Realität der Stadt geht es Rainer Gottemeier, dessen Installation "Braunschweiger Gipfel" zunächst zu hören ist: Frösche quaken, Martinshörner heulen, Kirchenglocken läuten - so wie wahrscheinlich in jeder Stadt. Im Bürgerpark-Teich lässt er außerdem ein kartographisch aussehendes Lichtstäbe-Netzwerk schwimmen, und die Leuchtschrift auf dem nahen Portikus zitiert den Braunschweiger Dichter Wilhelm Raabe: "Sieh nach den Sternen, gib acht auf die Gassen."

Mietskasernen in der Luft

Wer die Lichtskulpturen von Jan Köchermann sucht, muss nach oben schauen, denn seine "Unorte", wie das kleine Begleitheft sie nennt, hängen in der Luft über der Oker. Wie Hausmodelle sehen sie aus, weil sie mit bedruckten PVC-Folien bezogen sind, die Hausfassaden zeigen - keine Fassaden der Okerufer-Villen jedoch, sondern Fassaden hässlicher Mietskasernen und Sozialbauten, die an anderen Stellen in Braunschweig stehen.

Thomas Bartels hat drei Beton-Mischer auf verborgene Schwimmkörper in die Oker verpflanzt. Erst abends drehen sich die mit einen Drahtgeflecht aus Spiegeln und Glasscherben wie ein Kaleidoskop gefüllten Trommeln unter starkem Scheinwerferlicht - und werfen "1000 Blumen" in die Bäume an der Oker und ins spiegelnde Wasser.

So schön und romantisch ist auch Arend Zwickers "8,33 Prozent"-Projekt: In einem Teich türmen sich auf einem Grundriss von etwa neun mal zehn Metern unregelmäßige, spiegelnde Schrägen und Spitzen zu einem künstlichen Eisberg, der sich langsam im Wind dreht und die Sonne ebenso wie das abendliche Flutlicht reflektiert. Wo da der Bezug zur Stadt Braunschweig liegt? Keine Ahnung, ebenso wenig wie bei Susanne Rottenbachers "farbring 450d".

Auf der Beliebheitsskala ganz oben steht Jeppe Heins Arbeit "Appearing Rooms". Mit Braunschweig hat die zwar auch nichts zu tun, aber sie ist ein Riesenspektakel: ein programmierter Wasserpavillon, in den man hinein hüpfen kann, sobald die Wasserwände fallen - und in dem man dann eine Zeit lang ausharren muss, eingeschlossen von Fontänen.

Kein Wunder, dass viele Braunschweiger Familien auf eine neue Hitzewelle hoffen.


3. Lichtparcours Braunschweig 2010. Bis 30.9. Infos: www.braunschweig.de/lichtparcours2010

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