Breivik-Debatte: Entwarnung: Papst doch kein Terrorist!

Die Breivik-Keule ist sicher, sie ist wirksam, sie kann von jedem Deppen geschwungen werden. Wer immer von dem Massenmörder in seinem Manifest zitiert wird, meint Matthias Matussek, steht in dem Verdacht, zu dem Verbrechen angestiftet zu haben. Nur einer hat Glück: der Papst.

Papst Benedikt XVI.: Ist die Bibel eine so gefährliche Waffe, wie Kirchenkritiker meinen? Zur Großansicht
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Papst Benedikt XVI.: Ist die Bibel eine so gefährliche Waffe, wie Kirchenkritiker meinen?

Eine Krankheit hat die Feuilletons befallen. Die Denunziationssucht. Die Rasterfahndung. Die linke Sympathisantenjagd auf Islamkritiker oder Konservative oder Christliche oder alle, die man sowieso nie leiden konnte und die jetzt mal, im Schatten eines Massenmordes, ordentlich abgeschrubbt werden dürfen.

Das prominenteste Beispiel ist derzeit mein ehemaliger Kollege Henryk Broder. In der "Frankfurter Rundschau" schreibt Christian Bommarius unter der Überschrift "Breivik und Broder" folgendes mit delikater Hinterhältigkeit: "Es wäre demagogisch, Broder und andere Islamophobe zu geistigen Brandstiftern zu erklären..." Um im nächsten Satz genau das zu tun: "Aber richtig ist eben auch, dass Schriften, wie sie Broder verbreitet, das Entrebillet für den aggressiven Antiislamismus bilden."

Zwar nicht, aber doch irgendwie, Eintrittskarte, Auftakt zur Aggression: Voilà, das ist sie, die hohe Schule der Demagogie!

Und was nun sind "die Schriften, die Broder verbreitet"? Es ist nicht "Mein Kampf", den er verteilt: Broder gab einer holländischen Zeitung ein Interview, das Breivik zitiert. Broder sinniert in dem Interview darüber, Deutschland zu verlassen.

Der Fall ist klar: Unverblümter kann man keinen Irren zum Mord anstiften, als es hier der Jude Broder mit dem "Christen" Breivik tat. Allerdings haben in Breiviks Schädel auch andere Zitate verheerende Wirkung hinterlassen, darunter solche von Angela Merkel, Jesus, Nietzsche, Marx. Ein wahrlich mörderisches Stimmenkonzert.

Aber jetzt mal alle einen Schritt zurück. Der religionspolitische Grundirrtum der ganzen Debatte ist der, Breiviks Anschlag als christlichen Terrorismus misszuverstehen. Als Übertreibung in die andere, die antiislamische Richtung. ZDF-Chefredakteur Peter Frey kommentierte zum Beispiel so in einem Kommentar, und er sattelte gleich mächtig auf und vergaß auch nicht, Georg Bushs "Kreuzzug" im Krieg gegen den Terror zu erwähnen.

Das war übrigens umso erstaunlicher, als gerade die ZDF-Terrorspezialisten nach der Detonation in Oslo zunächst für eine Weile selbstverständlich - man möchte sagen: wie gewohnt in solchen Fällen - einen islamistischen Anschlag, eine Verwicklung der Qaida "ganz sicher nicht ausschließen" mochten.

Doch nun, mit den Morden und dem Manifest macht alles plötzlich ganz anders Sinn: Kreuzzug, Christen, Terror. Selbst Jens Jessen in der "Zeit" tappt in diese neue Kurzschlussfalle. Für ihn ist Breiviks Massenmord das Spiegelbild des Anschlags auf das World Trade Center.

Warum? Zunächst ganz simpel, weil es fast auf den zehnten Jahrestag fällt. Unwiderstehlich kalendergenau wäre Breiviks Mord die verzögerte Antwort auf den islamistischen Mord. Das ist die Zahlenmagie im Feuilleton-Gewerbe.

Christlicher Terrorismus - wo soll der sein?

Islam und Christentum wären da zweimal wahnhaft und grotesk missverstanden. Klingt verführerisch in einer säkularen Gesellschaft, ist aber trotzdem Quatsch. Noch einmal zum Mitschreiben: Breiviks Massenmord hatte nichts mit dem Christentum zu tun. Dessen Kernbotschaft ist die Liebe, auch die Feindesliebe. Breivik verachtete diese Liebe als Schwäche. Er setzt sich ausdrücklich von ihr ab.

Dagegen: Die Anschläge von Mohammed Atta und Osama Bin Laden und die Tausenden Selbstmordattentate von Agitierten und "radikalen Verlierern" (Enzensberger) und Depravierten in ihrem Hass auf den dekadenten und ungläubigen Westen konnten sich durchaus auf Koranstellen zum Dschihad stützen. Sich berufen sich ausdrücklich auf ihn, lassen sich von ihm inspirieren und rechtfertigen.

Christlicher Terrorismus? Wo soll der derzeit sein? Mir ist nicht bekannt, dass in der Präsentation des letzten Verfassungsschutzberichts durch den Innenminister die Gefahr durch christliche Terrorgruppen hervorgehoben worden wäre - wohl aber die durch islamische.

Christliches Morden? Mir ist nicht bekannt, dass Christen Jagd auf islamische Ordensleute oder Muftis machen würden oder islamische Politiker ermorden würden - das geht doch eher in die umgekehrte Richtung, in Pakistan, im Sudan, in Nigeria, in Ländern oder Landstrichen also, wo die islamische Mehrheit keine andere Religion neben sich duldet, und mit Multikulti nun überhaupt nichts am Hut hat.

Nein, Breivik war kein christlicher Tempelritter. Er hat sich nur mit deren Schürze dekoriert. Er war auch kein Christ. Er hat sich dessen Vokabular übergestülpt wie in einem monströsen Horrorfilm. Er hat die Kindlein zu sich gewinkt, nicht um ihnen das Himmelreich zu versprechen, sondern um sie zu töten wie Schlachtopfer in einem dunklen hysterischen Privatkult.

Doch nun liefert er reichlich Munition. Wer könnte da widerstehen im publizistischen Reizklima, wo es immer darum geht, das eigene ideologische Portfolio aufzupolstern und das des Gegners zu schwächen. Für SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Georg Diez ist Breivik auf geheimnisvolle Art mit der Tea Party im Bunde und die wiederum möchten die USA zugrunderichten und die Weltwirtschaft torpedieren - was nicht nur wahnhaft klingt, sondern auch wahnhaft ist.

Absetzbewegung vom Traditionalistenverein

Zusammengefasst schwadroniert Diez: Letztes Jahrhundert war links, und nun ist rechts angesagt, die Ideologie des neuen Jahrhunderts "agiert zerstörerisch und narzisstisch, das ist typisch 21. Jahrhundert". Aha. So klingt Universalgeschichte als Modebesprechung. Pop und Weltgeist als Partymix.

Wer bedient sich noch der Breivik-Keule? Jeder darf ran. Auch der katholische Reformflügel nutzt die Gunst der Stunde, um sich ein für allemal vom Traditionalistenverein abzusetzen.

In einem Interview, nun wieder in der "Zeit", erklärt die katholische Theologin Saskia Wendel, dass Breivik "klassische Topoi des katholischen Traditionalismus" besetzt. Er habe "zutiefst antimoderne Einstellungen etwa zur Abtreibung, zur Empfängnisverhütung, zur Geschlechtergerechtigkeit". Er ist "gegen die Frauenordination und gegen die Anerkennung von Homosexuellen durch die Kirche". Wusste Breivik eigentlich, was er da angerichtet hat, gerade im innerkirchlichen Dialog?

Katholiken, die gegen Abtreibung und gegen Frauenordinierung sind - zwei Positionen der Weltkirche - müssen sich ganz warm anziehen. Sie stehen fortan unter Beobachtung. Sie werden zu geistigen Brandstiftern, ja, sind eigentlich schon überführte Terroristen. Willkommen im Club!

Unnötig zu sagen, dass Saskia Wendel zu den Unterzeichnern des progressiven Theologenmemorandums zur Liberalisierung der Kirchen gehört. Also: Romtreue Katholiken, durchatmen. Ihr steht ab sofort unter Beobachtung. Ihr werdet in einem Atemzug mit einem Massenmörder genannt.

Wendels Argumentation kann als handfeste Warnung und Einschüchterung gelesen werden. "Bei bestimmten traditionalistischen Gruppierungen in der katholischen Kirche gibt es womöglich auch antidemokratische Einstellungen", so Wendel. "Sollte hier ein Gewaltmonopol entstehen, muss der Staat seine Schutzfunktion erfüllen." Und noch deutlicher: "Das sind dann keine rein innerkirchlichen Angelegenheiten mehr."

Re-Match durch das gesetzte linke Bürgertum

Dass eine linke Theologin in einer weltanschaulichen Debatte so unverhohlen nach der Polizei ruft, ist dann doch ein Novum. Der Papst übrigens hat Glück. Breivik hält ihn für nicht kämpferisch genug. Er ist kein Kreuzzügler-Material. Auch Saskia Wendel spricht ihn vom "Fundamentalismus" frei, einstweilen, aber er ist dann doch auch "sehr konservativ", was ihn näher in die Risikozone rückt.

Nun gut, einstweilen spricht für ihn, dass er das reformfreudige "Zweite Vatikanische Konzil maßgeblich beeinflusst hat". Aber das ist lange her.

So geht das derzeit. Jeder wird überprüft. In der Instrumentalisierung eines entsetzlichen Massenmordes gibt es offenbar keine Hemmschwellen mehr. Wir erleben derzeit ein grauenhaftes Déjà-vu, eben eine Neuauflage jener dümmlichen Politisierung in Linke und Rechte, die die älteren unter uns aus den ideologisch überhitzten siebziger Jahren kennen.

Damals ging der Staat auf Sympathisantenjagd und durchsuchte Flugblätter und Wohnungen, überwachte Telefongespräche und Gesinnungen. Und die andere Seite machte Jagd auf Verräter in den eigenen Reihen.

Diesmal gibt es ein Re-Match durch das gesetzte linke Bürgertum, eben nicht durch den Staat, sondern durch eifrige Schnüffler und rasende Mitläufer der sozialdemokratischen Selbstgerechtigkeit, die ausgrenzender (Sarrazin!) und um einiges gehässiger auftreten als ihre norwegischen Kollegen.

Bei uns rastern sie und nutzen die Chance, auszuteilen und Rechnungen zu begleichen, ob eifrige Milchbärte oder gestandene Ausgebuffte, sie verleumden, sie klittern, sie fahnden ohne höheren Auftrag, jeder mit der Lupe unterwegs auf der Suche nach "Stellen".

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insgesamt 180 Beiträge
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1. Papst? Matusseck?
Schroekel 07.08.2011
Zitat von sysopDie Breivik-Keule ist sicher, sie ist wirksam, sie kann von jedem Deppen geschwungen werden. Wer immer von dem Massenmörder in seinem Manifest zitiert wird, meint Matthias Matussek,*steht in dem Verdacht,*zu dem Verbrechen*angestiftet zu haben. Nur einer hat Glück: der Papst. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,778795,00.html
Wen interessiert schon Herr Ratzinger? Dass Herr Breivik allerdings nichts von Herrn Mattusek wusste, ist verständlich. Aber schade.
2. Zweierlei Mass
Herzkasper 07.08.2011
Zitat von sysopDie Breivik-Keule ist sicher, sie ist wirksam, sie kann von jedem Deppen geschwungen werden. Wer immer von dem Massenmörder in seinem Manifest zitiert wird, meint Matthias Matussek,*steht in dem Verdacht,*zu dem Verbrechen*angestiftet zu haben. Nur einer hat Glück: der Papst. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,778795,00.html
Genauso wenig wie man die Apo für die RAF-Anschläge als geistige Brandstifter verantwortlich machen darf, kann man auch jetzt nicht alle Islamkritiker in Sippenhaft nehmen. Leider versuchen einige der Ex-Apo Fraktion diesen Massenmord in Oslo für ihre eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren um Menschen wie Broder, Sarrazin und Wilders mundtot zu machen um jedem auch sonst so vernünftigen Argument die Legitimation zu entziehen. Während viele der ehmaligen APO mit der RAF offen oder auch klammheimlich sympathisierten, habe ich noch niemanden in der islamkritischen Szene getroffen/gelesen, der auch nur ansatzweise mit diesem Breivik sympathisiert hat. Jeder verabscheut diese Tat auf das tiefste.
3. Ein Irrer, ein Idiot, ein Massenmörder
elbröwer 07.08.2011
Und alle die ihn Instrumentalisieren stehen ihm nah, sehr nah. Diese ideologisch oder religiös motivierten Brandstifter die ihn jetzt für die Argumentation gegen ihre ideologisch religiösen Gegner einsetzen unterscheiden sich nicht von diesem Massenmörder. Sondern bereiten mit ihrer Indoktrination das nächste Massaker vor.
4. Kein christlich motivierter Terrorismus???
bismarck_utopia 07.08.2011
Ich glaub's nicht, im aufgeklärten "Spiegel Online" darf ein katholischer Fundamentalist ohne Gegengewicht seine Sicht der Dinge darstellen. Lieber Herr M., es gibt keinen christlich motivierten Terrorismus? Schon vergessen was Bush Junior, der den Irak überfiel, jeden Morgen zu lesen pflegte (Tipp: Es war nicht der Koran)? Was sich in Abu Ghreib an sadistischen Missionspraktiken abspielte? Was in... Ach, die Mühe macht bei Ihnen wahrscheinlich sowieso keinen Sinn.
5. Warum nicht gleich "der Vatikan" oder "die Römisch Katholische..."
thepunisher75 07.08.2011
Zitat von sysopDie Breivik-Keule ist sicher, sie ist wirksam, sie kann von jedem Deppen geschwungen werden. Wer immer von dem Massenmörder in seinem Manifest zitiert wird, meint Matthias Matussek,*steht in dem Verdacht,*zu dem Verbrechen*angestiftet zu haben. Nur einer hat Glück: der Papst. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,778795,00.html
.."Kirche" ??? Wir wissen doch das schon immer die Christen nie einer Fliege was zuleide getan haben, das es Pädophile Priester gar nicht gibt und das die Kreuzzüge gegen die anderen Religionen, wie dem Islam, nur Hirngespinste von Atheisten/Agonisten sind. Und der Papst, der könnte selbst Kinder vergewaltigen und alle Christen in Deutschland würden noch hinter ihm stehen....*Sarkasmus*
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