Zoff um Breivik als Bühnenheld: Das Schweigen der Belämmerten

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Skandal in Weimar? Das Deutsche Nationaltheater hat die Lesung eines Textes des norwegischen Attentäters Anders Breivik kurzfristig aus dem Haus verbannt. In Kopenhagen ist dagegen ein Stück namens "Manifest 2083" zu sehen, in dem ein Hüne in die Haut des Mörders schlüpft. Ein Horror-Abend.

Breivik als Bühnenheld: Skandal in Weimar? Fotos
dapd

In Weimar bekam der Chef des Nationaltheaters kurzfristig kalte Füße. Thomas Schmidt, der Interimsleiter der Bühne, verkündete am Donnerstag, er wolle den Argumenten des norwegischen Mörders Anders Breivik "kein Podium bieten". Trotzdem wurde die Generalprobe zu der seit Monaten für diesen Freitag angekündigten Veranstaltung "Breiviks Statement" in der Nationaltheater-Spielstätte E-Werk planmäßig durchgezogen. Erst zur Premiere muss der Schweizer Regisseur Milo Rau die Aufführung in ein nicht weit entferntes Kino verlegen. "Hier findet eine Skandalisierung durch Distanzierung statt", sagte der renommierte Dokumentartheatermacher Rau SPIEGEL ONLINE, "dabei ist das, was wir tun, völlig legal".

Rau will am Freitagabend in "Breiviks Statement" eine türkischstämmige Schauspielerin verlesen lassen, was der Rechtsradikale Breivik, der im Juli 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete, am 17. April vor dem Osloer Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit sagte. Durch Twitter und andere Kanäle gelangte der Redetext des Rechtsradikalen damals schnell an die Öffentlichkeit. Rau zielt darauf ab, durch den öffentlichen Vortrag, den er, wie man das heute so tut im Theater, eine Lecture Performance nennt, klar zu machen, "dass 80 bis 90 Prozent der westeuropäischen Bevölkerung unterschreiben würden, was Breivik sagt".

Die Person des Täters interessiere ihn nicht, sagt Rau, "nicht mal in seiner Erbärmlichkeit". Für ihn ist das Statement, das er im Rahmen eines theatralischen "Kongresses" (er trägt den eher irreführenden Namen "Die Moskauer Prozesse") in Weimar vorstellt, "ein Text aus Europa, der mehr oder weniger zufällig durch Breivik gesprochen wird".

Copy-und-Paste-Bastelei

In Kopenhagen ist seit Montag dieser Woche eine andere Aufführung zu sehen, die auf wohl noch drastischere Weise den Mann zum Bühnenhelden macht, der in Oslos Regierungsviertel Bomben zur Explosion brachte und auf der Insel Utøya wahllos Jugendliche erschoss. Im "Cafeteatret", einem knallengen Kellertheater mit schwarzgetünchten Wänden, in dem nur 48 Zuschauer Platz finden, zeigt der dänische Regisseur und Stückeschreiber Christian Lollike "Manifest 2083", sein Stück über den Mörder Anders Breivik.

Es basiert nur zum Teil auf Texten des Mörders, der Titel aber stammt praktisch von ihm. "2083. A European Declaration of Independence" überschrieb Breivik das 1500 Seiten lange Konvolut, das er sich in jahrelanger Copy-und-Paste-Bastelei im Netz zusammengesampelt und selbst verfasst hatte und vor seiner Tat wieder ins Internet stellte. Der Titel hat unter anderem damit zu tun, dass sich im Jahr 2083 jene Schlacht vor Wien zum 400. Mal jährt, in der ein europäisches Entsatzheer die Osmanen (und damit Muslime) schlug und ihren Vormarsch nach Mitteleuropa stoppte.

"Der Mörder Breivik ist ein gewöhnlicher Mensch"

Lollike und sein Solodarsteller Olaf Højgaard nennen ihren 90-Minuten-Abend ebenfalls eine Lecture Performance - und doch suchen sie auf spektakulär identifikatorische Art einen Weg in die Psyche des Täters. In Lollikes Anatomie eines Scheusals werden nicht nur Texte von Breivik voller Fremdenhass und Islamophobie vorgetragen und kommentiert. Sondern der hünenhafte Darsteller Højgaard kriecht mehr und mehr hinein in die Haut des Mörders. Der Schauspieler zerkleinert wie Breivik Düngemittel für den Bombenbau, vor einem riesigen Bild, das den Hof zeigt, auf dem der Täter lebte. Er hantiert mit einer Freimaurer-Uniform, wie Breivik eine hatte. Er malt sich Breiviks Bart ins Gesicht, er streicht sich das Haar glatt wie der Mörder. Und er streckt seinen kräftigen rechten Arm, dessen Muskeln er angeblich mit den gleichen Steroidpillen aufgepäppelt hat wie Breivik, zum Rechtsradikalen-Gruß.

"Der Mörder Breivik ist keine Bestie, sondern ein gewöhnlicher Mensch", sagt Regisseur Lollike, ein smarter, jungenhafter Typ, der Bertolt Brecht bewundert und Michael Moore. Der Theatermacher und sein Schauspieler Højgaard wollten mit ihrem Brevik-Abend schon im Januar 2012 herauskommen. Doch in Norwegen protestierten Angehörige von Opfern Breiviks gegen diesen Plan, auch dänische Medien schlugen Alarm, deshalb fand die Uraufführung von "Manifest 2083" erst jetzt in der Kopenhagener Kellerbühne "Cafeteatret" statt.

Klar üben Einzelmenschen, die durch Fühllosigkeit und Mordlust auffallen, traditionell eine starke Faszination aus auf Künstler und Intellektuelle, ob es sich nun um den römischen Kaiser Nero handelt oder um Charles Manson oder um das reale Vorbild für Hannibal Lecter, den wir aus dem "Schweigen der Lämmer" kennen. Im Theater erzählen Shakespeares Stücke ebenso von teils wahren Mordtaten wie es es zum Beispiel Bernard-Marie Koltés "Roberto Zucco" tut.

Der leicht großspurige Schwindel der Theatermacher besteht im Fall Breivik allerdings darin, dass Regisseure wie Rau und Lollike stets vorgeben, sie müssten einen Diskurs eröffnen, der anderswo nicht stattfindet. In Wahrheit jedoch haben Internet, Fernsehen und Printmedien den Fall Breivik und die Person des Täters erschöpfend dargestellt; und auch die eigene Rolle der Medien bei der Vermenschlichung respektive Dämonisierung Breiviks und bei der Verbreitung von dessen Thesen wurde an vielen Orten so gründlich kritisch untersucht, dass man von einem größeren Nachholbedarf ernsthaft nicht reden kann.

Vermutlich ist die Sprengkraft des Täter-Theaters auch deshalb eher gering. Proteste gibt es jedenfalls im Kopenhagener Theater keine. Beklommen und sehr still betrachten die Zuschauer die allmähliche Verwandlung des Darstellers Højgaard in Breivik, von dem Lollike sagt: "Er hat selber gehandelt wie ein Schauspieler, in allem was er tat."

Wird einem Breivik begreiflicher oder gar sympathischer durch den Theaterabend? Nein. Er zeigt den Mann als scheußlich mittelmäßige Existenz. Zugleich lehrt er den Zuschauer begreifen, dass erst ein inhumaner Faktor, der jenseits aller Jedermanns-Einfühlung liegt, Leute wie Breivik die letzten Skrupel nimmt und sie loswüten lässt. Am Ende versagt sich das Publikum erstmal den Applaus. Eine Minute lang wird nur geschwiegen in Kopenhagen. Es ist das Schweigen der Belämmerten angesichts des theatralen und des menschlichen Horrors.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Scheußlich mittelmäßig?
hatzi_42 19.10.2012
"Er zeigt den Mann als scheußlich mittelmäßige Existenz." Welches Menschenbild steckt hinter einer solchen Formulierung? Ist der Mensch erst in seiner Exzeptionalität zu ertragen? Von Anders Breivik hätte ich diese Sichtweise eher erwartet.
2. Moralinski?
kein Ideologe 19.10.2012
Zitat von hatzi_42"Er zeigt den Mann als scheußlich mittelmäßige Existenz." Welches Menschenbild steckt hinter einer solchen Formulierung? Ist der Mensch erst in seiner Exzeptionalität zu ertragen? Von Anders Breivik hätte ich diese Sichtweise eher erwartet.
nun kann man ja jemanden "als scheußlich mittelmäßige Existenz" wahrnehmen, das ist doch eine persönliche Sicht, ohne gleich Einen vom Weltbild zu erzählen. Das ist kein Abschlußzeugnis, das ist ein Kommentar. Wie, ausser in seiner Exzeptionalität (hier Andersartigkeit) soll Brevik zu ertragen sein? Dieser "Exzeptionalität" (klingt richtig gelehrt) verdanken wir doch nur die mediale Bekanntschaft mit dem Mann. Und, daß da das, was wir als Exzeptionalität (gewöhn mich dran) erleben, Exzeptionalität (oder auch nicht , irgendwie albern) ist, ist schlechterdings Basis unserer Zivilisation(kann auch pathetisch, hihi). und zum Thema? Ein Getue! Wenn ein Regisseur und ein paar Schauspieler meinen, dieses verstörende Geschehen gehört an´s Theater, und es finden sich Zuschauer, die sich dem schwer zu verstehenden gerne so nähern... OK Ich persönlich bin kein Theatergänger, aber es ist mir völlig unverständlich, warum das Thema diese Art der Aufbereitung verbieten sollte.
3. würd ich mich nicht anschauen
antirechthaber 19.10.2012
Zitat von sysopdapdSkandal in Weimar? Das Deutsche Nationaltheater hat die Lesung eines Textes des norwegischen Attentäters Anders Breivik kurzfristig aus dem Haus verbannt. In Kopenhagen ist dagegen ein Stück namens "Manifest 2083" zu sehen, in dem ein Hüne in die Haut des Mörders schlüpft. Ein Horror-Abend. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/breiviks-statement-und-manifest-2083-sorgen-fuer-kontroverse-a-862355.html
Na gut, dann könnte man auch (immer unter dem Mäntelchen der Kunst, die ja alles darf) Auszüge aus Hitlers "Mein Kampf" verlesen. Ich denke nicht das man sich mit jedem Bodensatz auseinandersetzen muss, oder das der letzte menschliche Abgrund als Vergleich oder Beispiel herhalten muss.
4.
testthewest 19.10.2012
Zitat von hatzi_42"Er zeigt den Mann als scheußlich mittelmäßige Existenz." Welches Menschenbild steckt hinter einer solchen Formulierung? Ist der Mensch erst in seiner Exzeptionalität zu ertragen? Von Anders Breivik hätte ich diese Sichtweise eher erwartet.
Ja, man fragt sich manchmal wirklich, in welcher abgehobenen Welt diese "Kunstschaffenden" aber auch manch Journalist lebt. Ist 77 Menschen zu ermorden nun "Mittelmaß"? Wären 200 "exzeptionell" gewesen? Wäre es besser, wenn er ein total interessanter Mensch gewesen wäre, sprich irgendeine linke Ideologie zum Vorwand genommen hätte, um zum Massenmord an Kindern zu schreiten? Das Theater ist maximal Establishment, es hängt an dessen finanziellen Trog, weil der Normalbürger es schon lange nicht mehr besucht. Und dieses (politische) Establishment ist nun wirklich überrascht, dass ihre Maßnahmen, unter denen immer die anderen zu leiden haben, nun so einen Amokläufer mit produziert hat. Es wird ja immer Breviks Ausländerhass hervorgehoben, doch sein Hass auf das "linke Establishment" war wohl noch größer, denn er zündete nicht ein Asylantenheim an, sondern brachte die Kinder der von im für schuldig befundenen Politiker um. Und das macht dem Establishment weit mehr Angst als Ausländerhass...
5. Urheberrecht
noalk 20.10.2012
Hat Breivik Urheberrechte an seinem Text? An seiner Aussage vor Gericht? Ich hoffe nicht. Mir wäre der Gedanke unerträglich, dass eine solche Type noch mit solcher Kunst an Geld käme. Andererseits sollte die Erinnerung an diese Scheußlichkeit mahnend wach gehalten werden.
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