Abschied vom Patriarchat Brett Kavanaugh - Ikone des Untergangs

Männer vom Schlag eines Brett Kavanaugh dürften vom Aussterben bedroht sein. Bei seiner Anhörung konnte man beobachten, wie das Patriarchat vor dem Verschwinden noch einmal wild um sich schlägt.

Brett Kavanaugh
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In letzter Zeit bekomme ich häufig die Frage gestellt, wie lange das Patriarchat noch andauern wird oder ob es nicht eigentlich schon vorbei ist. Die Anzahl der verbleibenden Tage kann seriöserweise niemand so genau nennen. Aber dass es irgendwann vorbei sein wird mit dem Patriarchat, davon kann man ausgehen. Ich verbinde mit dieser Feststellung eine sehr spezielle Gefühlsmischung aus Feierlichkeit und Grusel. Feierlichkeit, weil ein veraltetes System sich verabschiedet; und Grusel, weil es das nicht tut, ohne noch einmal völlig auszuflippen.

Brett Kavanaugh ist letzten Donnerstag unabsichtlich zu einer Ikone dieses schleppenden Untergangs geworden. Er vertritt den Archetyp eines Mannes, der meint, das Anrecht auf eine Machtposition zu haben, und der bereit ist, dieses Anrecht weit über die Peinlichkeitsgrenze hinaus zu verteidigen. Wir können Vertreter dieser Sorte im Moment ausgiebig studieren. Etwa im Fall von Horst Seehofer, der äußerst zäh auf seinem Ministerposten klebt und sich dabei auch noch fast rührend um die Karriere von Hans-Georg Maaßen kümmert. Unvergessen auch Jens Jessen und seine wehleidige Feststellung im "Zeit"-Feuilleton, dass Frauen jetzt auch was zu sagen haben und ihm das alles zu viel ist.

Wenn es bei Brett Kavanaugh nicht um eine versuchte Vergewaltigung gehen würde, könnte man einiges daran lustig finden: Wie emotional Kavanaugh in der Anhörung wurde, die zeigen sollte, ob er geeignet ist, einer der mächtigsten Männer der USA zu werden. Genauso ungehalten und hysterisch, wie Frauen dem Klischee nach immer sind. Wie schlecht er vorbereitet war. Und wie er dachte, es würde ihm helfen, zu betonen, dass er gern Bier trinkt. Unter einen Videoausschnitt, in dem Kavanaugh die Fassung verliert, schrieb "Welt Online": "Der Moment, als Brett Kavanaugh explodierte". Ich würde diverse lebenswichtige Organe darauf verwetten, dass da bei einer Frau nicht "explodierte" gestanden hätte, sondern "in Tränen ausbrach", aber das nur nebenbei.

Vor dem US-Senat: Kavanaugh vs. Ford

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Offenbar nicht absurd genug

Es ist natürlich nicht generell verwerflich, emotional zu werden. Es ist nur in einigen Momenten unangemessen. An Kavanaughs Verteidigungsversuchen konnte man sehen, wie wenig er das System verstanden hat, von dem Männer wie er - noch - profitieren. Es schien ihm offenbar nicht absurd genug - als derjenige, dem mehrere Frauen vorwerfen, übergriffig geworden zu sein - sich als eigentliches Opfer darzustellen, dessen Ansehen geschändet werden soll: Ein ganz lieber Typ, ein sorgender katholischer Familienvater, der früher vermeintliche Trinkspiele mochte, die zufällig heißen wie Sexualpraktiken. Der nicht in einem Land leben will, in dem jeder, der gerne Bier trinkt, beschuldigt wird, ein Sexualstraftäter zu sein. Als hätte das jemals zur Debatte gestanden.

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Es ist faszinierend, wie jemand, der selbst Jurist ist, glauben kann, es würde reichen, sich so inkompetent zu verteidigen - aber wenig überraschend bei jemandem, der womöglich schon früh das Gefühl hatte, dass ihm viel zusteht in dieser Welt. Gut möglich, dass sich an diesem Selbstbild Kavanaughs durch den laufenden Prozess nichts ändern wird. Mit seinem wirren Auftritt aber hat er all denen einen großen Gefallen getan, die die Tage des Patriarchats herunterzählen und sich auf eine Zeit freuen, in der Spektakel wie die Kavanaugh-Anhörung nichts anderes sein werden als die Erinnerung an eine langsam aussterbende Art.

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insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
junghecker 02.10.2018
1. Danke
Super Artikel...mehr davon bitte!
ansprechpartner 02.10.2018
2. Abschied....
Der gute Mann sollte sich zurückziehen. Dr. Ford hat in meinen Augen überzeugt und gesagt was passiert ist. Ihre Körpersprache paste dazu. Richter zu sein zu wollen ist auch eine Frage der emotionalen Gerechtigkeit. Die "Show" habe ich ihm nicht abgekauft..... Matt Damon bei SNL war treffend, schon beim reinkommen, als er platzgenommen hatte und fragte: "WHAT?" Ganz nach dem Motto: Hey Leute, was geht denn hier ab? Bin ich im falschen Film? "Jawohl Herr Richter, sind Sie....."
lars.nitsch 02.10.2018
3. Kommt da noch was?
Was ist jetzt die Kernaussage? Dass alternde, rechthaberische, übergriffige Männer irgendwie peinlich und unhaltbar sind? Stimmt. Ich hoffe jedoch, dass das Thema Patriarchat im Buch von Frau Stokowski etwas gründlicher unter die Lupe genommen wird. Ansonsten hat mir der im Artikel verlinkte Beitrag von Eva Thöne zum Thema Kavanaughs deutlich besser gefallen. Denn mit reiner Polarisierung wird man dem Fall leider nicht gerecht. Das ist dann nämlich ziemlich erkenntnisfrei."Ich habe nicht gewusst dass er / sie erst 17 ist". Wer hat's gesagt?
oltrerugo 02.10.2018
4. Mal halblang...
Was dieser Schmierenkomödiant mit Patriarchat zu tun haben soll, weiß auch nur, wer alles in das sehr weißmännliche, metaphysische Raster presst, dass man immer alles auf nur einen Ursprung zurückführen kann. Der Typ ist - wie übrigens auch sein Mentor - einfach zu schlecht, um als Argument herhalten zu können!
m_s@me.com 02.10.2018
5. Plädoyer gegen die eigene Rolle
Man soll ja in der Defensive keine überflüssigen Informationen andienen - das gilt für das Leben wie sicherlich auch für den Gerichtssaal. Guter Punkt, warum redete er über Bier? Alleine deswegen schon taugt er als Bundesrichter nicht.
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