Brit-Fotograf Roberts So entspannen sich Engländer

Golfen vor dem Atomkraftwerk: Der Brite Simon Roberts pilgerte durch England, um das Freizeitverhalten seiner Landsleute zu dokumentieren. Das Foto- und Designportal seen.by sprach mit dem Fotografen über unsichere Zeiten im Grünen und langweilige Angler.

Simon Roberts

Frage: Golfer vor einem Atomkraftwerk und Tauben, die aus Lastwagen aufsteigen - worum geht es eigentlich genau in "We English"?

Roberts: Die Idee dafür steht im Zusammenhang mit meiner vorherigen Arbeit "Motherland", für die ich nach Russland gereist bin. Die Russen schienen mir sehr eng mit ihrer Landschaft und Identität verbunden. Das warf in mir die Frage auf: Was bedeutet es, englisch zu sein? Es ist eine Herausforderung für jeden Fotografen, auf sich selbst zu schauen und den Ort, von dem er stammt. Ich ging auf Pilgerfahrt durch mein Heimatland, allerdings mit Distanz. Deshalb sind die Bilder aus einer erhöhten Perspektive entstanden. Man betrachtet die Motive sozusagen aus dem Blickwinkel eines Vogels.

Frage: Warum wählten Sie in Ihren Bildern eher unspektakuläre Orte als Motiv?

Roberts: Im eigenen Hinterhof zu fotografieren, ist weitaus schwieriger als an aufsehenerregenden Orten. Die Idee war, auf einer Art Wanderung das Freizeitverhalten meiner Landsleute zu beobachten, Plätze, an denen sie sich wohl fühlen. Das kann zum Beispiel ein Flussufer sein, an dem jemand fischen möchte. Andere würden darauf schauen und denken: wie langweilig. Aber für die Person, die sich dort aufhält, ist es ein ganz besonderer Platz.

Frage: Sie haben unter anderem Humangeografie studiert. In dem Fach wird geforscht, wie der Mensch durch sein Handeln den Raum verändert. Wie sehr hat das Ihre Bilder beeinflusst?

Roberts: Ich würde sagen, dass es das Fundament für meine Arbeit liefert, da ich in den Fotos das Verhältnis zwischen Menschen und Plätzen beschreibe. Es gibt eine Art kulturelle Geographie, insbesondere in meiner Arbeit über England. Die Fotos fügen die Menschen in den Kontext der Landschaft ein.

Frage: Spielt die Gegenwart eine Rolle bei dem Interesse an der eigenen nationalen Identität?

Roberts: In unruhigen Zeiten neigen wir Briten dazu, nach Innen zu schauen. Die Entstehung von "We English" fiel 2008 mit dem Beginn der Finanzkrise zusammen. Die Briten empfinden es als angenehm und tröstlich, in unsicheren Perioden ihre Zeit im Grünen zu verbringen.

Frage: Was unterscheidet ihre vorherige Arbeit "Motherland" von "We English"?

Roberts: Meine Frau und ich starteten tief im Süden in Magadan und reisten von dort zurück nach Moskau. Ich wollte einen realistischen Blick auf das Land nach dem Zusammenbruch des Kommunismus werfen. Ich bat Menschen auf der Straße, sie fotografieren zu dürfen. Alle wurden zum Bild, nicht nur ganz Arme oder ganz Reiche. Jeden, den wir trafen. Eine Art Katalog von Typen.

Frage: Gab es einen besonders eindrucksvollen Moment auf der Reise?

Roberts: Das Bild mit den beiden Männern, auf dem der eine an einem Lagerfeuer liegt. Es entstand, nachdem wir fünf Tage mit den beiden verbracht hatten. Wir sprachen mit ihnen viel über Russland. Sie sprachen sehr leidenschaftlich über die Bedeutung ihres "Mutterlands" und über den Gedanken, Teil einer Landschaft zu sein.

Frage: Was macht den Wert eines einzelnen Fotos in Zeiten rasanter Bildfolgen aus?

Roberts: Wenn es ein Bild wird, dass dafür belohnt, dass du länger als eine Sekunde darauf schaust. Es ist wie mit den alten Gemälden: Je länger du auf das Bild schaust, umso mehr entdeckst du, was auf dem Schauplatz passiert.

Das Interview führte Sabine Tropp, seen.by


Simon Roberts: "Motherland" und "We English", Robert-Morat-Galerie, Hamburg, bis 7. Mai



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