Britischer Boulevard-Skandal Die Frau fürs ganz Grobe

Sie diniert mit Adel und Elite und gilt als schamlose Populistin: Die "Sun"-Chefredakteurin Rebekah Wade ist das Lieblings-Ziehkind des Medienmoguls Rupert Murdoch. Als künftige Chefin seiner mächtigen Zeitungsgruppe muss sie jetzt die Abhör-Vorwürfe gegen die "News of the World" entschärfen.


Wahrscheinlich hätte Rebekah Wade sich einen ruhigeren Start in ihren neuen Job gewünscht. Am 1. September übernimmt die 41-Jährige die Geschäftsführung von News International, der britischen Tochterfirma des globalen Medienimperiums Rupert Murdochs - und ausgerechnet jetzt ist das Unternehmen in einen Skandal verwickelt, den erfahrene Journalisten in England als "größte Mediengeschichte der modernen Zeit" bezeichnen.

Der "Guardian" hatte vergangene Woche enthüllt, dass die Murdoch-Zeitung "News of the World" 2006 heimlich Handy-Mailboxen von prominenten Politikern, Fußballern und Schauspielern abgehört hat. Die Zahl der Opfer soll in die Tausende gehen. Hinterher soll der Verlag obendrein an drei Bespitzelte in außergerichtlichen Vergleichen über eine Million Pfund Schweigegeld gezahlt haben.

Es sind schwerwiegende Vorwürfe, und Firmenpatriarch Murdoch wird erleichtert sein, dass in diesen turbulenten Zeiten bald seine Lieblingsschülerin an den Schalthebeln der Zentrale im englischen Wapping sitzt. Auf die Powerfrau mit der wilden roten Mähne hat er sich stets verlassen können. Als langjährige Chefredakteurin der "News of the World" und der "Sun" hat Wade reichlich Erfahrung mit Skandalen gesammelt. Sie kennt alle Tricks des britischen Boulevards - und ist noch nie einem Kampf aus dem Weg gegangen.

Wades Reaktion auf die Vorwürfe der vergangenen Woche war dann auch nicht sonderlich überraschend: "Lächerlich", hat sie laut "Observer" gegenüber Vertrauten geschäumt - und blies sogleich zum Gegenangriff. Der "Guardian" habe die Öffentlichkeit "wahrscheinlich absichtlich in die Irre geführt", schrieb sie in einem Brandbrief an den Vorsitzenden des Kulturausschusses des Unterhauses, John Whittingdale. Der Ausschuss untersucht die Affäre und wird kommende Woche die ersten Vertreter von News International anhören. Man werde alle Vorwürfe zurückweisen, kündigte Wade an, blieb jedoch Details schuldig.

Ihre Kämpfernatur hat Wade dorthin gebracht, wo sie ist. Schon mit 14 Jahren stand ihr Berufsziel fest. Mit 20 fing sie als Recherche-Assistentin bei News International an. Ihr ganzes Journalistenleben hat sie für die Schwesterblätter "Sun" und "News of the World" gearbeitet, vergleichbar etwa der "Bild" und "Bild am Sonntag". Mit einer Auflage von drei Millionen ("Sun") und vier Millionen ("NotW") sind sie immer noch die auflagenstärksten Zeitungen des Landes.

"Named and Shamed"

Als die ehrgeizige Wade Chefredakteurin der "News of the World" wurde, war sie gerade 31, die jüngste der gesamten Branche. Drei Jahre später folgte die Beförderung an die Spitze der "Sun".

Von Anfang an begriff sie das Boulevardgeschäft als Kampagnenjournalismus, und ihre eigenen Kampagnen wurden bald legendär. Nach dem Mord an der siebenjährigen Sarah Payne durch einen Pädophilen im Juli 2000 veröffentlichte die "News of the World" die Namen und Fotos von 50 angeblichen Sexualstraftätern - unter der Schlagzeile "Named and Shamed".

Die Aktion sorgte für einen Proteststurm. Wade wurde vorgeworfen, die an den Pranger Gestellten zum Lynchen freizugeben. Tatsächlich kam es zu Übergriffen. Die Kampagne resultierte schließlich in neuen Gesetzen zur verschärften Kontrolle von Sexualstraftätern. Gleichzeitig zementierte sie Wades Ruf als schamlose Populistin.

Solche Kritik prallt an ihr jedoch ab: Im Unterschied zu anderen Medien höre sie den Lesern eben zu, verteidigt sie sich. Kampagnen seien einer der Gründe, warum sie diesen Beruf ergriffen habe, erklärte sie im Januar vor Journalismus-Studenten. Denn damit könne man etwas bewirken.

Die Rede vor den Studenten war einer ihrer seltenen öffentlichen Auftritte. Wade gibt keine Interviews, angeblich auf Anweisung von Murdoch - dabei ist sie als Chefin der großen Boulevardblätter seit Jahren eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des Landes.

Sie bekommt exklusive Einladungen auf den Landsitz des Premierministers ebenso wie ins Königshaus. Als Wade im Juni ihren zweiten Mann, den Rennpferde-Trainer Charlie Brooks, heiratete, waren Premierminister Gordon Brown, Oppositionsführer David Cameron und ihr Boss unter den Gästen.



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