Britischer Medienskandal: Murdoch kämpft für seine "Sun"

Von , London

Der Medienzar Rupert Murdoch streitet für sein britisches Zeitungsreich: Nach der "News of the World" gerät nun auch das einflussreichere Schwesterblatt "Sun" ins Visier von Scotland Yard - Journalisten sollen Beamte bestochen haben. Kann der greise Patriarch sein Erbe retten?

Rupert Murdoch mit Ehefrau Wendi (bei den Golden Globes): Sentimentaler Zeitungsfan? Zur Großansicht
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Rupert Murdoch mit Ehefrau Wendi (bei den Golden Globes): Sentimentaler Zeitungsfan?

Die "Sun" erschien am Montag in gewohnter Aufmachung. Mit großen Lettern kündete sie von Whitney Houstons mysteriösem Tod. Die Sportseiten feierten Manchester Citys Rückkehr an die Tabellenspitze der Premier League. Und die Kurven des Seite-Drei-Girls waren üppig wie immer.

Die 2,7 Millionen Leser der größten britischen Boulevardzeitung bekamen aber auch noch ein besonderes Schmankerl zu lesen: Auf den Kommentarseiten wütete Kolumnist Trevor Kavanagh gegen "die Hexenjagd, die uns noch hinter Ex-Sowjetstaaten zurückfallen lässt". Statt sich dringenden Aufgaben wie dem Anti-Terror-Kampf zu widmen, zerrten Polizeitrupps in der Morgendämmerung unbescholtene Journalisten aus dem Bett. Frauen und Kinder würden gedemütigt, Schränke durchwühlt, das Parkett aufgerissen. "Wer", fragt der aufgebrachte Kolumnist, "überwacht eigentlich die Polizei?"

Der Wutausbruch gilt Scotland Yard. Die Londoner Polizei ermittelt wegen des Vorwurfs der Beamtenbestechung gegen das Blatt - und bringt so die tragende Säule in Rupert Murdochs britischem Zeitungsimperium ins Wanken. Am Wochenende wurden gleich fünf Redakteure der "Sun" festgenommen, darunter der stellvertretende Chefredakteur. Bereits vor zwei Wochen hatte die Polizei vier Redakteure mitgenommen und befragt. Außenpolitischer Chefreporter, Leitartikler, Nachrichtenchef - niemand, so scheint es, ist sicher.

Im Newsroom des mächtigsten Blattes des Landes geht nun die Angst um. Seit dem Wochenende haben die Journalisten nur noch ein Gesprächsthema: Wird die "Sun" auch eingestellt, so wie ihr sonntägliches Schwesterblatt "News of the World" nach dem Abhörskandal im vergangenen Jahr?

Auch in der New Yorker Zentrale des Mutterkonzerns News Corp. schrillen die Alarmglocken. Kaum schien der Skandal um die "News of the World" einigermaßen unter Kontrolle zu sein, bricht schon der nächste Sturm los. So ernst ist die Lage, dass Firmengründer Murdoch diese Woche persönlich nach London reisen wird. Der Chef wolle seinen Redakteuren versichern, dass er die "Sun" weder verkaufen noch einstellen werde, berichtet das "Wall Street Journal", das ebenfalls dem Australier gehört.

Die Brandmauer-Strategie ist gescheitert

Die Sorge der Mitarbeiter ist begründet, denn bei der Sonntagszeitung hatte Murdoch im vergangenen Juli kurzen Prozess gemacht. Mit der Einstellung der "News of the World" hatte er eine Brandmauer errichten wollen, um seine drei anderen britischen Zeitungen zu retten: Neben der profitablen "Sun" gehören ihm noch die defizitären "Times" und "Sunday Times".

Die Strategie ist offensichtlich fehlgeschlagen, denn inzwischen sind sowohl "Sun" als auch "Times" in den Skandal verwickelt. Längst geht es nicht mehr nur um das Abhören von privaten Handy-Mailboxen. Die Polizei untersucht in zwei weiteren Ermittlungen auch das Hacken von Computern und die Bestechung von Beamten. Zu Murdochs Leidwesen geriet die "Sun" als erste ins Visier der Fahnder. Der Grund: 2003 hatte die frühere "Sun"-Chefredakteurin Rebekah Brooks vor einem Parlamentsausschuss gesagt, das Blatt habe in der Vergangenheit Polizisten für Informationen bezahlt. Damals hatte diese Aussage niemanden aufgeregt, doch die Zeiten haben sich geändert.

Der Vorwurf der Beamtenbestechung beschert Murdoch möglicherweise ein weiteres Problem: Amerikanische Korruptionsgesetze erstrecken sich auch auf das Gebaren ausländischer Konzerntöchter. News Corp. könnte also am Heimatstandort USA belangt werden. Dann drohen empfindliche Geldstrafen bis hin zur Inhaftierung führender Manager. Laut "New York Times" könnten die Vorwürfe jedoch verjährt sein. Die Verjährungsfrist beträgt fünf Jahre.

Die US-Generalstaatsanwaltschaft hatte bereits vergangenes Jahr erste Ermittlungen gegen die Firma eingeleitet, nachdem berichtet wurde, dass auch Angehörige von Terroropfern abgehört worden waren. In diese Untersuchungen soll auch die Bundespolizei FBI eingeschaltet sein. Der Anwalt Mark Lewis, der mehrere Abhöropfer vertritt, überlegt laut "Guardian", in den kommenden Wochen in den USA eine Klage einzureichen.

Nur noch ein kostspieliges Hobby des Patriarchen?

Murdochs Krisentrip nach London löst jedenfalls eine Fülle von Spekulationen bei Beobachtern beiderseits des Atlantiks aus. Sie fragen sich nicht zum ersten Mal: Ist der 80-Jährige überhaupt noch Herr der Lage? Wie lange noch kann er seine schützende Hand über seine geliebten Zeitungen halten?

In der New Yorker Konzernzentrale gelten die britischen Blätter seit langem als lästiges Hobby des alternden Patriarchen. Seit dem Abhörskandal bei der "News of the World" mehren sich die Stimmen, das britische Zeitungsgeschäft ganz abzustoßen. In der Bilanz des Milliardenkonzerns spielen die dreistelligen Millionenüberweisungen von der Insel ohnehin keine entscheidende Rolle.

Und der Skandal kostet das Unternehmen richtig Geld: 195 Millionen Dollar sind bislang aufgelaufen. Dazu kommen der unermessliche Imageschaden und die politischen Kosten. So musste Murdoch angesichts der feindseligen öffentlichen Stimmung den Plan auf Eis legen, den britischen Satellitensender BSkyB vollständig zu übernehmen - ein Milliardendeal.

Börsen-Analysten schätzen, dass der Aktienkurs um bis zu 20 Prozent zulegen würde, wenn News Corp. die britische Tochter News International abstieße. Auch Murdochs Nummer Zwei, Chief Operating Officer Chase Carey, würde den Zeitungen keine Träne nachweinen. Er sieht die Zukunft des Konzerns im Sport- und Unterhaltungsfernsehen.

Die Zeitungsgegner werden dadurch bestärkt, dass in London keine Entspannung in Sicht ist. Neben den drei polizeilichen Ermittlungen gegen seine Blätter hat Murdoch noch an zwei weiteren Fronten zu kämpfen: Einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss und einer unabhängigen Kommission unter Vorsitz des Richters Leveson. Im vergangenen Juli waren Murdoch und sein Sohn James bereits vor dem Untersuchungsausschuss erschienen, bald könnte noch ein Auftritt vor die Kommission folgen. Leveson hat dies bereits angedeutet.

Doch tippen Murdoch-Kenner darauf, dass der Firmengründer trotz des Gegenwinds aus sentimentalen Gründen an seinen Zeitungen festhalten wird. Gerade die "Sun" hat in Murdochs Herzen einen besonderen Platz: Mit ihrer Übernahme war er 1969 in den britischen Markt eingestiegen.

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tomer 13.02.2012
Zitat von sysopAPMedienzar Rupert Murdoch kämpft um sein britisches Zeitungsreich: Nach der "News of the World" gerät nun auch das einflussreichere Schwesterblatt "Sun" ins Visier von Scotland Yard. Kann der greise Patriarch sein Erbe retten? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,814859,00.html
"Die 2,7 Millionen Leser der größten britischen Boulevardzeitung bekamen aber auch noch ein besonderes Schmankerl zu lesen: Auf den Kommentarseiten wütete Kolumnist Trevor Kavanagh gegen "die Hexenjagd, die uns noch hinter Ex-Sowjetstaaten zurückfallen lässt". Statt sich dringenden Aufgaben wie dem Anti-Terror-Kampf zu widmen" Meine Meinung nach ist Anti-Terror- Kampf nichts anderes als Medien Darstellung, damit man massen beeinflussen kann!
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