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Britischer Presseskandal: Murdoch-Gate setzt Tory-Chef unter Druck

Von , London

Der Skandal um die Handy-Schnüffelei britischer Boulevardreporter erschüttert Londons höchste Machtzirkel. Reporter der "News of the World" haben offenbar Fußballer, Stars und Politiker ausspioniert. Die Folgen bekommt jetzt auch der konservative Parteichef Cameron zu spüren.

London - Die Geschichte hat alle Elemente eines erstklassigen Skandals. Am Pranger stehen die mächtigste Mediengruppe des Landes und der Sprecher jenes Mannes, der bald schon Premierminister sein könnte. Der Vorwurf lautet auf Handy-Spionage und Zahlung von Schweigegeld in Millionenhöhe. Die Opfer sind prominente Politiker, Fußballer und Schauspieler. Und die Kronzeugen sind über jeden Verdacht erhaben.

Der "Guardian" hat also allen Grund, stolz auf seinen Investigativreporter Nick Davies zu sein. Auf mehreren Seiten hatte dieser am Donnerstag enthüllt, dass die auflagenstärkste Zeitung des Landes, die "News of the World", systematisch Privatdetektive beschäftigte, um Prominenten wie Gwyneth Paltrow und Elle Macpherson hinterher zu schnüffeln. Auf der Suche nach einem saftigen Aufmacher für die Sonntagszeitung wählten sie sich demnach im Jahr 2006 in die Handy-Mailboxen von 2000 bis 3000 bekannten Persönlichkeiten ein.

Drei der Ausspionierten zogen vor Gericht, als sie Wind von der Verletzung ihrer Privatsphäre bekamen. Aber sie wurden laut "Guardian" mit insgesamt über einer Million Pfund zum Schweigen gebracht. Allein die außergerichtliche Einigung mit dem Boss der britischen Fußballer-Gewerkschaft, Gordon Taylor, soll 700.000 Pfund gekostet haben.

Flankiert wurde die "Guardian"-Titelstory von einem Interview mit dem früheren Chefredakteur der "Sunday Times", Andrew Neil, der die Affäre zum "größten Medienskandal der modernen Geschichte" adelte. Obendrein ist sie politisch brisant, weil der damalige Chefredakteur der "News of the World", Andy Coulson, inzwischen Medienberater von David Cameron ist. Der konservative Oppositionsführer wird als nächster britischer Premierminister gehandelt - und die Labour-Partei kann ihr Glück kaum fassen, endlich Munition gegen den scheinbar unschlagbaren Gegner zu haben.

Scotland Yard sorgt für Dämpfer

Auf der "Guardian"-Website wurde die Entfaltung des Skandals den ganzen Tag per Live-Ticker begleitet. Bald war die Rede von "Murdoch-Gate", benannt nach dem australischen Medienunternehmer Rupert Murdoch, zu dessen Imperium die "News of the World" gehört. Der Verleger gibt auch noch die "Sun", die "Times" und das New Yorker "Wall Street Journal" heraus.

Am späten Donnerstagnachmittag verlor die Affäre jedoch spürbar Brisanz, als der zuständige Scotland-Yard-Beamte John Yates vor die Presse trat und eine weitere polizeiliche Untersuchung ausschloss. Die Vorwürfe sind nämlich nicht neu. Vor drei Jahren hatte die Polizei bereits die Handy-Abhörpraktiken der "News of the World" untersucht. Im Januar 2007 waren ein Privatdetektiv und ein Reporter der Boulevardzeitung zu mehreren Monaten Haft verurteilt worden, weil sie die Mailboxen von Mitarbeitern der Königsfamilie angezapft hatten.

Die "News of the World" hatte sich damals damit herausgeredet, es handele sich um einen Einzelfall. Doch hatte Scotland Yard schon bei jener Untersuchung festgestellt, dass die Reporter des Sensationsblatts mehrere hundert Handy-Mailboxen im Visier hatten. In der Mehrheit der Fälle habe es aber keine Beweise gegeben, dass das Abhören tatsächlich geklappt hatte, sagte Yates. Nur wenige Personen seien wirklich belauscht worden. Durch den "Guardian"-Bericht habe sich die Beweislage nicht geändert.

"Drecksuche im Digitalzeitalter"

Auch andere Kenner reagierten nicht überrascht: Die im "Guardian" genannten Opfer seien bereits 2007 identifiziert worden, sagte Peter Burden, Autor eines Buches über die "News of the World", der BBC. Die unsauberen Methoden der Zeitung seien weithin bekannt, sagte Bob Franklin, Professor für Journalismus an der Universität von Cardiff, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Es sei "Drecksuche im Digitalzeitalter" und entspreche der alten Boulevardreporter-Praxis, in Mülltonnen von Prominenten herumzuwühlen.

Der Datenschutzbeauftragte der britischen Regierung hatte bereits 2008 in einem Bericht beschrieben, wie 31 Journalisten der "News of the World" und ihres Schwesterblatts "The Sun" auf der Suche nach peinlichen Details über Prominente Polizei-, Steuer- und Telefondatenbanken durchsucht hatten.

Dennoch löste der "Guardian"-Bericht ein heftiges Beben in den Londoner Machtzirkeln aus. "Was die Leute schockiert hat, war das Ausmaß der Operation", sagte Franklin. Investigativreporter arbeiteten häufig an der Grenze des Gesetzes. Das sei kein Problem, wenn sie es mit dem öffentlichen Interesse rechtfertigen könnten. Aber im Fall der "News of the World" gehöre die illegale Schnüffelei offensichtlich zur alltäglichen Routine, ohne konkreten Verdacht würden einfach Leute abgehört.

Medienausschuss lädt Murdoch-Leute vor

Zudem ist mit Coulson ein politisches Schwergewicht involviert. Und da innerhalb der nächsten zwölf Monate eine Wahl ansteht, schlug die Nachricht im Parlamentsviertel hohe Wellen. Der Medienausschuss des Unterhauses will tätig werden und am kommenden Dienstag den früheren Chef der "News of the World"-Mutter News International, Les Hinton, mit den Vorwürfen konfrontieren. Der Manager hat einiges zu erklären: 2007 hatte er vor dem Parlamentsausschuss noch geschworen, es habe sich nur um einen einzelnen Reporter gehandelt. Die Konzernleitung hält weiter an der Sprachregelung fest, dass sich alle Journalisten von News International stets an den Verhaltenskodex des britischen Presserats hielten. Doch erscheint dies nun höchst unglaubwürdig.

Auch geschäftlich könnte der Skandal für die Murdoch-Firma empfindliche Folgen haben: Mehrere Prominente prüfen der BBC zufolge eine Klage gegen den Konzern wegen Verletzung ihrer Privatsphäre. Am Freitag wurde bekannt, dass zu den heimlich Abgehörten auch der Trainer von Manchester United, Alex Ferguson, und der frühere Kapitän der Nationalelf, Alan Shearer, zählten. Beide hatten Nachrichten auf der Mailbox des abgehörten Taylor hinterlassen.

Ein weiterer Name sorgte für Schadenfreude: Laut BBC wurde auch "Sun"-Chefredakteurin Rebekah Wade abgehört, also die ärgste hausinterne Rivalin des damaligen "News of the World"-Chefs Coulson. Die Murdoch-Vertraute ist inzwischen in die Konzernleitung gewechselt, sie steht an der Spitze von News International.

Coulson im Kreuzfeuer

Für Ex-Chefredakteur Coulson dürften die nächsten Tage höchst ungemütlich werden. Der Chefstratege des britischen Oppositionsführers findet sich auf sämtlichen Titelseiten wieder, also genau da, wo Spindoktoren eigentlich nie auftauchen sollten. Mehrere Labour-Politiker forderten bereits seinen Kopf. Zwar stellte sich Cameron sogleich hinter Coulson. Er leiste exzellente Arbeit, sein Job sei sicher, sagte der Tory-Chef. Coulson habe damals die Konsequenzen gezogen und sei zurückgetreten. Danach habe er ihm eine "zweite Chance" gegeben, sagte Cameron.

Doch könnte diese Nibelungentreue den Tory-Chef noch teuer zu stehen kommen. Denn Coulsons Rolle in dem Skandal ist dubios. Als Chefredakteur der "News of the World" war er 2007 nach der Verurteilung seines Reporters zurückgetreten. Bis heute behauptet er jedoch, von der Handy-Spionage in seinem Newsroom nichts gewusst zu haben.

Buchautor Burden glaubt Coulson kein Wort. "Andy Coulson hat entweder ein schlechtes Gedächtnis, oder er lügt", schreibt er in seinem Blog. Auch Journalismus-Professor Franklin hält es für ausgeschlossen, dass Coulson nicht wusste, was seine Reporter trieben. Eine Sonntagszeitung wie die "News of World" habe eine viel kleinere Redaktion als eine Tageszeitung, der Chefredakteur sei direkt involviert. Zudem habe er die Ausgaben für Privatermittler absegnen müssen. "Dass Coulson nichts gewusst hat, ist unvorstellbar".

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