Cultural-Studies-Theoretiker Soziologe Stuart Hall gestorben 

Er war einer der bedeutendsten britischen Sozialwissenschaftler: Stuart Hall prägte die international beachteten Cultural Studies, seine Theorien zu Identität und Medien waren einflussreich, er war ein wichtiger Vertreter der Neuen Linken. Nun ist Hall im Alter von 82 Jahren gestorben.

"Eine Art Rockstar für schwarze Bücherwürmer": Stuart Hall ist tot
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"Eine Art Rockstar für schwarze Bücherwürmer": Stuart Hall ist tot


London/Hamburg - Man hat ihn den "Paten des Multikulturalismus" genannt, eine Rolle, für die er aufgrund seiner Biografie prädestiniert war. Der Sozialwissenschaftler Stuart Hall kam am 3. Februar 1932 in Kingston auf der Insel Jamaika zur Welt, als Kind einer Mittelklassefamilie. Seine Mutter hatte weiße Vorfahren und identifizierte sich mit dem britischen Empire, sein Vater war der erste Nicht-Weiße, der eine leitende Stellung bei dem Obsthandelskonzern United Fruit einnahm. Stuart Hall unterstützte die Unabhängigkeitsbestrebungen Jamaikas, und ging doch nach England, mit einem Rhodes-Stipendium an die Elite-Universität in Oxford.

"Ich weiß nur, was ich nicht bin", sagte er 2001 in einem Interview dem "Freitag". Daher sei es kein Wunder, "dass ich ein Anti-Essenzialist bin und für Hybridität eintrete". In diesem Sinne weitete er das Spektrum des legendären Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) an der Universität von Birmingham, wo er von 1964 an arbeitete und das er von 1972 an leitete, auf Themen der Identitätspolitik aus. Er gilt als Vorläufer des Postkolonialismus.

Wie groß sein Einfluss auf Menschen war, die eher außerhalb des sozial- und kulturwissenschaftlichen Mainstreams stehen, lässt sich auch an der Aussage des Filmemachers John Akomfrah erkennen: "Stuart Hall war einer der wenigen Farbigen im Fernsehen, der nicht sang oder tanzte oder rannte." Für "schwarze Bücherwürmer" wie ihn sei Hall "eine Art Rockstar" gewesen, eine "Pop-Ikone mit Hirn", so Akomfrah, der 2013 mit "The Stuart Hall Project" einen Dokumentarfilm über den Intellektuellen veröffentlichte.

Hall prägte den Begriff "Thatcherismus"

Darin schwärmt Hall über den Jazzmusiker Miles Davis, dessen Musik für ihn "der Klang dessen, was nicht sein kann", war. Im kulturellen Bereich sah er ein "widerständiges Potential", aber nur in einem Zusammenspiel aus Produktion und Rezeption, das er in seinem einflussreichen "Encoding-Decoding"-Modell beschrieb: So seien vor dem Hintergrund der Lebensbedingungen der Rezipienten abweichende Lesarten von medialer Kommunikation möglich. Besonders in der Subkulturforschung wurde diese Theorie sehr bedeutsam.

Stuart Hall gehörte zu den Gründern der Zeitschrift "New Left Review", in der Perspektiven für linke Politik abseits des damals real existierenden Sozialismus diskutiert wurden. Er prägte schon vor der Wahl Margaret Thatchers zur britischen Premierministerin den Begriff "Thatcherismus" und arbeitete ihren "autoritären Populismus" heraus. Doch auch die vermeintlich linke Regierung unter Tony Blair fand in Hall einen eloquenten Kritiker: Ihre neoliberalen Zumutungen habe dessen Regierung mit Gemeinschaftslyrik zu überpinseln versucht.

Selbst wurde er 1979 Professor für Soziologie an der britischen Open University, einer Fernuni ohne Aufnahmebeschränkungen, der er bis 1997 treu blieb. Am Montag ist Stuart Hall in London gestorben, wie mehrere britische Medien meldeten. Er wurde 82 Jahre alt.

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Seite 1
boblinger 10.02.2014
1. Wie passend
Eine letzte Pointe dieses großen Denkers, dass er sich zum Gehen den Tag nach der Abstimmung in der Schweiz ausgesucht hat. Farewell, Mr. Stuart! Und danke für die vielen guten und wichtigen Texte.
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