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Online-Projekt von Britta Thie: Digital ist besser

Von

Online-Kunstprojekt "Translantics": Gefühlswelt einer Generation Fotos
Alexandre de Brabant

Eine Mischung aus Lena Dunhams "Girls" und verstörenden Videoclips: Die Berliner Künstlerin Britta Thie macht Kunst für die digitale Generation. Ihr Projekt "Translantics" wird nicht im Museum, sondern online ausgestellt.

An den Wänden hängen Badematten. Vor den Matten steht ein Dutzend Mittzwanziger, die Frauen haben blau gefärbte Haare, die Männer tragen ihre Kappen schief, dazu Lidl-Tüten oder Netto-Prospekte, alle sprechen Englisch in dieser halogenausgeleuchteten Galerie in Berlin-Schöneberg.

Hipster, die auf Matten starren. Auf Kunst. Das ist doch Kunst, oder?

"Where's Bridda?", fragt jemand. Das ist ihr Stichwort, Britta Thie betritt die Galerie. Sie sieht aus wie ein Android aus Porzellan, eigentümlich schön. Ihre Gesten filigran, ihr Gang bestimmt. Thie geht an den Hipstern entlang, an den Matten, die nicht von einem bekannten Künstler, sondern aus einem Baumarkt um die Ecke stammen. Die Matten sind selbstironische Requisiten für einen Dreh, Teil von Thies neuem Kunstprojekt.

Thie, Jahrgang 1987, Absolventin der Berliner Universität der Künste (UdK), macht Kunst, mit der sie nicht ins Museum will. Kunst, die ihre Generation abbilden soll, jene Jugend, die ins Analoge geboren wurde und im Digitalen aufgewachsen ist: Erste E-Mail in der Grundschule, erster ICQ-Flirt im Gymnasium, erstes StudiVZ-Gruscheln im Studium. Die Generation, die Kindheitsfotos auf Facebook postet, Analognostalgie in Binärcodes. Eine Generation im Dazwischen, das ist Thies Thema, ihre Bühne ist das Netz.

Mix aus "Girls" und Videokunst

In der Galerie mit den Matten will Thie Teile der ersten Folge ihrer Online-TV-Serie "Translantics" drehen. Dazu hat sie sich Menschen aus ihrem, so sagt sie es, "pulsierenden Netzwerk" eingeladen. Alte Freunde, junge Kreative, aus allen Ecken der Welt, jetzt aber in Berlin, der Hauptstadt des "Post-Tourismus", wie das "New York Magazine" kürzlich schrieb.

"Translantics" wird nicht in den Räumen, sondern auf einer Internetseite des renommierten Frankfurter Kunsthauses "Schirn" ausgestellt. Die Serie will ein Mix aus Lena Dunhams "Girls" und den verstörenden Arbeiten des Videokünstlers Ryan Trecartins sein, so Thie. Kunst im Dazwischen.

In "Translantics" spielt Thie die Hauptrolle, umgeben von ihren zwei - vor wie hinter der Kamera - besten Freundinnen. Worum es in "Translantics" geht, hat Thie in einem Gedicht zusammengefasst, das sie und ihre Freunde im Trailer zur Serie vortragen. "We're timezone friends, trending in transit", heißt es darin. "This could be us, but we're playing." Die digital geprägte Wirklichkeit, ein Spiel?

Sechs Stunden, bevor Thie an den Badematten entlanggeht, sitzt sie in einem kargen Raum in Neukölln, rechts neben der Tür klebt pinkfarbenes Gaffer-Tape, "Britta Thie" steht drauf: ihr Atelier. Neben einer Handcreme lehnt ein Buch zur "Kritik der Vernetzungskultur". Neben Macbook, Drucker und Kamera klebt ein Sticker, auf dem "Never Work" steht. "Ich lebe einfach in diesem In-between-Zustand, den ich auch beschreibe." Thie spricht oft in Anglizismen, Relikt aus ihrer Vergangenheit als professionelles Model, Realität im kreativen Berlin der Gegenwart.

"Laura?!" Pause. "She's a rich bitch."

Zeichnet sich Thies Generation durch das in-between aus? "Alle sind so mild", sagt Thie. "Nichts soll wehtun." Der Trailer zu "Translantics" ist in Pastelltönen gehalten. Er erinnert an die Werbeästhetik von Modelabels wie American Apparel. "In diesem Pastell-Look reflektiert sich die Gefühlswelt meiner Generation." Für Thie zeigt sich diese Gefühlswelt nicht bloß in den Schaufenstern, sie zeigt sich auch in den Supermarktregalen. "Auf den Dove-Cremes steht 'DeepCare Complex'. Als würden sich die Lotions um uns kümmern."

Jene Jugendmilde ist, so Thie, auch grundlegend für die Kommunikation über Dienste wie WhatsApp oder Facebook; "Shying away from punctuation", so eine weitere Zeile aus dem "Translantics"-Gedicht. "In Textnachrichten drücken wir uns oft um Interpunktion herum", sagt Thie dazu. "Und mit Emojis mildern wir alles noch so nonchalant ab." Ein Fragezeichen am Ende eines Satzes impliziere eine Absicht. Wer es weglässt, will sich nicht festlegen.

Googelt man Britta Thie, könnte man meinen, sie wäre eine unbewegliche Puppe. Steif und glatt wirkt sie auf vielen Fotos. Sitzt man ihr gegenüber, ist Thie die Dynamik in Person. Eben hier, jetzt da. Thie quatscht, plant, flucht, lacht im Sekundentakt. Ihr Smartphone liegt wie aus Selbstschutz an der Seite, Bildschirm nach unten, ab und an greift sie trotzdem zu.

Am Abend halten die Hipster ihre Smartphones hoch, fotografieren und filmen die Badematten und sich selbst. Ist das jetzt schon Teil von "Translantics"? Thie, geschminkt, gepudert, ein schicker Android aus bestem Porzellan, unterbricht den Smartphone-Reigen.

"Right now, I will give you little roles", sagt sie, ihre Stimme paart sich mit dem Raumhall. "Who wants to be an art collector?", fragt Thie. "Laura?!" Pause. "She's a rich bitch." Alle lachen, Laura auch. "The rest of you is very cool and tired art people."

Nach Thies Ansage ändert sich im Grunde nichts, nur die Bildschirme der Smartphones finden den Weg aus den Taschen zurück in die Hände, ihr Licht mischt sich mit dem der Halogenröhren. "Wir drehen jetzt", sagt Thie schließlich. Aber Wirklichkeit und Spiel sind schon lange verschwommen.


Die erste Folge von "Translantics" ist ab dem 28. April auf www.schirn.de/translantics zu sehen.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Zeitgenössisch...?
yomo 28.04.2015
Aha, sie hat einen Computer und Photoshop. Und...?
2. Mitleid
kaiser-k 28.04.2015
Als schon in Episode 1 die Werbefahne von Reno-Schuhe im Hintergrund meine Aufmerksamkeit fing, dachte ich nur: der arme Cutter, der im Schnitt bestimmt sich viele Worthülsen und Pseudo-Interpretationen hat anhören müssen. Aber 'hey': alles geht, alles darf - whatever.
3. In-between was?
blauervogel 28.04.2015
Obwohl ein Jahr jünger als Fr. Thie, gehöre ich wohl schon nicht mehr, oder noch nicht zu Dieser ihrer digitale Generation. Wahrscheinlich schon nicht mehr, denn ich erinnere mich an vergleichbare Projekte in der zehnten Klasse im Internat, zur Erweiterung unserer Kreativität und des künstlerischen Horizontes. Allerdings wären wir nicht auf die Idee gekommen, damit in der Schirn vorstellig zu werden. Wahrscheinlich waren wir noch nicht genug In-between. ;-)
4. Nö !
Analog 30.04.2015
Digital ist nicht besser ! Die Welt ist analog. Stelle mir gerade vor, dass einhundert Jahre später, die heutige digitale Kunst beurteilt wird...
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