Broadway-Renner "Angels in America" Rückfall in den Reagan-Horror

Aids, Homophobie, Armut, Ignoranz, Gier: Das Theater-Epos "Angels in America" rechnet gnadenlos mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums ab - und feiert derzeit am Broadway einen Riesenerfolg. Dabei ist das Stück schon fast 20 Jahre alt, aber immer noch höchst brisant.

Von , New York


Einen der prophetischsten Sätze in "Angels in America" sagt eine Namenlose: "Obdachlose Frau" heißt sie nur, und Hannah Pitt, die verirrte Mormonenmutter, läuft ihr in der South Bronx über den Weg. Nach einem absurden Dialog über Busse, Suppenreste und Nostradamus gelangt die Obdachlose zu der lakonischen Erkenntnis: "Oh ja. Im neuen Jahrtausend, glaube ich, werden wir alle wahnsinnig sein."

Hannah Pitt reagiert darauf, indem sie laut Regieanweisung "forteilt, so schnell sie kann". Doch es gibt kein Entrinnen: Die Worte im dritten Akt von "Millennium Approaches", dem ersten Buch des siebenstündigen Mammut-Dramas "Angels in America", haben Bestand - auch und erst recht heute, mehr als 17 Jahre, nachdem sie zum ersten Mal auf dem Broadway von der Bühne gerufen wurden. Denn jetzt hallen sie in New York wieder durch ein Theater und haben nichts von ihrer Wirkung verloren.

"Angels in America", Tony Kushners mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Epos über Aids, Politik, Liebe und Tod, schockierte 1993 die amerikanische Nation. Das ist lange her, doch das große Revival, mit dem das bittere Gesellschaftspanorama nun erstmals in die Stadt zurückkehrt, ist das Theaterereignis der diesjährigen Saison: heiß umjubelt und heiß debattiert.

Erneut drängen sich Menschenschlangen vor dem Spielort, diesmal vor dem Haus der Signature Theatre Company an der 42nd Street. Dort soll das Stück bis Ende Februar 2011 laufen. Alle Vorstellungen sind bereits restlos ausverkauft.

Falscher Glanz, echtes Elend

Das liegt vor allem daran, dass "Angels in America", das einst von einigen US-Zensoren sogar verboten wurde, inzwischen als einer der bedeutendsten Theaterschätze des Landes gilt - die "New York Times" nannte es unlängst in einem Atemzug mit Klassikern wie "Tod eines Handlungsreisenden".

Die Parabel auf das verlogene Amerika der achtziger Jahre eignet sich genauso gut als Spiegelbild des aktuellen Zustands der US-Gesellschaft. Das in "Angels" dräuende neue Millennium ist zwar mittlerweile fast elf Jahre alt, doch wer an den Worten der namenlosen Obdachlosen zweifelt, braucht sich nur die absurden Auswüchse des Kongresswahlkampfs anzuschauen: Wahnwitziger geht es kaum.

Sicher, es waren andere Zeiten, als der damals 37-jährige Dramatiker Kushner "Angels in America" erst zu Papier und dann auf die Bühne brachte. Aids wütete in der Schwulenszene, der Rest der USA, geblendet vom falschen Glanz der Boomjahre, wandte sich ab vom Elend. Kushner machte aus dieser Kluft zum Gleichnis für das Scheitern des "American Dream" an seiner eigenen Verheißung des "Anything goes".

So ein Theater hatte der Broadway bis dahin noch nie erlebt. Zwei in sich geschlossene, zeitlich und räumlich versetzt uraufgeführte Teile ("Millennium Approaches" und "Perestroika"), Szenen, die im Central Park, im Fieberwahn und im Himmel spielten, Krankheit, Liebe und Verrat. Dazu ein Panoptikum aus Drag Queens, neurotischen Juden, schwulen Republikanern, dem Geist der gehenkten Kommunistin Ethel Rosenberg sowie ein Engel, der durchs Bühnenbild bricht und höhnische Witze über das armselige Geschehen reißt: "Angels in America" forderte heraus.

Die Resonanz war entsprechend, vor allem im konservativen Mittelwesten, abseits der liberalen Großstadtbevölkerung. Universitäten verbannten das Stück aus dem Lehrplan. Ein Dekan verglich den jüdischen Autor Kushner gar mit den Nazis. In North Carolina marschierten Protestler, Schauspielern wurde Haft angedroht. Das Branchenblatt "American Theatre" sprach von einem "heiligen Krieg".

1993 ist wie 2010

Dieser Krieg galt weniger der derben Sprache, den Nacktszenen oder der offenen Darstellung homosexueller Lust und Liebe, sondern der politischen Brisanz zwischen den Zeilen: "Es gibt keine Engel in Amerika", fasst Louis, eine der Hauptfiguren, sein pessimistisches Weltbild zusammen. Die USA seien eine seelenlose Machtgesellschaft, in der sich jeder nur noch um sein eigenes Fortkommen schere. Diese Beobachtung drang tief ins Gemüt der Nation ein, die sich gerade erst von dem Kater erholte, der von den Ego-Exzessen der Reagan-Ära geblieben war.

"Heute schaue ich zurück", staunte Kushner kürzlich im Broadway-Blatt "Playbill", "und ich war, glaube ich, zu einem gewissen Grad blind dafür, was für ein großes Ding das alles war."

"Angels in America" prägte eine ganze Generation. Das Stück polarisierte und inspirierte gleichermaßen: Schwule outeten sich, Aidskranke schöpften Mut. Kushers Metaphern wurden zum meistkopierten Gedankengut des modernen US-Theaters, bis heute wird "Angels" an High Schools gelehrt und gehört zum Repertoire jeder ehrgeizigen Provinzbühne.

Jetzt wird das Revival in New York gefeiert. Kein Wunder, denn das Amerika von 2010 ist dem von 1993 letztlich sehr ähnlich: Hoffnungsvisionen entpuppen sich als Mogelpackung, die Gesellschaft versinkt in Klassenkämpfen und Kulturkriegen, und der neue demokratische Präsident, damals Clinton, heute Obama, sieht sich mit scharfen Attacken von Rechts konfrontiert.

"Lasst uns über etwas reden, das wichtig ist"

Auch Amerikas Schwule und Lesben müssen nach wie vor um ihre Rechte kämpfen und sich dieser Tage sogar wieder neuen Anfeindungen erwehren, während das Weiße Haus sie hinhält. "In jeder Hinsicht", schreibt "Newsweek" über das Revival am Broadway, "hat 'Angels' noch einiges zu tun."

Das zeigt sich auch an dem Wirbel um Zachary Quinto, der jetzt den an Autor Kushner angelehnten Hauptcharakter Louis spielt. Der 33-jährige Hollywood-Star, bekannt aus dem TV-Erfolg "Heroes" und dem "Star Trek"-Remake, in dem er Spock spielte, bewegt kreischende Teenie-Fans wie Klatschreporter: Ist er schwul oder nicht? Er würde lieber übers Politische als das Private sprechen, antwortete er der "New York Times": "Lasst uns über etwas reden, das wichtig ist."

Auch Kushner wusste aber, dass das Politische und das Private selten zu trennen sind. So steht sein "Angels"-Schurke Roy Cohn, Alter Ego des erzkonservativen Washington-Anwalts gleichen Namens, klar für die Abgründe von Mensch und Macht. Den - realen - Aidstod Cohns dramatisiert Kushner zum Sinnbild einer Scheinheiligkeit, die Amerikas Power-Zirkel auch heute noch beherrscht, in "Angels" aber, so viel Optimismus muss sein, letztlich der Kraft des Guten unterliegt.

In der von der Kritik gelobten TV-Mini-Serie von "Angels in America", die der Pay-Sender HBO 2003 ausstrahlte, erspielte sich Al Pacino als Cohn einen Golden Globe und einen Emmy, Meryl Streep wurde als Mormonenmutter Hannah Pitt ausgezeichnet. Die Neuinszenierung auf der Bühne hat weniger große Namen, aber dieselbe große Botschaft: "Solche Revivals stellen uns die Frage", sagt Joe Mantello (der Louis von 1993), "was aus unserem Verantwortungsgefühl füreinander geworden ist."



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Gerixxx 31.10.2010
1. Wow
Zitat von sysopAids, Homophobie, Armut, Ignoranz, Gier: Das Theater-Epos "Angels in America" rechnet gnadenlos mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums ab - und feiert derzeit am Broadway einen Riesenerfolg. Dabei ist das Stück schon fast 20 Jahre alt, aber immer noch höchst brisant. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,725534,00.html
...das klingt nach richtig gutem Theater - oder ist es ein Schlaglicht auf etliche Spiegeldiskurse zu "amerikanischen Themen" mit originärer Beteiligung ?
libertarian, 31.10.2010
2. wunderbar
Zitat von sysopAids, Homophobie, Armut, Ignoranz, Gier: Das Theater-Epos "Angels in America" rechnet gnadenlos mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums ab - und feiert derzeit am Broadway einen Riesenerfolg. Dabei ist das Stück schon fast 20 Jahre alt, aber immer noch höchst brisant. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,725534,00.html
Ah. Das ist doch eine wahre Freude, an einem sonnigen Sonntagmorgen mal wieder einen echten Pitzke bei der Onlinelektuere der gesammelten Scheusslichkeiten vorzufinden: "Reagan-Horror" und "US-Zensoren". Ja gehts vielleicht dann doch noch eine Nummer kleiner? Was Sie mit Reagan und unserem Land ansich haben, ist das eine, aber "US-Zensoren" ist eine Frechheit. Klingt aber eben reisserisch und bestaetigt bestehende Vorurteile. Und klingt auch schoen offiziell, als ob unsere Bundesregierung hier Theaterstuecke von irgendwelchen nut cases zensieren wuerde. Zur Aufklaerung: es gab da wohl einen Desput an irgeneiner unbedeutenden katholischen Universitaet. Wahrlich keine "US-Zensoren", oder? Und wenn es um die Frage geht, wann Schulkinder alt genug sind, sich solchen Stoff anzusehen/zu lesen, wuerde ich sagen: moeglichst frueh. Solche Stuecke sagen naemlich eigentlich mehr ueber die selbsternannten "Sozialkritiker" aus, als ueber unser wunderbares, kompliziertes, diverses und freies Land. Bin mal gespannt, ob die "BRD-Zensoren" dies durchlassen...
libertarian, 31.10.2010
3. nochn versuch
Zitat von sysopAids, Homophobie, Armut, Ignoranz, Gier: Das Theater-Epos "Angels in America" rechnet gnadenlos mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums ab - und feiert derzeit am Broadway einen Riesenerfolg. Dabei ist das Stück schon fast 20 Jahre alt, aber immer noch höchst brisant. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,725534,00.html
Ah. Das ist doch eine wahre Freude, an einem sonnigen Sonntagmorgen mal wieder einen echten Pitzke bei der Onlinelektuere der gesammelten Scheusslichkeiten vorzufinden: "Reagan-Horror" und "US-Zensoren". Ja gehts vielleicht dann doch noch eine Nummer kleiner? Was Sie mit Reagan und unserem Land ansich haben, ist das eine, aber "US-Zensoren" ist eine Frechheit. Klingt aber eben reisserisch und bestaetigt bestehende Vorurteile. Und klingt auch schoen offiziell, als ob unsere Bundesregierung hier Theaterstuecke von irgendwelchen nut cases zensieren wuerde. Zur Aufklaerung: es gab da wohl einen Desput an irgeneiner unbedeutenden katholischen Universitaet. Wahrlich keine "US-Zensoren", oder? Und wenn es um die Frage geht, wann Schulkinder alt genug sind, sich solchen Stoff anzusehen/zu lesen, wuerde ich sagen: moeglichst frueh. Solche Stuecke sagen naemlich eigentlich mehr ueber die selbsternannten "Sozialkritiker" aus, als ueber unser wunderbares, kompliziertes, diverses und freies Land. Bin mal gespannt, ob die "BRD-Zensoren" dies durchlassen...
libertarian, 31.10.2010
4. 3. Versuch
Zitat von sysopAids, Homophobie, Armut, Ignoranz, Gier: Das Theater-Epos "Angels in America" rechnet gnadenlos mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums ab - und feiert derzeit am Broadway einen Riesenerfolg. Dabei ist das Stück schon fast 20 Jahre alt, aber immer noch höchst brisant. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,725534,00.html
Ah. Das ist doch eine wahre Freude, an einem sonnigen Sonntagmorgen mal wieder einen echten Pitzke bei der Onlinelektuere der gesammelten Scheusslichkeiten vorzufinden: "Reagan-Horror" und "US-Zensoren". Ja gehts vielleicht dann doch noch eine Nummer kleiner? Was Sie mit Reagan und unserem Land ansich haben, ist das eine, aber "US-Zensoren" ist eine Frechheit. Klingt aber eben reisserisch und bestaetigt bestehende Vorurteile. Und klingt auch schoen offiziell, als ob unsere Bundesregierung hier Theaterstuecke von irgendwelchen nut cases zensieren wuerde. Zur Aufklaerung: es gab da wohl einen Desput an irgeneiner unbedeutenden katholischen Universitaet. Wahrlich keine "US-Zensoren", oder? Und wenn es um die Frage geht, wann Schulkinder alt genug sind, sich solchen Stoff anzusehen/zu lesen, wuerde ich sagen: moeglichst frueh. Solche Stuecke sagen naemlich eigentlich mehr ueber die selbsternannten "Sozialkritiker" aus, als ueber unser wunderbares, kompliziertes, diverses und freies Land. Bin mal gespannt, ob die "BRD-Zensoren" dies durchlassen... dies ist Versuch Nummer 3. Wer anderen Leuten offizielle Zensur vorwirft, sollte sich ueber sture Reaktionen nicht wundern. Ich werde das hier solange schicken, bis mich die Spiegelnzensoren verklagen oder meine berechtigte Kritik abdrucken. Es waere sowieso an der Zeit, den Presserat mal einzuschalten, wie beim "SPIEGEL" seit Jahren tendenzioes und hasserfuellt Volksverhetzung betrieben wird.
johndoe2 31.10.2010
5. .
Zitat von sysopAids, Homophobie, Armut, Ignoranz, Gier: Das Theater-Epos "Angels in America" rechnet gnadenlos mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums ab - und feiert derzeit am Broadway einen Riesenerfolg. Dabei ist das Stück schon fast 20 Jahre alt, aber immer noch höchst brisant. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,725534,00.html
Das dritte Millennium begann mit dem 1. Januar 2001 und ist neun Jahre und zehn Monate alt.
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