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Bröckelndes Humor-Denkmal: Großhirn an Otto - aufhören!

Von Peter Luley

Seit fast einem Vierteljahrhundert ist Otto Waalkes nichts Neues mehr eingefallen - aber leider tritt er immer noch unverdrossen auf. Zu seinem 60. Geburtstag am 22. Juli die besten Wünsche. Und ein Appell, endlich vom Jodeln und Hoppeln abzulassen.

Klar, Otto war mal witzig. Wenn man auf YouTube Ausschnitte aus frühen Bühnenshows anschaut oder in seiner Plattensammlung kramt, fällt einem wieder ein, was den Ostfriesenkomiker einst auszeichnete: unbändige Energie, Tempo, sogar ein gewisser anarchischer, satirischer Biss. Wer den spiddeligen Quirl durch Sketche wie "Der menschliche Körper" ("Großhirn an Faust: ballen!") toben sieht, muss bis heute mindestens schmunzeln. Und auch die Schlagerparodie "Dänen lügen nicht" oder die "Hänsel und Gretel"-Variationen im Stil der Neuen Deutschen Welle entfalten noch ihren Charme.

Dazu kommt natürlich die Erinnerung an die eigene kindliche Otto-Rezeption: Nummern wie die Komposita-Blödelei "Was hast denn du da angestellt, mit dem, was ich da aufgestellt ..." gehörten in den Achtzigern schließlich zum Standard-Repertoire auf bunten Abenden in Schullandheimen oder auf Skifreizeiten. Schlimmer noch: Das Nachahmen Ottos kehliger Knödellaute ("Jaaaa!") war seinerzeit genauso weit verbreitet wie die Bezeichnung des männlichen Geschlechtsorgans als "Schniedelwutz". Otto Waalkes' prägender Einfluss kann also gar nicht angezweifelt werden.

"Der Weiher trüb, die Luft ist rein - Franz Josef muss ertrunken sein"

Nur ist die Zeit, da all das frisch und frech war, eben fast ein Vierteljahrhundert her. Der erste, von Otto selbst initiierte Konzertmitschnitt (aus dem Hamburger Audimax) datiert gar vom September 1972; in dasselbe Jahr fiel die Gründung seines Labels Rüssl Räckords. Ebenfalls bereits in diesen frühen Tagen machte er die Bekanntschaft des 2006 verstorbenen Dichters Robert Gernhardt, der mit seinen Autorenkollegen von der Neuen Frankfurter Schule ("Pardon", "Titanic") bis in die Achtziger hinein zu Ottos Gaglieferanten gehörte. Zehn LPs und ebenso viele TV-Shows realisierte der gebürtige Emder bis 1985; im selben Jahr kam auch sein sensationell erfolgreicher erster Kinofilm heraus.

Ungefähr seitdem ist Otto nichts Neues mehr eingefallen. Was allerdings leider nicht dazu geführt hat, dass er nichts mehr produziert hätte. Während sein Publikum von einst in der Zwischenzeit mehr oder weniger erwachsen, zumindest aber älter geworden ist, scheint Otto zur ewigen Pubertät verdammt. In seinem Frühwerk dezent vorhandenes politisches Ketzertum, das sich in lustigen Reimen wie dem auf Franz Josef Strauß gemünzten Vers "Der Weiher trüb, die Luft ist rein - Franz Josef muss ertrunken sein" äußerte, ist längst verschwunden. Und natürlich ist auch der gesellschaftliche Kontext ein radikal anderer: Dass Otto sich einst für seinen Scherz über einen Papst-Selbstmord ("ja, wenn man sich beruflich verbessern kann") bei Bundeskanzler Helmut Schmidt entschuldigen musste, erscheint heute unglaublich - und verdeutlicht eben auch nur, wie lang es her ist, dass er Aufregerpotential hatte.

Dessen ungeachtet jodelt und kräht sich Otto weiterhin zipfelbemützt durch sein Material; im Kino hoppelte er zuletzt als Gnom "Bubi" durch die platten Märchenparodien "7 Zwerge - Männer allein im Wald" (2004) und "7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug" (2006). Da materielle Not als Motiv ausgeschlossen werden kann, muss es wohl zweifelhafter sportlicher Ehrgeiz sein, der den Barden dazu treibt, die Vermarktungsmaschinerie für sein selbstgezeichnetes Wappentier, den "Ottifanten", so lange wie möglich am Laufen zu halten. Vielleicht gepaart mit dem klassischen Künstlerdrama des Gefangenseins in der eigenen Rolle, des Nicht-Loslassenkönnens.

Dass immer weniger Leute sich für seine immer schaleren Kalauer begeistern, ficht ihn augenscheinlich nicht an. Anhand seiner Kinofilme lässt sich der Niedergang gut nachvollziehen: "Otto - der Film", das Debütwerk von 1985, war eine liebevoll gemachte romantische Komödie, die in Gesamtdeutschland sagenhafte 14,5 Millionen Zuschauer ins Kino lockte - und damit bis heute, vor dem "Schuh des Manitu", als erfolgreichster deutscher Nachkriegsfilm firmiert. Die vier Sequels boten dann nur noch fades Aufwärmen der bekannten Zutaten. Die Zuschauerzahlen sanken auf immer noch beachtliche 6,5 Millionen beim zweiten Film (1987) über 4,5 Millionen beim dritten ("Otto - der Außerfriesische", 1989) und 2,8 Millionen beim vierten ("Otto - der Liebesfilm", 1992) auf schließlich nur noch eine Million beim "Katastrofenfilm" (2000).

Wie alt bist du denn, mein Mädchen? - Sieben - Und was möchtest du mal werden? - Acht"

Traurig und symptomatisch, wie in Letzterem mittels digitaler Technik Ottos erwachsenes Gesicht auf einen Babykörper montiert wurde - eine Infantilität, die eher an einen Horrorfilm als an eine Komödie erinnerte. Und bei Dialogwitzen à la "Wie alt bist du denn, mein Mädchen? - Sieben. - Und was möchtest du mal werden? - Acht." macht sich heute allenfalls Mitleid breit. Ganz zu schweigen von Kalauern wie "Ich bin kein blinder Passagier, nur ein blonder". Geradezu bedrückend die Schlussszene des "Katastrofenfilms", in der Otto der 24 Jahre jüngeren Schauspielerin Eva Hassmann, die nach den Dreharbeiten seine zweite Ehefrau wurde, gesteht, er wolle mit ihr alt werden. "Aber Otto, du bist doch schon alt", entgegnet sie da gnadenlos.

Nun mag gegen das Ausbeuten einer etablierten Marke unter rein ökonomischen Gesichtspunkten nichts einzuwenden sein - im künstlerischem Kontext weckt es jedoch Skepsis und Befremden. Natürlich ist Otto diesbezüglich kein Einzelphänomen: Wohl nicht zufällig gemahnt seine konservierte Jugendlichkeit an die seiner ebenso verwitterten ehemaligen WG-Genossen Marius Müller-Westernhagen und Udo Lindenberg. Auch der ewige Samstagabend-Stenz Thomas Gottschalk fällt einem als ähnlich tragische Figur ein. Nur dass kreativer Stillstand im Genre Comedy noch beklemmender wirkt als bei alternden Rockstars oder Moderatoren.

Inzwischen ist Otto fernsehmäßig vor allem bei RTL zu Hause. Für die Saison 2008/09 hat der Sender die Ausstrahlung von Otto-Bühnenprogrammen und des zweiten Zwerge-Films angekündigt. "Happy Otto!" hieß der Abend, den RTL bereits vor sechs Wochen zu Ehren des Komikers ausrichtete - dem Titel zum Trotz eine eher traurige Veranstaltung, bei der Epigonen wie Christian Tramitz, Atze Schröder und Mario Barth sich an den Sketchen ihres Vorbilds vergingen.

Über den Gemütszustand des Privatmanns Otto kann hier keine Aussage getroffen werden. Vielleicht ist er ja mit sich im Reinen. Dem Künstler Otto aber, der im Herbst wieder auf Tournee geht, möchte man zum 60. Geburtstag wünschen, dass er sich eines Tages einfach am Erreichten freuen kann und den Absprung schafft vom erbarmungswürdigen "Holladihidi"-Gejodel und Gezucke. Denn das erfüllt nicht erst seit gestern den Tatbestand der Selbstdemontage.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 98 Beiträge
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1. Lästernder Otto-Kritiker: User an Spiegel - nicht hingehen!
Janosch57 20.07.2008
Zitat von sysopSeit fast einem Vierteljahrhundert ist Otto Waalkes nichts Neues mehr eingefallen - aber leider tritt er immer noch unverdrossen auf. Zu seinem 60. Geburtstag am 22. Juli die besten Wünsche. Und ein Appell, endlich vom Jodeln und Hoppeln abzulassen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,566769,00.html
Das mag ja alles sein. Aber soll der Mann doch machen, was ihm gefällt. Man MUSS ihm ja NICHT zuhören/zugucken ...
2. Armer Reporter mit writer's block
rwise, 20.07.2008
Tja, wenn einem als Reporter nichts mehr einfällt, dann macht man eben mal jemanden nieder. Wem ein Witzeerzähler Sorgen bereitet, der immer noch Millionen zum Lachen bringt, der ist wohl selber nicht ganz dicht. Klein und hutzelig sitzt er im Keller seiner Eltern und hofft, dass seine Meinung jemanden interessiert. Voll daneben.
3.
Schlüssel, 20.07.2008
Naja! Ein bischen mehr könnte sich Otto schon mal wieder einfallen lassen. Vielleicht sollte er sich mal ein paar gute Ghostwriter besorgen. Sympathisch ist er immernoch.
4. Nunja
ABVJoGo, 20.07.2008
Stimmt schon, immer irgendwie ein und die selbe Leier. Aber wenn das zumindest ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, das selbst dem Kritiker passiert ist, dann ist es mehr als nur okay. Es gibt so wenig zu lachen, wenn man sich die Welt mit offenen Augen anschaut ... Otto - find ich gut! ;o)
5. Otto
helmutgoessnitzer 20.07.2008
Herr Kommentator, Ich bin OttoFan, SpiegelFan, net ganz dumm,Ihr kurzes Leben lang haben Sie wohl die ironische Satire des Ottifanten , natuerlich! noch nicht erfasst!! - obwohl Sie wohl schon 1en Bart(h) haben müssen - liebe Grüsse an AugStein et al .....
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