Buback und Boock in der ARD Gefangene der Vergangenheit

"Fakten sind wichtiger als Reue." Das sagt Michael Buback - und will endlich erfahren, wer seinen Vater getötet hat, wie es geschah. Deshalb traf er gestern in der ARD den Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der noch sichtbar in seiner RAF-Biographie feststeckt. Eine außergewöhnliche Begegnung.

Von Reinhard Mohr


Es ist ein Drama besonderer Art, das ein wenig an den Beginn von Shakespeares "Hamlet" erinnert: Der Sohn will endlich wissen, wer seinen Vater ermordet hat. In diesem Fall geht es um den früheren Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der am 7. April 1977 einem terroristischen Anschlag der RAF zum Opfer fiel.

Deshalb und nur deshalb hat sich gestern Abend Michael Buback, Professor für physikalische Chemie in Göttingen, mit Peter-Jürgen Boock in ein Fernsehstudio des Norddeutschen Rundfunks gesetzt. Titel der außergewöhnlichen ARD-Sendung: "Das Opfer und der Täter".

Boock, Buback, Herres, Aust (v.l.): Reflex der Bunkermentalität im Studio
NDR / Marcus Krüger / DDP

Boock, Buback, Herres, Aust (v.l.): Reflex der Bunkermentalität im Studio

Das einstige RAF-Mitglied, wegen mehrfachen Mordes von 1981 bis 1998 in Haft, hatte im SPIEGEL-Interview dieser Woche nahegelegt, nicht Christian Klar, sondern Stefan Wisniewski habe Buback und seine zwei Begleiter erschossen. Zuvor schon gab es zwischen Boock und Buback mehrere ausführliche Telefongespräche, deren Kernaussagen Buback öffentlich machte.

Daraufhin hat gestern auch die amtierende Generalbundesanwältin Harms ein Ermittlungsverfahren gegen Wisniewski eingeleitet und so die entscheidende Frage gleichsam ganz offiziell gestellt: Läuft ein dreifacher Mörder, der vor beinah zehn Jahren aus der Haft entlassen wurde, womöglich frei herum?

Warum geriet Wiesniewski, Deckname "Fury", trotz mehrerer belastender Aussagen von RAF-Mitgliedern gegenüber den Behörden, bisher nicht ins Fadenkreuz der Buback-Ermittler?

Und: Warum das alles jetzt?, könnte man hinzufügen – genau jetzt, mitten in der Debatte um die Begnadigung von Christian Klar, mitten in einer neuen Phase deutscher Vergangenheitsbewältigung, bei der die Motive, Geschichten und Personen wild durcheinanderwirbeln?

Nicht zuletzt: Warum sind die einstigen RAF-Helden, deren seitenlange "Bekennerschreiben" damals gar nicht ausführlich genug sein konnten, eigentlich zu feige, zu ihrer persönlichen Verantwortung zu stehen? Wann bricht ihr jämmerliches Schweigen?

Boocks Glaubwürdigkeit muss umstritten bleiben

Man sah Michael Buback gestern Abend an, wie groß die Last ist, die er durch Klarheit über den Tatverlauf zu mindern hofft. Tapfer, aber sehr angespannt beharrte er, auch gegen Kritik von Freunden, auf seinem zentralen Motiv: Zu wissen, was war, wer es war und wie es geschah, um "Ruhe, inneren Frieden zu finden".

Zwischen anhaltender Trauer und einer gewissen Euphorie – "am Anfang habe ich sogar ein bisschen gestottert" – sucht Buback den Weg in die Wahrheit, die befreiend wirken kann. "Fakten sind wichtiger als Reue", sagt der Chemieprofessor und hofft, der entscheidenden Information "jetzt näher zu sein" als zuvor.

Doch bei aller Gesprächsgeneigtheit gegenüber dem alten Kumpanen der Mörderbande seines Vaters formuliert Buback auch Zweifel an Boocks Version und zitiert zwei alte Zeugenaussagen, wonach eine Frau auf dem Motorrad gesessen haben könnte, von dem aus die tödlichen Schüsse abgegeben wurden. RAF-Frau, Verena Becker, hatte nach Informationen des SPIEGEL schon 1982 dem Verfassungsschutz zu Protokoll gegeben, Stefan Wiesniewski habe geschossen. War das nur eine Schutzbehauptung?

Wie glaubwürdig der späte "Kronzeuge" Boock ist – "die haben’s mir in Amsterdam gesagt" –, das muss umstritten bleiben. Gelogen hat er schon häufiger, vor Gericht und gegenüber linken und liberalen Sympathisanten, die ihm in den achtziger Jahren, als er im Gefängnis saß, beistehen wollten.

"Er taktiert mit der Wahrheit"

"Boock tut sich mit der Wahrheit schwer", sagte der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger, über den Boock den Kontakt mit Buback aufgenommen hatte, in einer anderen NDR-Sendung des Abends. "Er taktiert mit der Wahrheit."

Nein, nie habe er geschossen, "kein Blut" klebe an seinen Händen – so hatte er jahrelang die gutgläubigen Helfer beschworen, darunter die Pastoren Albertz und Gollwitzer. Später stellte sich heraus: Neben anderen RAF-"Aktionen", wie er die Attentate nennt, war er auch an der Schleyer-Entführung am 5. September 1977 direkt beteiligt – und er hat geschossen, das heißt, gemordet.

Peter-Jürgen Boock war 17, als er im Juni 1969 Andreas Baader kennenlernte. Boock war "Fürsorgezögling" im nordhessischen Rengshausen, ein "Schwererziehbarer", wie das damals hieß, der im "Burschenheim Beiserhaus" eingesperrt war – nur eine triste Station dieser Art unter anderen. Baader, nur acht Jahre älter, markierte da schon längst den linken Dandy aus München mit den radikalen Sprüchen, der abgewetzten Lederjacke und dem flotten weißen 220-SE-Mercedes.

Zusammen mit Gudrun Ensslin nahm er den Heimzögling Boock im Frankfurter Westend unter seine Fittiche. Der "verliebte" sich regelrecht in seinen neuen "Vater". Sein leiblicher Erzeuger, vor dem er mehrfach floh, war Wehrmachtssoldat gewesen und ein "überzeugter Nazi"; er trank und schlug seinen Sohn. So erzählt es jedenfalls Boock.

"Es tut mir unendlich leid, was geschehen ist"

Deshalb war es womöglich kein Wunder, dass die spätere RAF seine neue Heimat wurde. 1969/1970 wohnte er mit Baader und Ensslin in einer Wohngemeinschaft, die ihr Domizil in einer schönen großbürgerlichen Villa in der Freiherr-vom-Stein-Straße, eine der feinsten Adressen Frankfurts, aufgeschlagen hatte.

Es war die Zeit der linken "Heimkampagne", jener Bewegung gegen die autoritären und unmenschlichen Zustände in den "Fürsorgeanstalten" der Republik, an der sich schließlich auch Ulrike Meinhof beteiligte.

Als Boock zweieinhalb Jahre später, im Juli 1972, im Fernsehen die Verhaftung Baaders verfolgte, war für ihn klar: "Die haben mich rausgeholt, also hole ich sie raus. Darüber habe ich keine Sekunde nachgedacht." Fünfzehn Jahre später, 1987, verurteilte ihn das Oberlandesgericht Stuttgart zu lebenslanger Haft wegen sechs Morden und vier Mordversuchen.

Es brauchte mehrere Anläufe von Moderator Volker Herres, bis Boock gestern Abend immerhin etwas von seinen "Empfindungen" preisgab : "Es tut mir unendlich leid, was geschehen ist, allein, ich kann es nicht rückgängig machen." Mit Verlaub, es klang ein bisschen auswendig gelernt. Ja, es sei schwer und brauche lange Jahre, sich die "eigene Unvernunft" und den "Größenwahn" von vor dreißig Jahren einzugestehen.

Boock - immer noch unfrei und im Ungefähren

Doch immer wieder fällt auch er unwillkürlich in den alten Jargon der pseudorevolutionären Abstraktion zurück, die zum mörderischen Pragmatismus wurde – wenn er etwa von "Schleyer als Vorschlag" spricht, über den die Terroristen schon ein Jahr vor dem Mord im jemenitischen Aden diskutierten - samt der Frage: "Wer macht's, wer hat welche Schießausbildung?"

Nein, es war kein wirklich befreiendes Gespräch, und die Bemerkung von SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust, der als RAF-Experte eingeladen war, über die "Bunkermentalität" und wahnhafte Selbstbezüglichkeit der deutschen Terroristen fand ihren Reflex selbst im Fernsehstudio.

Denn auch Peter-Jürgen Boock, der sich scheinbar mehr als die meisten anderen von seiner RAF-Biografie gelöst hat, bleibt noch sichtbar in ihr gefangen, immer noch unfrei und wohl auch deshalb weitgehend im Ungefähren, teils Phrasenhaften und Wohlfeilen verharrend. Währenddessen klammert sich Michael Buback an den seidenen Faden der Hoffnung, das schreckliche Knäuel doch noch entwirren zu können.

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
val-val 26.04.2007
1. Fakten sind wichtiger als Reue ?
Eigentlich war ich neugierig auf die Meinung von anderen, da ich selber ziemlich sprachlos bin.
swex 26.04.2007
2. Vieraugengespräche statt öffentlicher Showauftritte
Ich verstehe bei der derzeitigen Debatte nicht, weshalb sie partout über die Öffentlichkeit ausgetragen werden muss. Wie kann es der Wahrheitsfindung mehr dienen, wenn sich der Sohn eines Ermordeten mit einem potenziellen Mittäter live im Fernsehstudio austauscht? Wäre nicht das Vieraugengespräch vertrauter, das moderierte Vieraugengespräch zielführender? Für mich ist das alles eine schlechte Show und ich unterstelle auch Herrn Buback jr. Geltungssucht (die Öffentlichmachung der Boock-Aussagen vor seinem Gespräch mit dem Bundespräsidenten waren ein erster hinweis hierauf).
Wolfram, 26.04.2007
3. Forum für BooK?
Zitat von sysop"Fakten sind wichtiger als Reue." Das sagt Michael Buback - und will endlich erfahren, wer seinen Vater getötet hat, wie es geschah. Deshalb traf er gestern in der ARD den Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der noch sichtbar in seiner RAF-Biographie feststeckt. Eine außergewöhnliche Begegnung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,479521,00.html
Ich empfinde es als Skandal, daß Leuten wie Book ein öffentliches Forum zur Prime Time in der ARD gewährt wird. Das Anliegen des Herrn Buback um Wahrheitsfindung in allen Ehren, aber das muß doch nicht in aller Öffentlickeit im Fernsehen breitgetreten werden. Ich habe diese Sendung bewußt n i c h t angesehen.
David Meerbusch, 26.04.2007
4. Bitte mehr Abstand
"...eigentlich zu feige, zu ihrer persönlichen Verantwortung zu stehen? Wann bricht ihr jämmerliches Schweigen?" Das ist schlechter Stil. So sollte nicht berichtet werden. Und, egal wie man zu diesen Menschen steht, sie haben immerhin ihr Leben riskiert. Feige ist das sicher nicht. Ich wünsche mir von einem Nachrichtenmagazin mehr Distanz. Um Persönliches auszudrücken gab es einmal den "Kommentar". Der Spiegel wird hoffentlich kein Blogger-Magazin
chrimi, 26.04.2007
5. Das Opfer und der Terrorist
Ich finde Ihren Bericht über das höchst interessante Gespräch in der ARD nicht angemessen. Boock habe sich nicht von seiner RAF-Biografie gelöst, heisst es da. Ja bitte, wie soll man sich von der eigenen Biografie denn lösen? Wer hat so etwas jemals vollbracht? Dass Boock immer wieder in den RAF-Jargon zurückfalle, ist auch reichlich manipulativ formuliert. Boock "fällt" nicht zurück, er blickt zurück, und er benutzt Begriffe der RAF, um über die RAF aufzuklären. An mehreren Stellen der Sendung hat er deutlich sein Unbehagen darüber gezeigt, diese Begriffe in den Mund zu nehmen, was er aber muss, wenn er berichten will, wie es sich nunmal zugetragen hat. Und wass die Empfindungen betrifft, auf denen das heutige Emotions-TV so gerne herumreitet ("Wie fühlt es sich an, bla bla..."), so hat Boock sicherlich ebenso viel davon gezeigt, wie Herr Buback. Für beide geht es nicht um einen Seelenstriptease, um Träenenausbrüche, Reueschwüre und andere Elemente des Unterschichtenfernsehens, sondern um Aufklärung, und daher schickt es sich auch nicht, allerprivatestes Einblicke zu erwarten. Wer genau hinspürt, kann die Bewegungen dahinter gut genug erkennen. Auch wenn unsere Sympathie natürlich zunächst dem Opfer gilt: ich fand es von beiden sehr mutig, diesen Schritt in die Öffentlichkeit zu machen, vielleicht ein bisschen mutiger sogar von Peter-Jürgen Boock, der ja wenig Positives für sich von einem solchen Auftritt zu erwarten hat (allenfalls vielleicht, dass man ihn als Mensch und nicht als Monster wahrnimmt) und, wenn man die Aussagen vergleicht, der im Gegensatz zu Siegfried Buback auch keine Hoffnung hat, mit dieser Vergangenheit jemals abschliessen zu können. Stefan Aust hatte recht (das zeigt ironischerweise gerade dieser unausgewogene Artikel auf Spiegel Online), es wird noch Jahrzehnte dauern, bis Deutschland dieses Trauma überwunden hat.
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