Bublath geht in Rente Abschied eines Allwissenden

Wenn er zum Feuerzeug griff, zitterten die Fernsehchefs um ihre Studios: Joachim Bublath war mehr als 22 Jahre lang der Top-Wissenschaftler und Extrem-Experimentator unter Deutschlands TV-Moderatoren. Jetzt ist er abgetreten - ohne jeden Knalleffekt.

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Keinem ist es jemals so gut gelungen, staubtrocken, skurril, bierernst und doch irgendwie lustig zu sein - geschweige denn alles zugleich. Egal, was Joachim Bublath während seiner berühmten "Knoff Hoff Show" zwischen 1986 und 1999 auch um die Ohren geflogen ist: Er schien sich von Stichflammen, Verpuffungen und umherfliegenden Raketen ungefähr so bedroht zu fühlen wie der Andromedanebel von einem Staubkorn. Jetzt ist Sendeschluss für den 64-Jährigen, zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Am gestrigen Mittwochabend sendete das ZDF die letzte Folge von "Joachim Bublath".

Es war ein seltsam unspektakulärer Abschied, vor allem gemessen an den Ansprüchen, die Bublath an sich und seine Sendung stellte. "Forschungsthemen noch umfassender darstellen und hinterfragen" lautete das erklärte Ziel der "Joachim Bublath"-Show vor deren Start am 14. Januar 2004. Doch schon in der ersten Folge - es ging um die bemannte Raumfahrt - gab es vor allem nett anzusehende Weltraum-Werbefilme. Die technischen Probleme der bemannten Raumfahrt wurden bestenfalls angerissen, geschweige denn die mit Verve geführten Diskussionen um Sinn und Unsinn der Allflüge.

Gestern nun ging es wieder um den Weltraum, allerdings eher ums Fundamentale. Die Sendung mit dem Titel "Das dunkle Universum" sollte dem Zuschauer die Dunkle Energie näher bringen. Die mysteriöse Kraft wurde noch nie direkt gemessen, obwohl sie der gängigen Theorie zufolge 74 Prozent des Alls ausmacht und dafür verantwortlich ist, dass sich das Universum immer schneller ausdehnt.

Was der Zuschauer aber vor allem sah, war die brutale Offenbarung des ZDF-Dilemmas, Wissenschaft in einem 30-Minuten-Korsett auf einen späten Sendeplatz stellen und damit irgendeine Zielgruppe erreichen zu wollen. In dem 20-minütigen Kosmologie-Crashkurs erfuhr man unter anderem, dass Licht mit einer bestimmten Geschwindigkeit dahinrast, dass es Jahrtausende von einem explodierenden Stern zur Erde unterwegs sein kann und dass Forscher dank dieser Tatsache bis an die Anfänge des Alls zurückblicken können.

Wer sich jemals auch nur ein wenig mit der Himmelsforschung beschäftigt hat, dürfte schnell gelangweilt abgeschaltet haben. Wer sich dagegen so wenig für Wissenschaft interessiert, dass er in solchen Beiträgen noch etwas Neues findet, dürfte sich kaum zu fortgeschrittener Stunde in eine Wissenschaftssendung verirren.

Das Problem ist auch Bublath offensichtlich bewusst. "Die ARD hat am Hauptabend überhaupt kein Wissenschaftsformat mehr, und unser Sendeplatz ist mit 22.15 Uhr auch nicht optimal", klagte der promovierte Physiker vor einigen Tagen im "Kölner Stadtanzeiger". "Um diese Zeit erreichen Sie nur noch Leute, die sich sowieso für diese Themen interessieren." Dann wiederum stellt sich die Frage, warum der Moderator diesem besser informierten Publikum nicht etwas mehr zutraut - und warum er nicht versucht, Grundlegendes anhand von neuen Entdeckungen zu erklären. "Das Spannende an der Wissenschaft ist, dass immer etwas Neues passiert", sagte Bublath selbst in seiner letzten Sendung.

Der Wissenschaftsjournalismus, den er gern einfordert - keine Sendung mit der Maus für Erwachsene, sondern das kritische Hinterfragen der Forschung - ist in Deutschland seit Jahren auf dem Vormarsch. Allerdings eher in Print- und Onlinemedien und nicht im Fernsehen, auch nicht im öffentlich-rechtlichen.

Wissenschaft und Technik, das betont Bublath immer wieder, sind in modernen Gesellschaften extrem wichtig und wirken in nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Auch dass die Industriegesellschaften seit gut zwei Jahrhunderten von wissenschaftlichen Ereignissen mindestens so stark geprägt wurden wie von politischen, ist eine eher schlichte Tatsache. Bublaths Pech: Seine Chefs scheinen sie nicht zu kennen. Deshalb kommt Wissenschaft in der "heute"-Sendung und der "Tagesschau" auch meist nur dann vor, wenn vorher im Bundestag darüber debattiert wurde. Oder wenn es ordentlich kracht und zischt, etwa beim Start von Weltraumraketen.

Deshalb konnte im zweiten Teil von Bublaths finaler Sendung durchaus Wehmut aufkommen. In rasender Geschwindigkeit zeigte der Moderator die Highlights seiner Karriere - 27 Jahre Arbeit als Wissenschaftschef beim ZDF, komprimiert auf zehn Minuten.

1984: Abholzung des Amazonas. "'Aus Forschung und Technik' war mittendrin im Geschehen", sagte die Stimme aus dem Off. Die Sendung lief damals noch zur Primetime, Montags um 20.15 Uhr.

1986: Der Halleysche Komet rast an der Erde vorbei, Bublath war live dabei.

Ebenfalls 1986: Die Tschernobyl-Atomkatastrophe, Bublath informierte über die Folgen des Fallouts.

1999: Die Sonnenfinsternis. Bublath leistete Großes, indem er stundenlang immer wieder erklärt, wie eine Sonnenfinsternis funktioniert.

Salti schlagende Ski-Akrobaten

Und natürlich gab es noch köstliche Bilder aus der "Knoff-Hoff-Show": Salti schlagende Ski-Akrobaten, wild durchs Studio rauschende Raketen, Explosionen auf den Tischen der Zuschauer. Nicht immer blickte das Publikum angstfrei drein.

Für das ZDF geht es nach Bublaths Abgang zurück in die Zukunft: Ab September wird es wieder "Abenteuer Forschung" geben - unter diesem Titel hatte schon Bublath ab 1989 seine Sendung moderiert. Vor der Kamera wird dann allerdings der Münchner Astrophysiker Harald Lesch, 47, stehen - selbst ein renommierter Wissenschaftler.

Bublaths letzte Sekunden im ZDF hätten passender kaum sein können: Der Moderator verschwand in einem Raumschiff. In einem virtuellen natürlich, animiert im Stil der Computerspiele der achtziger Jahre - als Computer noch Raritäten waren und Physiker in TV-Studios mit echtem Sprengstoff hantierten.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
flix79 06.03.2008
1. Wirklich schade ...
ich gönn' dem Dr. Bublath wirklich seine wohlverdiente Rente, find's aber trotzdem schade, dass er geht. Ohne ihn wird's wirklich ganz schön lau in Sachen Bildungsfernsehen. Aber ich freu' mich schon auf die neuen Folgen von "Abenteuer Forschung" mit Harald Lesch. Ich hoffe nur, das die Sendung dann zumindest auf dem Niveau von "Alpha Centauri" bleibt, und nicht auf ein Galileo-Niveau absackt.
Phantom, 06.03.2008
2. ein Titel
Früher war Knoff-Hoff die einzige Sendung, die wir als Kinder sehen durfte: Ein Höhepunkt der ganzen Woche ! Der feine Herr Bublath mit wechselnden attraktiven Assistentinnen: Zuerst die braunhaarige, dauergewellte Ramona Leiss, danach wurde sie gegen eine Blonde ausgetauscht. Fachlich war sie allerdings nicht so gut drauf, hatte ich immer den Eindruck. Weitere wichtige Elemente der sendung: der verrückte Professor mit seinen gefährlichen Elementen: Mehr als einmal wurden seine Augenbrauen und auch die wirren Haare abgefackelt, dann das blöde KnoffHoff-orchester und natürliche die vielen, vielen Experimente zum Lernen und Staunen !
Kodder 06.03.2008
3. Guter Mann zur falschen Zeit
Der Autor hat es schon perfekt formuliert: "Wer sich jemals auch nur ein wenig mit der Himmelsforschung beschäftigt hat, dürfte schnell gelangweilt abgeschaltet haben. Wer sich dagegen so wenig für Wissenschaft interessiert, dass er in solchen Beiträgen noch etwas Neues findet, dürfte sich kaum zu fortgeschrittener Stunde in eine Wissenschaftssendung verirren." Seit Jahrzehnten langweilen mich die ZDF-Wissenschaftssendungen mit dem Konzept der hübschen Computeranimation statt fundierter Information. Zu späterer Stunde wünsche ich mir detailiertere, ausführlichere Konzepte(s.u.) Großes aaaaber: Es ist ungemein wichtig für deren Fortbestand, das Wissenschaft populär gemacht wird. Darum gehören solche Sendungen in die Hauptsendezeit! Herrn Bublaths Verdienst in dieser Sache ist nicht hoch genug zu bewerten! Auf Herrn Prof. Lessch freue ich mich nur bedingt, das ZDF wird es wohl wieder "versauen". Was der Mann früher zu später Stunde drauf hatte, kann man hier erfahren: http://www.br-online.de/alpha/centauri/archiv.shtml Schade, dass diese Sendung vom BR gekippt wurde, ich hätte sie mir im Gegenteil lieber mit noch viel mehr Sendezeit gewünscht. Hoffen kann man ja mal Grüße Koder
norddunedain 06.03.2008
4. alternativen
``Der Wissenschaftsjournalismus, den er gern einfordert - keine Sendung mit der Maus für Erwachsene, sondern das kritische Hinterfragen der Forschung - ist in Deutschland seit Jahren auf dem Vormarsch. Allerdings eher in Print- und Onlinemedien und nicht im Fernsehen, auch nicht im öffentlich-rechtlichen.'' ganz so negativ sieht es jawohl nicht aus, oder dem autor ist die oeffentlich-rechtliche wissenschaftssendung ``nano'' nicht bekannt.
Tom Berger 06.03.2008
5. hoffen wir auf den Nachfolger
Zitat von sysopWenn er zum Feuerzeug griff, zitterten die Fernsehchefs um ihre Studios: Joachim Bublath war mehr als 22 Jahre lang der Top-Wissenschaftler und Extrem-Experimentator unter Deutschlands TV-Moderatoren. Jetzt ist er abgetreten - ohne jeden Knalleffekt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,539582,00.html
Ich fand Bublaths Moderationsstil immer sterbenslangweilig und besserwisserisch - er hätte schon längst einem anderen Platz machen sollen. Selbst unkaputtbare Formate wie die vom Ansatz her wirklich geniale Knoff-Hoff-Show konnte Bublath mit Leichtigkeit kaputt machen. Wie im Spiegel-Artikel angedeutet: Bublath vergraulte die Wissenschaftsinterssierten und schaffte es nicht, das Interesse der Uninteressierten zu wecken. Für Wissenschaft braucht man Leidenschaft und Begeisterung, und beides verstand Bublath meisterhaft zu verbergen.
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