Bücher vermarkten Bei Astrid Lindgren sah es so einfach aus

Ein Buch zu schreiben ist gar nicht so schlimm. Ein Buch zu verkaufen aber fühlt sich an, als wäre man ein Marathonläufer, der ins Ziel läuft und dem dann jemand sagt: "Häkeln Sie einen Topflappen!"

Lindgren-Heldin Pippi Langstrumpf
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Lindgren-Heldin Pippi Langstrumpf

Eine Kolumne von


Als ich ein Kind war, habe ich mir den Beruf der Autorin so vorgestellt, dass man irgendwie so ist wie Astrid Lindgren, wobei sich allerdings in meinem Gehirn die Synapsen für "Astrid Lindgren" und "Pippi Langstrumpf" so verbanden, dass ich mir Bücher schreiben im Großen und Ganzen so vorstellte, dass man ein großes Haus, ein Äffchen und ein Pferd hat, ab und zu einen Tee trinkt und auf der Terrasse sitzt und mit den Beinen rumbaumelt, und dabei kommt irgendwie ein Buch zustande.

Wie genau es zustande kommt, könnte ich immer noch nicht sagen. Man kommt ohne Äffchen und Pferd klar, so viel weiß ich jetzt, und der Rest ist wahrscheinlich individuell. In meinem Mailprogramm findet sich eine Mail, geschrieben einen Monat vor meinem theoretischen Abgabetermin, wo ich geschrieben habe: "Alter wie anstrengend ist bitte Buchschreiben, ich sterbe." Und eine befreundete Autorin antwortete: "Schreiben ist pillepalle. Das Ding verkaufen ist Horror".

Horror würd ich nicht sagen, aber was ist das für ein Job? Ausgerechnet in dem Moment, wo man genau das geschafft hat, woran man jahrelang gearbeitet hat und sich oder wem auch immer bewiesen hat, dass es offenbar geht, fängt man an, Dinge zu tun, die man nicht kann und die man per Berufswahl glaubte auf ewig umgangen zu haben, mit guten Gründen. Reden, Schminke, mit Barbies spielen.

"Was ist denn Ihr Plan mit Ihren Haaren?"

Für mein erstes Fernsehinterview zum Buch hab ich eine Meerjungfrau-Barbie geschenkt bekommen, sie war eine Requisite und hat lila Haare und das Interview war lustig und die Leute alle nett, aber seitdem laufe ich mit einem Ohrwurm rum von einem Satz aus "Alice in Wonderland": "We're all mad here". Es ist ein Satz, den die Grinsekatze zu Alice sagt, als Alice sagt, sie möchte nicht unter Verrückte kommen. "Oh, das kannst du wohl kaum verhindern", sagt die Grinsekatze. "Wir sind hier nämlich alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt." "Woher willst du wissen, dass ich verrückt bin?", fragt Alice. "Wenn du es nicht wärest", stellte die Grinsekatze fest, "dann wärest du nicht hier."

Es stimmt ja auch, es ist verrückt. Es gibt so viele Bücher und man könnte einfach die lesen, die schon da sind, statt neue zu schreiben. Immer diese Gier. Zur Strafe für die Gier muss man das Buch verkaufen, oder ist das auch noch die Gier? Vor dem dritten Fernsehinterview hab ich geträumt, ich vergesse einfach den Termin und fahre nicht nach Köln und sie ersetzen mich in der Sendung durch eine Bauarbeiterin in Jeansjacke, die die ganze Zeit breitbeinig dasitzt und dreckige Witze macht.

Als ich dann doch hingefahren bin, versuchte ich im Zug nochmal mein Buch zu lesen, um mich zu erinnern, was ich geschrieben habe. Bin eingeschlafen dabei. Mittelgute Werbung. Kurz nach dem Aufwachen fragte die Frau in der Maske: "Was ist denn Ihr Plan mit Ihren Haaren?" Hatte keinen Plan. Weiß jetzt, wie ich mit Flechtfrisur aussehe.

Buchverkaufen fühlt sich an, als wär man ein Marathonläufer, der ins Ziel läuft und dem dann jemand sagt: "Häkeln Sie einen Topflappen!", und es kann sein, dass er das kann, aber kann auch sein, dass nicht.

Margarete Stokowski
  • Rosanna Graf
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  • Margarete Stokowski, Jahrgang 1986, ist in Polen geboren und in Berlin aufgewachsen. Sie hat Philosophie und Sozialwissenschaften studiert und arbeitet seit 2009 als freie Autorin für "taz", "Missy Magazine", "L-Mag", "Zeit Online", "Das Magazin" und andere. Von 2012 bis 2015 schrieb sie die feministische Kolumne "Luft und Liebe" in der "taz". Im Herbst 2016 erschien ihr Buch "Untenrum frei" über sexuelle Freiheit im Rowohlt Verlag.
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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
ed_tom_bell 13.09.2016
1. Kreativ Schreiben: Nicht selten auch in den Wind
Kreative Arbeit ist tückisch. Man betreibt sie aus einem tiefen inneren Bedürfnis und einer Veranlagung heraus, ganz selbstverständlich, ohne das irgendwie infrage zu stellen oder sich groß Gedanken zu machen. Das ist es was man macht, wie atmen, essen, trinken und schlafen. Das alles kann sich gravierend ändern, wenn es daran geht damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Denn schreiben, malen, bildhauern, musizieren... zu können heißt noch lange nicht, dass man das Zeug auch an den Mann/die Frau bekommen kann. Das ist wieder ein anderes Talent, mit dem man als Kreativer nicht zwangsläufig gesegnet ist, ja das einem vielleicht sogar völlig wesensfremd ist. Und so kann es auch kommen, dass man am Kreativsein ganz neue Seiten entdeckt, es als Zwang zu empfinden und vielleicht sogar mit der Zeit zu hassen beginnt (ein ganz normaler psychischer Vorgang übrigens: Talent kann durch permanente Widerstände und Misserfolge verloren gehen). Da helfen auch die Freunde, Verwandten und Bekannten wenig, die es gut meinen und einem predigen man müsse kreativ sein, so im Sinne von, man habe der Welt gegenüber eine Verpflichtung. Vermutlich sagen sie das, weil sie es mal in einem Hollywood-Film so gehört haben. Das ist leider die Wahrheit über kreative Arbeit: Wenn keine ausreichende Nachfrage besteht, kann man davon nicht leben. Und diese Nachfrage muss man selbst irgendwie schaffen oder jemanden haben, der das für einen macht und einen dabei möglichst nicht gnadenlos über den Tisch zieht. Sonst wird man damit nicht glücklich. Als Mann ist mir allerdings bislang die Erfahrung einer Zöpfchenfrisur erspart geblieben.
i6lam 13.09.2016
2. Was ist DAS
für ein Luxusproblem? Lassen Sie es doch bleiben, wenn's keinen Spass macht. Das hätte Pippi vermutlich getan.
ackermart 13.09.2016
3. Also...
Pippi Langstrumpf hat ein Buch geschrieben und Margarete Stokowski soll es ihr vermarkten weil Pippi selber Eigenwerbung unter ihrem Niveau befindet, so viel hab >ich< ja nun sogar verstanden. Doch was das mit einer verrückten Grinsekatze und deren Flechtfrisur auf der Fahrt nach Köln zu tun hat, kriege ich nicht auf die Reihe gerückt. Aber eines könnte ich vielleicht doch beitragen, zum Geraderücken: Da Verrückte ja nicht wissen sollen, dass sie es sind, gilt auch in der Veterenärpsychiatrie der Umkehrschluss: Eine Katze - die es weiß, dass sie verrückt ist - ist es demnach nicht. Also weiß Pippi ganz sicher auch, dass sie das Buch gar nicht geschrieben hat, falls hier denn überhaupt von einem die Rede war und nicht nur von Margaretes Frisur, die man bei ihr nun von jetzt ab kaufen könne.
ed_tom_bell 13.09.2016
4. Ein Gruß aus dem Star-Trek-Universum?
Zitat von i6lamfür ein Luxusproblem? Lassen Sie es doch bleiben, wenn's keinen Spass macht. Das hätte Pippi vermutlich getan.
Luxusproblem? Ist es für Sie Luxus sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Sie sind Ihrer Zeit voraus.
astraperlt 13.09.2016
5.
Zitat von ackermartPippi Langstrumpf hat ein Buch geschrieben und Margarete Stokowski soll es ihr vermarkten weil Pippi selber Eigenwerbung unter ihrem Niveau befindet, so viel hab >ich< ja nun sogar verstanden. Doch was das mit einer verrückten Grinsekatze und deren Flechtfrisur auf der Fahrt nach Köln zu tun hat, kriege ich nicht auf die Reihe gerückt. Aber eines könnte ich vielleicht doch beitragen, zum Geraderücken: Da Verrückte ja nicht wissen sollen, dass sie es sind, gilt auch in der Veterenärpsychiatrie der Umkehrschluss: Eine Katze - die es weiß, dass sie verrückt ist - ist es demnach nicht. Also weiß Pippi ganz sicher auch, dass sie das Buch gar nicht geschrieben hat, falls hier denn überhaupt von einem die Rede war und nicht nur von Margaretes Frisur, die man bei ihr nun von jetzt ab kaufen könne.
War das nicht der Catch 22?
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