Sammler-Biografie Der Mann mit den Masken

Als Psychoanalytiker behandelte er James Dean, als Kunstsammler kaufte er afrikanische Fetische. Eine Biografie erzählt nun das spannende Leben des vor zwei Jahren gestorbenen Werner Muensterberger.

Lisa Zeitz

Als die Kunstjournalistin Lisa Zeitz am 16. September 2005 zum ersten Mal den Psychoanalytiker, Ethnologen, Professor für "Ethnopsychiatrie", den Sammler "primitiver" Kunst und Autor Werner Muensterberger in seinem New Yorker Appartement besuchte, wollte sie den damals 92-Jährigen "als Psychoanalytiker, der die Kunstsammler versteht", interviewen.

Muensterberger hatte 1993 sein vielbeachtetes Buch "Sammeln. Eine unbändige Leidenschaft. Psychologische Perspektiven" veröffentlicht. Doch aus dieser ersten Begegnung entstand erst eine Freundschaft, die bis zum Tod Muensterbergers im Jahr 2011 dauerte, und dann die Biografie seines Lebens "Der Mann mit den Masken - Das Jahrhundertleben des Werner Muensterberger".

Zeitz war sofort beeindruckt von dem "kleinen Mann im karierten Jackett", der ihr anbot, Deutsch mit ihr zu sprechen. Und beeindruckend war die "magische furchteinflößende Aura" seiner Wohnung mit unheimlichen Masken und Fetischen, einem "rußschwarzem Relief aus Pavianschädeln und Knochen", einem mannshohen "schlanken, kopflosen Torso mit langem Phallus" und einem verzweigten Wurfmesser aus dem Kongo. Seine Sammlung sei das nicht, so Muensterberger, "das sind nur ein paar Sachen, die mir gefallen. Die Ästhetik ist wichtig".

Nacktbaden vor dem Baron

An diesem ersten Tag ihrer Begegnung bekam Zeitz nicht nur Auskunft über das Sammeln, frühkindliche Traumata und warum eine Sammlung "nie eine glückliche Liebe ist". Zeitz hörte auch Geschichten von Muensterbergers Zeit an der Odenwaldschule. Und von seinem weitläufigen verwandten Onkel Eduard von der Heydt, den er als Kind zusammen mit seiner Mutter besuchte und der in ihm die Liebe zur Kunst, die Leidenschaft zum Sammeln "primitiver Kunst" und den Gefallen an einem Leben zwischen Wissenschaft, Künstlerbohème und exklusiver Gesellschaft weckte.

Von der Heydt hatte nicht nur eine der frühesten und größten Sammlungen außereuropäischer Kunst in Europa. Er kaufte später auch die damals schon bekannte Künstlerkolonie Monte Verità am Lago Maggiore, wo ihn der junge Muensterberger einige Jahre lang im Sommer besuchte - unter der Bedingung, dass er jeden Morgen vor dem Fenster des Barons nackt baden sollte.

Bei ihrem ersten Besuch lernte Zeitz auch Muensterbergers jungen, aus dem Tschad stammenden Gefährten Celestin Clamra kennen. Und es fielen viele Namen prominenter Personen, denen Muensterberger begegnet war - darunter Pablo Picasso und Andy Warhol, Walt Disney und James Dean, Klaus Mann und Bruce Chatwin.

Muensterberger wurde 1913 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie im westfälischen Hörde geboren. Viel Zeit verbrachte er bei seiner niederländischen Großmutter, deren Sprache er beherrschte. Als er 15 Jahre alt war, starb seine Mutter, was zu einer "reaktiven Depression" und zum "ersten Kontakt mit der Psychoanalyse" führte. Er kam in die Behandlung des "hervorragenden Analytikers" Karl Landauer und schrieb später: "Ich war 15, tief beeindruckt, und ich wusste, dass ich auch Analytiker werden wollte."

Ratenzahlung für eine Maske

Nach dem Abitur an der Odenwaldschule, einer Reise als 18-Jähriger nach Ägypten und Nigeria, studierte er ab 1934 in Berlin Ethnologie und Kunstgeschichte, ging oft ins Völkerkundemuseum und besuchte berühmte Sammler und Händler außereuropäischer Kunst. 1936 floh er vor den Nationalsozialisten nach Holland, wo sein Abitur nicht anerkannt wurde, und studierte und promovierte aus diesem Grund in der Schweiz.

In Amsterdam kaufte er für 35 Gulden, die er in sieben Monatsraten abzahlte, eine Guro-Maske von der Elfenbeinküste, die er bis an sein Lebensende behielt. Muensterberger überlebte die Besatzungszeit der Nazis, weil seine Freundin ihn versteckte. 1947 emigrierte er in die USA und wurde erfolgreicher Psychoanalytiker mit Patienten wie James Dean und Nelson Rockefeller. Er reiste einige Dutzend Male nach Afrika, lebte ab 1974 zehn Jahre lang mit seiner dritten Ehefrau in London und kehrte in die USA zurück, wo er weiter als Psychoanalytiker praktizierte.

Gern hätte man mehr über den privaten Muensterberger erfahren, der sich auch vor Zeitz hinter einer Maske versteckte. Woher nahm er sein enormes Selbstbewusstsein als junger Mann? War der Stolz auf seine intellektuellen Freunde und prominenten Bekanntschaften und seine Mitgliedschaft im berühmten Londoner Century Club gegenseitig? Und man würde auch gern von einem Psychoanalytiker wissen, der bisexuell, aber dreimal verheiratet war. Der in Marokko lieber von einem Luxushotel als von einem Zelt aus recherchierte und der seine Freundin verließ, die ihn jahrelang unter Lebensgefahr vor den Nazis versteckt hatte, und dessen erfolgreiche und kühle dritte Frau sich wahrscheinlich selbst aus Einsamkeit tötete. Und der seinen Vater kaum erwähnte, der deportiert und ermordet wurde.

Zu lesen ist allerdings, dass Muensterberger von einem deutschen Sammler als "sympathisches Schlitzohr" bezeichnet wurde. Und dass Louise Bourgeois ihn als "Namedropper" abtat, der "an sozialem Prestige, richissime und der englischen Aristokratie" interessiert sei. Dieser Mann bleibt aber auch in Zeitz' Biografie hinter seinen Masken versteckt.


Lisa Zeitz: Der Mann mit den Masken - Das Jahrhundertleben des Werner Muensterberger. Berlin Verlag, Berlin; 336 Seiten mit vielen Abbildungen; 24,99 Euro.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nvdh. 01.10.2013
1. Er war ein "Maskentier"
Zitat von sysopLisa ZeitzAls Psychoanalytiker behandelte er James Dean, als Kunstsammler kaufte er afrikanische Fetische. Eine Biografie erzählt nun das spannende Leben des vor zwei Jahren gestorbenen Werner Muensterberger. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/buch-von-lisa-zeitz-der-mann-mit-den-masken-ueber-werner-muensterberger-a-925343.html
So bezeichnete Werner Muensterberger sich einmal selbst, als wir uns ca. 1995 uber das Sammeln unterhielten. Ich kannte ihn seit 1958! Obwohl ein purer Hetero (ich) entwickelte sich Freundschaft zwischen uns. Sie blieb bis zu seinem Tod am 6. Marz 2011 bestehen. Zwei Tage zuvor telefonierten wir zum letzten Mal. Obwohl dem Tode schon sehr nahe, war seine erste Frage: "Ich bin noch da, wie gehts Deinem Knie?" (Arthrose). Werde ihn nie vergessen. Schön, wie Lisa ihn "analysiert" hat.
light 01.10.2013
2. der letzte Absatz kommt der Wahrheit nahe
Ich habe Herrn Muensterberger persönlich gekannt. Er konnte sich glänzend vermarkten. Im Zirkel der Kunstsammler, die von ihm gekauft hatten, sieht die Sache schon ganz anders aus. Dementsprechend war sein Ruf bei den Insidern ein ganz anderer. In der Selbstvermarktung war er aber ein Genie.
light 01.10.2013
3. der letzte Absatz kommt der Wahrheit nahe
Ich habe Herrn Muensterberger persönlich gekannt. Er konnte sich glänzend vermarkten. Im Zirkel der Kunstsammler, die von ihm gekauft hatten, sieht die Sache schon ganz anders aus. Dementsprechend war sein Ruf bei den Insidern ein ganz anderer. In der Selbstvermarktung war er aber ein Genie.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.