Architektur-Bildband: Vom Papier zur "Mir"

Von Lena Reich

Architektur-Bildband: Gagarin als Roboter Fotos
Philipp Meuser

Den Kosmos eroberten nicht nur sowjetische Raumfahrer, sondern auch russische Künstler und Architekten. Wie technischer Fortschritt die Phantasie beflügelte, zeigt ein neuer Bildband.

Am 12. April 1961 umrundete eine kleine Kugel aus Stahl mit dem Namen Wostok 1 die Erde. In ihr hockte der damals 27-jährige sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin und staunte über Wälder und Wolken, während der Bordlautsprecher sein Lieblingslied "Die Wellen des Amur" spielte. Nach 1 Stunde und 48 Minuten hatte die Erdanziehungskraft Gagarin wieder, und zum ersten Mal hatte ein Mensch die Erde in ihrer "Architektur" von oben gesehen.

Den sowjetischen Traum, den Kosmos zu beherrschen und bewohnbar zu machen, illustriert der Bildband "Architektur für die Russische Raumfahrt" von Philipp Meuser. Der Berliner Architekt und Verleger und ein deutsch-russisches Autorenteam präsentieren ein märchenhaftes Kaleidoskop der Weltraumkunst. In schillernden Bildern wird von der Entgrenzung der Künste im Angesicht eines unglaublichen Fortschrittswillens erzählt.

Anhand der Rakete zieht "Architektur für die Russische Raumfahrt" einen roten Faden von der Sowjetmoderne bis zur Kleinkunst. Hinter dem Einband in Pink warten Plakate, Abzeichen, Briefmarken. Wie bereits im "Pjöngjang" und "Moskau"-Führer demonstriert Meuser auch dieses Mal als Fotograf, wie unterhaltsam die Bildgeschichte des kommunistischen Russlands sein kann: Auf einem Mosaik wird aus dem christlichen Nimbus um das ovale Gesicht eines Mannes ein Raumfahrerhelm. Bei jedem Umblättern ist dieser prächtigen Ausgabe anzumerken, mit welch Lust und Leidenschaft gearbeitet und verlegt wird.

Wohnen in der Luft, die Erde für die Landwirtschaft

Lange Zeit bevor Gagarin und Dackel Laika in den Orbit geschossen wurden, hatte Einsteins Relativitätstheorie die Weltsicht revolutioniert und Künstler auf die Idee gebracht: Wenn Schwerkraft, Raum und Zeit zusammenhängen, wenn man es schafft, die Wolken zu durchbrechen, könnte doch vielleicht auch der Tod überwunden werden. Viele dieser Ideen nahmen die russischen Avantgardisten auf. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki 1917 stellten sie sich der Frage, wie sich die Unendlichkeit im Weltraum gestalten ließe. Sogenannte Architekturphantasien spiegelten die kosmische, klassenlose Gesellschaft. So erwog der Visionär Georgi Krutikow in dem Entwurf "Fliegende Stadt" von 1928, Wohnbauten in der Luft zu errichten, damit die Erde allein der Erholung und Landwirtschaft diene.

Nur ein Jahr später verlieh der von Stalin hochgelobte sowjetische Architekt Konstantin Melnikow dem "Rusakow-Arbeiterclub" eine magische Aura: Der klobige Beton der Balkonfassade wirkt federleicht.

Nach dem Tode Stalins begann ein neues Kapitel, auch in der russischen Raumfahrt. Mit dem Spruch "wenn wir sonst nichts ins All zu schießen haben, dann kann es auch ein Satellit sein" soll Chruschtschow den ersten "Erdtrabanten" Sputnik abgesegnet haben. Gefolgt von Gagarins Erdumkreisung wurde der Kosmos zum religiösem Kult: Da weht die sowjetische Flagge im Opaion einer Metrostation. Aus der Zirkusanlage in Kasan könnten Marsmännchen heraustreten, ebenso aus der sternenförmigen Kuranlage "Druschba", die wie ein Ufo über der steilen Küste an der Krim zu schweben scheint.

Ein Plakat von 1987 propagiert die "Mir" für die friedliche Eroberung des Weltalls durch die sowjetische Raumfahrt. Als "Monument für die Ewigkeit" triumphiert bis heute in Moskau ein 13 Meter hoher Gagarin in Gestalt eines Roboters. Erst vor einer Woche landete eine ISS erfolgreich in Kasachstan - von Baikonur aus werden noch immer Männer und Frauen ins All geschossen. Und noch immer erinnert das Innendesign an das der 82-jährigen Mir-Ingenieurin Galina Balaschowa, die für diesen Band erstmals über ihre "Kunst" spricht. Mittlerweile entwerfen nicht mehr Designer, sondern Kinder in Wettbewerben die Kosmonautenabzeichen.

Dass die Ballistik ihre Schattenseiten hat, davon möchten Meuser und seine Autoren nur wenig wissen. Sie stellen nur eine Kammer im Stadtmuseum Baikonur vor, die den Opfern der Unglücksfälle in der sowjetisch-russischen Raumfahrt gedenkt. Der Regisseur Veit Helmer kommt auch in dem Buch zu Wort, er drehte vor Ort und war "überrascht, als ich in Baikonur gesehen habe, mit welch' altmodischer Technik Raketen ins All geschossen werden". Die nazi-deutsche Raketenbasis auf der Ostseeinsel Usedom wird in dem Buch nur als quasi technischer Zwischenschritt zum Wettrüsten der Kalten Krieger genannt, welche Opfer der deutsche Raketenbau forderte, fehlt hingegen: kein Wort zu den Zwangsarbeitern in den Konzentrationslagern Peenemünde oder im Harz, von denen 20.000 bei der Produktion der V2 starben.


Philipp Meuser (Hg.): Architektur für die russische Raumfahrt - Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik - Pläne, Projekte, Bauten. DOM-Publishers, Berlin; 412 Seiten mit 366 Abb.; 78 Euro.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Eine iss...
Atlan1000 21.05.2013
...landete in Kasachstan... Wieviele ISS gibt es denn schon? Oder landete eventuell nur eine Kapsel statt einen Raumstation?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Buchtipp


Facebook