Kreative in Detroit: Motor aus, Musik an

Von Katja Kullmann

Detroit ist tot, ganze Stadtteile sind menschenleer. Um die ruinierte Autostadt wiederzubeleben, sollen jetzt Kreative kommen. Second Hand-Plattenhändler Brad Hales ist schon lange da. Er hebt die musikalischen Schätze seiner Heimat und nennt den Kunst-Hype schlicht "Bullshit".

Kreativ aus der Krise: Detroit ist tot, es lebe Detroit Fotos
Katja Kullmann

Gegenüber meinem Stamm-Liquor-Store (beim zweiten Besuch hieß es: "Ah, it's you again") betreibt Brad Hales seinen Laden: People's Records. Brad ist 37 Jahre alt, ein freundlicher Mann mit rotblonden Koteletten und Nickelbrille, und handelt mit gebrauchten Schallplatten, vor allem mit fourtyfives, kleinen Scheiben, die mit 45 Umdrehungen in der Minute laufen. Weltweit gibt es eine große Sammlergemeinde für den Rohstoff Musik in seiner traditionellen Form, auf Vinyl gepresst, und da Detroit nun einmal die Heimatstadt des prägenden Motown-Sounds ist, wenden sich vor allem Soul-Fans an Brad. Für seltene Stücke zahlen sie, je nach Zustand, mal acht, mal 35 Dollar, besonders Verrückte legen auch ein paar Hundert oder Tausend hin. Europäische Händler fahren an Orte wie Brads Plattenladen, um sich günstig mit rarer Ware einzudecken, und verkaufen die Sachen zu Hause oft für das Doppelt und Dreifache. Seit 2003 ist Brad im Geschäft. Manchmal geht es ihm auf den Geist, dass die Europäer seine Sachen mit Zuschlägen weiterverscherbeln. Gelegentlich bietet er besondere Perlen jetzt selbst im Internet an und holt die Gewinne heim nach Detroit.

Erst vor wenigen Wochen ist People's Records umgezogen, in den Midtown-Distrikt an der Woodward. Es ist der zweite Umzug innerhalb kurzer Zeit. Beim ersten Laden war die Miete plötzlich extrem gestiegen, "aus unerklärlichen Gründen, es war keine tolle Gegend", wie Brad sagt. In den zweiten Laden ist zu oft eingebrochen worden, "auch keine tolle Gegend". Jetzt residiert er mit seinen Schätzen nicht weit vom Uni-Campus entfernt, vor allem: direkt neben einem der wichtigsten Live-Musik-Clubs der Stadt, dem Magic Stick. Über zwei Stockwerke verteilt lagern die Scheiben, alphabetisch ist hier fast nichts geordnet, höchstens das Segment Jazz-LPs. Die Kundschaft scheint es nicht zu stören. Der Name People's Records hat sich weit herumgesprochen. Gerade erst sei ein Pärchen aus Japan da gewesen. Und drei Engländer natürlich. "Engländer kommen ständig. Vielleicht bist du schon welchen im Motown Museum begegnet?"

Unsortierte Platten mit grünlicher Kruste

Still blättern drei, vier junge Männer in verschiedenen Ecken durchs Vinyl. Brad empfiehlt mir das Regal "Sixties Soul". Das füllt eine ganze Wand, hat acht Etagen, auf jeder Etage sieben Boxen à ungefähr 200 Platten, was auf rund 11.000 Scheiben hinausläuft. Ich sage: "Oh ..." Daraufhin deutet Brad auf zwei Kartons, die am Boden stehen, übervoll, die Singles liegen ohne Hüllen darin, kreuz und quer, teils waagerecht aufeinander. "Wenn du direkt an der Quelle wühlen willst, dann nimm dir die hier vor. Gerade erst reingekommen, ich habe selbst noch nichts davon gesehen. Wenn du etwas findest, mache ich dir einen Spezialpreis." Die unsortierten Platten sind extrem schmutzig, manche verbogen, an einigen kleben Erdbrocken oder grünliche Krusten, aber ich weiß, wie man mitgenommenes Vinyl reinigen kann. Nach anderthalb Stunden archäologischer Grundlagenarbeit komme ich auf einen Stapel von 21 Singles. Ein paar gesuchte Stücke sind darunter, und wir einigen uns auf hundert Dollar, was wirklich ein fairer Gesamtpreis ist. Ich will ihm einen ausgeben, wir verabreden uns auf ein Glas Cola nach Ladenschluss.

Außen an der Hauswand hängt ein gelbes Schild: "We buy 45s. (wanted) Detroit Labels". Während Brad drinnen die letzten Kunden bedient und den Computer herunterfährt, rauche ich vor der Tür eine Zigarette. Ein schlaksiger weißer junger Mann kommt mit einer Tüte heraus, ich tippe auf den Typus Skater. Dann ein kräftiger schwarzer Junge, er mag 14 oder 15 sein, mit einem ordentlichen Stapel LPs in den Armen. Sein rechtes Augenlid hängt, sein Mund ist schief, und er scheint einen Klumpfuß zu haben, jedenfalls geht er langsam und hinkt. Aber er strahlt.

"Hast du auch was gekauft?", fragt er. "Ein paar alte Motown-Singles", sage ich, "und du?" "Ich hab mir ein paar Gospel-LPs aus einer Cheapo-Kiste geholt." Stolz hält er mir den Stapel entgegen. "Gospel? Glaubst du an Gott?" Er lacht, es klingt wie ein Schnarchen, aus seinem wehen Auge tropft eine Flüssigkeit. "Na ja, ich bete schon, ab und zu. Und ich bin auf eine Idee gekommen: Man müsste ein paar Gospel-Samples nehmen und sie in Hip-Hop einbauen. Das hat noch keiner gemacht: Gospel-Hip-Hop!"

"Klingt interessant", sage ich.

"Ja!" Er schnieft. "Ich hab ein Heimstudio. Mein großer Bruder hat einen Computer, und manchmal lässt er mich ran, nachts, wenn er schläft oder unterwegs ist."

"Na dann: viel Erfolg! Vielleicht wirst du ja berühmt!" Er lacht oder schnarcht wieder, "Ja, Mann", und humpelt strahlend davon.

"Ich beziehe die Leute mit ein"

"Es ist auch eine Art Integrationsarbeit, die ich hier leiste", sagt Brad, als wir nebenan im Café des Magic Stick sitzen. Auf den Tischen und auf der Theke liegen Flyer für Indie-Rock-Konzerte, außer uns sind drei, vier Leute im Café, mit Band-T-Shirts und/oder modisch schludrigen Garagen-Punk-Frisuren. "'Integration' ist ein doofes Wort, ich mag es nicht, aber so kann man es vielleicht am besten beschreiben. Ich beziehe die Leute mit ein", sagt Brad. Wir reden gerade über die Armut in der Stadt und darüber, dass der Großteil der alten Schallplatten von weißen Mittelschichtmenschen gekauft wird, obwohl es doch eine schwarze Musik ist, die zwar viel vom universellen Thema Liebe erzählt, aber immer wieder auch von den großen working-class-Themen, von fiesen Bossen, miesen Vermietern und dem leidigen Geld.

"Wo kommen die Platten eigentlich her?"

"Das meiste stammt aus den verlassenen Häusern, von denen du bestimmt schon welche gesehen hast. Ich schätze, dass in jedem zweiten Haus im Keller oder auf dem Dachboden Schallplatten lagern. Wenn du plötzlich auf die Straße gesetzt wirst oder aus anderen Gründen dein Haus verlassen musst, dann sind die Platten vermutlich das Letzte, an was du denkst. Sie sind ja auch schwer zu transportieren, allein wegen des Gewichts. Manchmal liegen sie auch in einer Garage, oder man findet sie in einer stillgelegten Radiostation. Es gibt Jungs, die wissen, dass ich die Platten weiterverkaufen kann. Sie holen sie aus den Ruinen heraus und bringen sie vorbei."

"Sie durchforsten die Ruinen in deinem Auftrag?"

"Nicht direkt in meinem Auftrag. Sie wissen einfach, dass ein paar Dollars mit den Sachen zu verdienen sind. Es hängt ja auch das Schild an meinem Laden, ›We buy 45s‹. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, und ich habe ein paar Stammlieferanten. Ich erkläre ihnen, welche Platten gesucht sind, zeige ihnen die unterschiedlichen Labels und sage: 'Das hier ist heiß. Solches Zeug könnt ihr stehen lassen.' Ich versuche, ihnen zu vermitteln, welch großer kultureller Schatz sich dahinter verbirgt. Ich sage: Eure Großeltern waren verdammt coole Leute. Und darüber bin ich mit vielen der Jungs im Gespräch. Manchmal besuche ich auch deren Hip-Hop-Clubs. Das gehört hier sowieso alles zusammen, ich mache keinen Unterschied."

Vieles wurde hier erfunden. Das Fließband. Motown. Techno.

"Vorhin sagte ein Junge, er wolle Gospel-Hip-Hop machen, mit Samples aus den Platten, die er von dir hat."

"Gospel-Hip-Hop? Nie gehört." "Er hat das Genre offenbar gerade erfunden." "Wer weiß ... So entstehen eben neue Dinge: Jemand probiert etwas aus, arbeitet an einer Idee, auch wenn andere ihn für verrückt halten. So ist es schon immer gewesen in Detroit. Vieles wurde hier erfunden. Das Fließband. Motown. Techno. Manche sagen, hier liege etwas in der Luft."

"Geht es zur Zeit abwärts oder aufwärts mit Detroit?"

"Schwer zu sagen. Ein paar Dinge bewegen sich immer. Zurzeit passiert einiges mit Kunst, Ausstellungen und so. Aber auch das bedeutet nicht viel. Sieh dich um. Vielen Leuten geht es schlecht. Es fehlen die Jobs."

"Manche behaupten, dass Detroit sich an einem Wendepunkt befinde und zum 'Berlin der USA' werden könne, zu einem Paradies für Kreative ..."

"Bullshit. Kennst du die Johnny-Knoxville-Doku? Immer wieder filmen sie dieselben artists, aber oft stammen die gar nicht von hier, sondern wollen nur den Mythos für sich nutzen. Die Leute, die hier verwurzelt sind, lachen darüber. Es gibt hier keine 'Szene' und keine 'In-Clubs'. Es ist viel informeller. Mal finden in einer Lagerhalle ein paar Partys statt, dann ist es eine stillgelegte Schule. Mund-zu-Mund-Propaganda."

"Im Grunde bist du ja auch ein Teil der Kreativwirtschaft, mit deinem Plattenladen."

"Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ist das so? Und wenn schon. Ich mache das seit acht Jahren und kann einigermaßen davon leben, und ein paar andere Leute verdienen auch ein paar Dollars damit. Das ist alles."

Dieser Text ist ein Auszug aus Katja Kullmanns Reportageband "Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet".

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Einfach....
alangasi 12.08.2012
....mal ein schöner Artikel!
2. Rückbau oder spezielle ökonomische Zone
limubei 12.08.2012
Zitat von sysopDetroit ist tot, ganze Stadtteile sind menschenleer. Um die ruinierte Autostadt wiederzubeleben, sollen jetzt Kreative kommen. Second Hand-Plattenhändler Brad Hales ist schon lange da. Er hebt die musikalischen Schätze seiner Heimat und nennt den Kunst-Hype schlicht "Bullshit". Buchauszug aus Katja Kullmanns Buch "Rasende Ruinen" über Detroit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,841774,00.html)
Man sollte die leeren Stadtviertel konsequent zurückbauen Parks und Wälder anlegen. Ein paar Gebäude stehenlassen für die Kreativen den Rest entfernen. Man könnte auch Chinesen ansiedeln und eine spezielle ökonomische Zone ausrufen. Die werden was draus machen - garantiert. Das hat in Shenzhen und anderen "Zonen" schon funktioniert.
3. Eminen und
friedenau 12.08.2012
stehen für Detroit. Em war und ist der Kreativste, weitere Erklärungen wohl überflüssig.
4. Es gibt da einen schönen Film:
u_w_e 12.08.2012
"Detroit Wild City". Für alle die es wie ich interessant finden wie es weitergeht, wenn alles vorbei ist.
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  • Patrick Ohligschläger/ Suhrkamp Verlag
    KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Kullmann schrieb 2002 den Sachbuchbestseller "Generation Ally", landete danach als freie Journalistin am Rande des Existenzminimums und beschrieb 2011 in ihrem Buch "Echtleben" den Mythos der digitalen Bohème.

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