Theaterprojekt in Düsseldorf: Büchner als Wutbürger

Von Simon Broll

"Friede den Hütten! Krieg den Rating-Agenturen!" In Düsseldorf lässt der Regisseur Falk Richter die Schriften Georg Büchners auf die derzeitige Finanzkrise prallen. Und stellt mit seinem Projekt die Frage: Ist Europa bereit für eine neue Revolution?

Theaterprojekt in Düsseldorf: Büchner als Wutbürger Fotos
Pia Beine

Die Zeiten waren rau, als Georg Büchner 1834 den "Hessischen Landboten" verfasste. Studenten protestierten gegen absolutistische Herrschaftsstrukturen, Bauern und Soldaten lieferten sich blutige Gefechte, und das deutsche Gebiet war in Klein- und Kleinststaaten zerteilt - allein Büchners heimisches Großherzogtum Hessen umgaben zehn grenzkontrollierende Nachbarstaaten. Ein soziales Pulverfass, dieser Vormärz.

Und heute? Wachsende Flüchtlingszahlen veranlassen Politiker verschiedener Nationen dazu, die Abschaffung des Schengener Abkommens zugunsten neuer Grenzkontrollen zu fordern. In Spanien, Griechenland und Italien treten "die Empörten" auf die Straßen, prangern wie hierzulande "Occupy" die Rettungsschirm-Politik an, mit der Steuerzahler für die Misswirtschaft von Banken und Regierungen aufkommen müssen. Ein neues Vormärz-Klima, anno 2012?

"Die Parallelen sind deutlich", behauptet der Regisseur Falk Richter, 42. "Was Büchner vor bald 180 Jahren geschrieben hat, gewinnt durch die Krise wieder an Brisanz." In dieser aufgeheizten Stimmung aus Wutbürger-Demonstrationen und Ausschreitungen in den Banlieues hat Richter für das Düsseldorfer Schauspielhaus einen Abend entwickelt, mit dessen Hilfe er den revolutionären Geist Büchners auferstehen lassen möchte. Sein Projekt "Büchner" - eine Collage aus Schriften des deutschen Dramatikers und eigenen Texten Richters zur zeitgenössischen Lage in Europa - feiert an diesem Samstag Premiere.

Der Revolutionär hinter dem Literaten

Düsseldorf ist nur 20 Minuten Autofahrt vom Neusser Jobcenter entfernt, in dem Ende September eine Sachbearbeiterin von einem Langzeitarbeitslosen ermordet wurde. Diese Tragödie sei ein Zeichen dafür, dass "der Zustand Woyzeck sich in unserem Land weiter ausbreitet", sagt der Regisseur. Wie ein Virus, dem man nicht entkommen könne. Und in dessen Verlauf vor allem unschuldige Mitbürger zu Schaden kommen.

Das Dramen-Fragment "Woyzeck", in dem der Soldat und Außenseiter Franz Woyzeck so lange von seiner Frau und den Vorgesetzten gedemütigt wird, bis er einen Mord begeht, bildet den Kern der Düsseldorfer Inszenierung. Daneben sollen Passagen aus dem "Hessischen Landboten", der Erzählung "Lenz" und dem Stück "Dantons Tod" vorgetragen werden. Im Zentrum des Theaterabends steht die Frage, wie man sich als einfacher Bürger gegen eine usurpatorische Autorität - den Vorgesetzten, die Religion in ihren fundamentalen Formen, die Finanzmärkte - wehren kann.

Einfache Antworten soll es bei Richter nicht geben. Vielmehr möchte er "widersprüchliche Haltungen zur Disposition stellen". Der Mensch könne wie Woyzeck zur Waffe greifen, er könne wie Jakob Lenz in die künstlerische Isolation ziehen oder wie Georg Büchner Aufrufe zum Widerstand verfassen.

Die Theatermaschine und das Angstklima

Richter will eine Debatte entfachen, die genauso offen ist wie der Theaterraum, auf dem gespielt wird. Der Regisseur möchte seine Truppe auf der blanken Bühne agieren lassen, die Akteure sollen "der Theatermaschine ausgesetzt" und somit Teil des großen maschinellen Räderwerks werden.

In einer Videoinstallation will Richter zudem Schiefertafeln mit Büchner-Zitaten beschriften. "Wir spielen gewissermaßen in den Notizen des Autors", sagt der Regisseur. Dadurch entstehe eine mentale Welt, für die der australische Musiker Ben Frost einen eigenen Soundtrack komponiert hat: eine assoziative Klangmusik, die das Publikum in eine Form von Nervosität oder Alarmbereitschaft versetzen könne. "Woyzeck, er sieht immer so verhetzt aus!", heißt es bei Büchner. Heute würde man den armen Mann wahrscheinlich vor dem Burnout warnen.


Büchner. Premiere am 20. 10. am Düsseldorfer Schauspielhaus. Auch am 22. 10., 31. 10. und 1. 11. Tel. 0211/36 99 11.

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insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1. Oh Gott!
Bhigr 17.10.2012
Allein der Titel und die Überschrift lassen das Blut in meinen Adern gefrieren. Da soll mal wieder ein Klassiker vergewaltigt werden. Die gelangweilten Journalisten wachen während der Vorstellung erst auf, wenn Sie unablässig von Wutbürgern angeschrieen werden. Die Kritik lautet dann: "Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Existenziellen Zuständen unserer Zeit!" "eine Collage aus Schriften des deutschen Dramatikers und eigenen Texten Richters zur zeitgenössischen Lage in Europa" Dann müssen wir nocht den geistigen Dünnpfiff Herrn Richters zur Lage Europas über uns ergehen lassen. Alles das unter dem Banner Büchners. Der kann sich dagegen leider nicht mehr wehren. So etwas kann sich nur ein verhätscheltes deutsches Stadttheater leisten.
2. Hellseher
rotbart 17.10.2012
Lieber FrauHerr Bhigr, ich bewundere Ihre Fähigkeit der Hellseherei. Oder ist heute der große Tag des besseren Wissens. Wütbürgertag für die Abschaffung der Kulturförderung. Danke für diesen aufklärenden Kommentar.
3. Tja,
bernardinho 17.10.2012
es büchnert nicht in D, es blüchert nicht und schmeckt doch brüchig. Wer wirklich was lernen will, sollte nach Island schauen. Ich denke, die Schubkräfte zu ernsthaften Veränderungen kommen vom Rand Europas.
4. Erst mal anschauen
theater-mensch 17.10.2012
"Da soll mal wieder ein Klassiker vergewaltigt werden", meint Bhigr - und offenbart damit nur die eigene Unkenntnis. Der Woyzeck - nur als Fragment erhalten - ist gerade das nicht: Ein Klassiker! Vielleicht erst mal die Inszenierung anschauen - und dann begründet kritisieren oder sich begeistern. Die Grundannahmen des Regisseurs klingen auf jeden Fall sehr schlüssig. Ich bin gespannt.
5. Nach Island ?
tylerdurdenvolland 18.10.2012
Zitat von bernardinhoes büchnert nicht in D, es blüchert nicht und schmeckt doch brüchig. Wer wirklich was lernen will, sollte nach Island schauen. Ich denke, die Schubkräfte zu ernsthaften Veränderungen kommen vom Rand Europas.
Natürlich haben sie damit recht, aber wie kommen sie auf die Idee der Durchschnittsdeutsche könne nach Island schauen, gar von dort lernen und dann auch noch in die Tat umsetzen? Dre Deutsche ist ja bereits der ungeheuren Wahl zwischen Merkel und Steinbrück überfordert. Der Deutsche liebt Sätze wie den aus der Überschrift: "Ist Europa bereit für eine neue Revolution? " Europa? Wer ist Europa? Wenn schon, dann: Ist das seit einigen Jahren völlig aus den Fugen geratene Machtverhältnis zwischen Finanzwelt und demokratischen Institutionen eine Berchtigung zur Revolution? Ist das was den Bürgern heute noch als Rechtsstaat angeboten wird ein vom Gg gebilligter Grund zum Widerstand? Sind die Politiker und politischen Parteien noch im Einklang mit der Aufgabe die sie in einer ECHTEN Demokratie zu erbringen haben? Geht das im Gg verbriefte Recht zum Widerstand gegen eine Staatsform, die nicht mehr Demokratie sondern eindeutig bereits Post-Demokratie ist, bis zu einer Revolution? Fragen, nichts als Fragen....
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