Bühnenbildnerin Katrin Brack Räume, die live entstehen

Konfetti und Girlanden, Nebel und Schaum: Die Bühnenbildnerin Katrin Brack nutzt federleichte Materialien, um die Hochkultur zu verzaubern. Ihre Theaterräume sind fast leer, aber sie sind ein Ereignis. Ein Bildband liefert jetzt das Porträt einer maximalen Minimalistin.

Katrin Brack

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Es ist nahezu ausgeschlossen, dass man während einer Theateraufführung neidisch ist auf die Schauspieler, die sich dort oben ausstellen, entblößen, entblöden, dass man also im Saal sitzt, versunken im roten Plüsch, um sich herum 500 oder 800 oder 1000 andere Zuschauer, und dabei ernsthaft mit dem Gedanken spielt, sich von diesen 500 oder 800 oder 1000 anderen Zuschauern begaffen zu lassen, dass man sich also nichts sehnlicher wünscht, als aufzuspringen und aus dem Dunklen ins Helle zu rennen, hoch auf die Bühne. Wenn es eine Bühne von Katrin Brack ist, dann ist das die Regel.

Brack illustriert und dekoriert das Stück nicht, sie schafft keine realistischen Schauplätze, sondern kreiert Räume außerhalb von Raum und Zeit, Räume wie Träume, in die man sich versenken möchte.

Die Bühne versinkt in Schaum

Bracks Bühnen sind leer, dominiert meist von nur einem Material, das sie aus Zirkus und Show und Karneval entleiht, aus den leichten Musen, um die Hochkultur zu verzaubern: Konfetti, Girlanden, Luftschlangen, Luftballons, Kunstnebel. Für ein Molière-Projekt von Luk Perceval ließ Brack 2007 bei den Salzburger Festspielen fast vier Stunden lang Schneeflocken aus dem Bühnenhimmel fallen, Dimiter Gotscheffs Bühnenadaption des Skandalfilms "Das Große Fressen" ließ sie 2006 an der Berliner Volksbühne in Schaum versinken, und Angela Richters Rezeptionsdrama des verbotenen Romans "Esra" bestückte sie 2009 auf Kampnagel in Hamburg mit einem Wald aus Glühbirnen, die an Gummikabeln von der Decke hingen. 612 Glühbirnen, sonst nichts.

Diese und andere Arbeiten dokumentiert nun ein neuer Bildband. Er ist das Porträt einer maximalem Minimalistin.

Sie finde, hat Brack einmal gesagt, dass sich ein Bühnenbild in einem einzigen Satz beschreiben lassen müsse. Das ist natürlich übertrieben, denn meist reicht bei ihr ein einziges Wort: Schnee, Schaum, Glühbirnen. Ihr gelingt es, ein Stück auf eine einzige Idee zu reduzieren, eine einzige Atmosphäre, wofür sie von Kritikern dreimal zur Bühnenbildnerin des Jahres gewählt worden ist und die beiden wohl wichtigsten Theaterpreise im deutschsprachigen Raum bekommen hat, Faust und Nestroy. Seit Ende vergangenen Jahres lehrt Brack, geboren 1958, als Professorin für Bühnenbild und Kostüm an der Akademie der Bildenden Künste München.

Nebel verschluckt die Schauspieler

Ein Star der Szene ist sie auch deshalb, weil ihre Bühnenräume die Stärken des Mediums Theater betonen: Oft sind es Räume, die live entstehen, im Moment und permanent, in der körperlichen Gegenwart des Zuschauers. Es sind Räume, die sich Raum schaffen, Räume, die ein Ereignis sind, im doppelten Sinn des Wortes. So hat sie bei Dimiter Gotscheffs "Iwanow"-Inszenierung an der Berliner Volksbühne 2005 Nebelschwaden über die leere Bühne wabern lassen; die Schauspieler wurden immer wieder halb verdeckt und für Momente verschluckt.

Ein typischer Brack-Raum ist lebendig, "wie ein zusätzlicher Schauspielkollege, den so keiner auf dem Besetzungszettel hatte", sagt der Schauspieler Wolfram Koch. Der Raum sei unberechenbar und störrisch, halte sich nicht an Verabredungen, mache wütend. "Man muss ihn so nehmen, wie er ist, nicht zwingen, dann spielt er mit."

Bracks Räume sind für Schauspieler eine Herausforderung, mitunter auch physisch: Die Schaumberge waren so kalt und glitschig, dass die Haut der Schauspieler aufweichte und sie die Aufführungen nur mit Neoprenanzügen unter den Kostümen durchstehen konnten, der permanente Kunstnebel führte bei einer Akteurin zu Nasenbluten und Augenentzündung.

Die Zuschauer, die sich aus dem Saal nach oben sehnen, schreckt das nicht: Theater auf einer Brack-Bühne ist ein Theater der Poesie und ein Theater der Erfahrung - für die Zuschauer, zuallererst aber für die Schauspieler.


Buch. Kathrin Brack: Bühnenbild/ Stages, Verlag Theater der Zeit, 252 Seiten, 28 Euro.

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