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Bürgertum vs. Unterschicht: Arbeitslos? Selbst Schuld!

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Deutschlands Mittelschicht spricht heute über Arbeitslose, als wären sie Kriminelle. In der öffentlichen Debatte gelten sie nicht mehr als Opfer der Verelendung, sondern als Mitschuldige an der sozialen Krise - die neuen Bürgerlichen wollen sich einreden, dass ihnen selbst so was nie passieren würde.

Kriminelle sieht die Öffentlichkeit – je nach Zeitgeist – mal als Opfer der Gesellschaft, mal als Sünder. Ebenso ist es mit den Arbeitslosen: Als zu Beginn der achtziger Jahre die Arbeitslosigkeit erstmals seit dem Wirtschaftswunder die Millionengrenze deutlich überschritt, da überwog noch der mitleidige Blick. Arbeitslose, das waren Opfer der kapitalistischen Gesellschaft, ausgespuckt von einem zynischen System der Profitmaximierung. Diese Menschen waren "um ihre Arbeit gebracht worden". Solche Formulierungen, typisch für die damalige Zeit, zeigen: Arbeit galt als etwas, das mir zusteht. Wer sie mir wegnimmt, der ist böse. Und Klaus Lage lieferte den passenden Soundtrack dazu: "Monopoly, Monopoly, die an der Schlossallee verlangen viel zu viel."

Demonstranten gegen Sozialabbau (Hartz-IV-Protest in Magdeburg 2004): Nicht einmal Benimm weiß der Pöbel zu wahren
DPA

Demonstranten gegen Sozialabbau (Hartz-IV-Protest in Magdeburg 2004): Nicht einmal Benimm weiß der Pöbel zu wahren

Gut 20 Jahre später, drei Millionen Arbeitslose mehr: Der gesellschaftliche Blick auf Menschen ohne Arbeit hat sich komplett gewandelt. Die neuen Begriffe lauten: "Sozialhilfeadel" oder "Arbeitslosenkarrieren". Es geht nicht mehr um etwas, das diesen Menschen fehlt, nämlich Arbeit, sondern um etwas, das sie bekommen, nämlich staatliche Unterstützung, etwas, das sie zu Unrecht aus der Gesellschaft heraushebt, sie zu "Adeligen" und "Karrieristen" macht. Längst geht es auch nicht mehr um jene Arbeitslosen, die spätestens nach einem Jahr wieder einen neuen Job finden, immerhin sind das rund zwei Drittel. Nein, die Debatte dreht sich fast ausschließlich um das restliche Drittel, die Langzeitarbeitslosen. Berichte über diese Menschen lesen sich heute so:

"Udo Hupa ist 44 Jahre alt und wohnt auf demselben Stockwerk wie seine Eltern. Er ist klein und wiegt um die 130 Kilo. Im Sommer hat er sich ein Piercing in die linke Augenbraue bohren lassen. Als junger Mann hat Hupa Metzger gelernt. An seine letzte Arbeitsstelle kann er sich nicht mehr erinnern. Arbeit ist in Katernberg einfach kein Thema. Hupa lebt von Arbeitslosenhilfe und davon, DVDs zu brennen. 'Was die Leute hier halt so gucken.' Pornos." Soweit Walter Wüllenweber im Dezember 2004 in der Zeitschrift "Stern".

Mit Menschen wie Udo Hupa wollen anständige Bürger natürlich nichts zu tun haben. Und deshalb wurde für die Langzeitarbeitslosen ein schöner, alter Begriff reaktiviert.

Dieser Begriff heißt Unterschicht.

Wenn sich neubürgerliche Autoren über die Unterschicht äußern, schwingt schnell ein Unterton der Verachtung mit, etwa wenn Wüllenweber nach seinem Rechercheabstecher ins Problemviertel Essen-Katernberg sofort begriffen hat: "Disziplinlosigkeit ist eines der Merkmale der neuen Unterschichtskultur (...). Die Unterschicht lebt im Hier und Heute und kümmert sich nicht um die Zukunft. Weder um die eigene noch um die der Gesellschaft."

Schlimmer noch: Nicht einmal Benimm weiß der Pöbel zu wahren. Der Verfassungsrichter Udo Di Fabio klagt in seinem Buch "Die Kultur der Freiheit" über "Menschen, die bei der Wahl ihrer Kleidung, in der Art, wie sie speisen oder wie sie reden, inzwischen wieder dem Niveau vorkultureller Zeit zuzustreben scheinen. Menschen, die schon morgens mit einer Alkoholfahne in öffentlichen Verkehrsmitteln reisen, oder solche, die überzogen aggressiv ihre Freizeitneigungen austoben, dürfen in unserer Kultur der selektiven Toleranz gegenüber dem individuellen Sosein weder verlacht noch öffentlich auch unter ästhetischen Gesichtspunkten kritisiert werden."

Kaum kaschierter Ekel

Aus Wüllenwebers und Di Fabios kaum kaschierten Ekel spricht, was der Stammtisch schon immer gewusst hat: (Langzeit-)Arbeitslose sind an ihrem Schicksal nicht nur selbst schuld ("Wer wirklich Arbeit will, der findet auch welche"), sie sind auch noch ein Ärgernis für die restliche Gesellschaft (Alkoholfahnen, schlechte Manieren). Neu ist allerdings, dass solche Vorurteile zum Repertoire eines gesellschaftlichen Dialogs gehören, der sich intellektuell gibt.

Vom Opfer zum Schuldigen in gut 20 Jahren. Was für eine paradoxe Karriere des deutschen Arbeitslosen! War es bei einer Million Arbeitslosen nicht viel wahrscheinlicher, dass die wenigen Betroffenen eine gewisse Mitschuld an ihrem Schicksal trifft, als bei vier Millionen?

Es hat natürlich einen Grund, warum Langzeitarbeitslose ihren Opferstatus verloren haben – es gibt einfach zu viele von ihnen, um sie noch zu bedauern. Die Mittel- und Oberschicht beginnt stattdessen, sich von den Verlierern des gesellschaftlichen Wandels abzugrenzen, und die neubürgerlichen Autoren liefern die Argumentationshilfe.

In der Geschichte der Menschheit gab es wahrscheinlich keine Ungerechtigkeit, die nicht von irgendwem irgendwie rational gerechtfertigt wurde. In den Romanen Tolstois finden sich Szenen von makabrer Komik, in denen sich (meist selbst völlig lebensuntüchtige) russische Adelige über die Notwendigkeit der Leibeigenschaft ergehen: Die Leibeigenen ihre eigenen Äcker bestellen zu lassen führe zu nichts. Das Gesindel sei derart faul, dass es sich nur unter der Knute des Aufsehers zum Arbeiten aufraffe. Alles Geld würden sie vertrinken, keine Kopeke für morgen zurücklegen.

Es gab diese Leute immer, sie fielen nur nicht so auf

Disziplinlosigkeit, Zukunftsvergessenheit, Alkoholismus: Alles, was Wüllenweber und Konsorten heute an der Unterschicht beobachten, machten Tolstois Antihelden schon vor 150 Jahre geltend. Es ging ihnen darum, die Existenz der Leibeigenschaft vor sich und dem Rest der Gesellschaft zu rechtfertigen. Heute geht es darum, die Existenz von Massenarbeitslosigkeit zu rechtfertigen.

Die Angehörigen der wiederentdeckten Unterschicht sind ja nicht alle erst in den letzten 20 Jahren geboren worden. Es gab diese Menschen schon immer, sie fielen früher nur nicht so auf. Bis in die achtziger Jahre hatte in Westdeutschland auch das untere Fünftel der Gesellschaft zumeist einen sicheren Arbeitsplatz, der dem Leben Halt und Struktur gab. Mit den jährlichen tariflichen Lohnerhöhungen konnte auch diese Schicht vom wachsenden Wohlstand profitieren. In Ostdeutschland war Arbeitslosigkeit bis zur Wiedervereinigung ohnehin kein Thema.

Hüben wie drüben war die Unterschicht zur unteren Mittelschicht geworden, die Bundesrepublik zum Heim einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft", so der Soziologe Helmut Schelsky 1953. Wie viele Pornos der Fließbandarbeiter nach Feierabend schaute, wie viel Bier er trank, wurde als das betrachtet, was es natürlich auch heute noch sein sollte: seine Privatsache.

Doch seit die Arbeitslosigkeit rapide zu steigen begann – im Westen seit Anfang der achtziger Jahre, im Osten schlagartig mit der Wiedervereinigung – wurde die untere Mittelschicht von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt. Die bescheidene berufliche Qualifikation dieser Menschen reichte immer seltener für eine tariflich abgesicherte Vollzeitbeschäftigung. Heute leben die meisten Angehörigen dieser Schicht von Hartz IV oder stecken in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen – meist ohne Aufstiegschancen, Tarifbindung oder Kündigungsschutz.

Keine vernünftige Alternative zur Marktöffnung

Warum aber reichten neun Jahre Hauptschule ohne Abschluss noch vor 30 Jahren aus, um mit der allgemeinen Wohlstandsentwicklung Schritt zu halten, während heute oft noch nicht einmal mehr die Mittlere Reife einen Ausbildungsplatz garantiert?

Wichtigste Ursache ist die gewaltige Ausweitung des effektiven weltweiten Arbeitsangebots in den letzten zwei Jahrzehnten. Vor einigen Jahrzehnten begannen deutsche Textilfabriken mit neuen Anbietern in Asien zu konkurrieren – und verloren, weil die deutschen Arbeiter natürlich ungleich höher bezahlt wurden.

Die Entwicklung erfasste nach und nach immer weitere Industriezweige. Auf die Textilindustrie folgten die Unterhaltungselektronik und schließlich auch Stahlwerke wie das in Rheinhausen. Inzwischen sind es nicht mehr nur Hilfsarbeiterjobs, die der Globalisierung zum Opfer fallen. Auch Aufträge in Handwerk und Dienstleistung werden immer häufiger von ausländischen Unternehmen übernommen, die dazu ihre niedrig entlohnten Mitarbeiter nach Deutschland schicken – etwa auf Baustellen oder in Schlachthöfe.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt keine vernünftige Alternative zur Marktöffnung. Zum einen aus ethischen Erwägungen, denn warum sollten ein türkischer Bekleidungshersteller oder ein polnischer Handwerker weniger Recht als ein Deutscher darauf haben, seine Ware oder seine Dienstleistung in Deutschland anzubieten?

Zum anderen aus wirtschaftspolitischen Gründen, weil es keinen wissenschaftlich begründbaren Zweifel daran gibt, dass freier Handel für Wohlstandszuwächse in allen daran beteiligten Staaten sorgt und mehr Protektionismus umgekehrt Wohlstand vernichtet.

Ungerechtigkeit? Welche Ungerechtigkeit?

Die volkswirtschaftliche Begründung des Freihandels weist jedoch einen Haken auf, der in der öffentlichen Diskussion meist zu kurz kommt: Durch mehr Handel steigt zwar der Wohlstand aller beteiligten Volkswirtschaften insgesamt. Innerhalb der einzelnen Volkswirtschaften jedoch gibt es sehr wohl Gewinner und Verlierer des Freihandels. Theoretisch reichen die Zuwächse zwar aus, um alle Verlierer angemessen zu entschädigen. Ob und wie weit dies jedoch geschieht – das ist eine politische Entscheidung jeder einzelnen Gesellschaft.

Die Verlierer des verstärkten internationalen Handels, das sind in Deutschland die Anbieter gering qualifizierter Tätigkeiten. Egal ob es sich dabei um Industriearbeiter oder um kleine Selbständige handelt: Sofern sie noch Arbeit haben, sind ihre Realeinkommen in den vergangenen Jahren gesunken; sind sie arbeitslos, dann wurde vielen von ihnen im Rahmen der Agenda 2010 die Arbeitslosenunterstützung auf Sozialhilfeniveau gekürzt.

Kurz: Die deutschen Globalisierungsverlierer wurden für ihre Verluste nicht entschädigt.

Wie gehen wir mit dieser Ungerechtigkeit um? Ist da überhaupt eine Ungerechtigkeit?

Die einfachste Antwort besteht darin, die zweite Frage zu verneinen. Bisweilen trägt der daraus resultierende Versuch, der wiederentdeckten Unterschicht die Schuld an ihrem Schicksal zuzuschreiben, fast schon absurde Züge. Wenn etwa die neuen Bürgerlichen beklagen, dass Unterschichtangehörige sich selbst um ihre Chance auf gesellschaftliche Teilhabe brächten, weil sie sich nur von ungesundem Fast Food ernährten, zu viel Alkohol tränken, Privatfernsehen schauten und ihre Kinder nicht vernünftig erzögen. Während die wackeren Proletarier früherer Zeiten natürlich ihren Körper beim Sport stählten, sich pausenlos in Lesehallen weiterbildeten, im Arbeitergesangsvereinen die Fahne hoch hielten und ihre Kinder niemals ohne Pausenbrot in die Volksschule schickten.

Man wünscht die Herren Wüllenweber und Di Fabio in eine Zeitmaschine, die sie zurückbefördert ins Deutschland der fünfziger Jahre. Sie könnten sich dann selbst davon überzeugen, wie die Handlanger auf den unzähligen Baustellen des Wirtschaftswunders in der Frühstückspause die "Frankfurter Allgemeine" aufschlagen und vergnügt ihre Rohkostsalate futtern. Wie Frauen am Zahltag ihre Männer am Werkstor abholen, damit die den Inhalt der Lohntüte nicht gleich wieder für frischgepresste Fruchtsäfte verprassen; und wie die Näherin von der Fabrik nach Hause eilt, um ihre Kinder mit einem gekonnten Medley aus Schubert-Liedern in den Schlaf zu singen.

Stolzes Beharren aufs eigene Proletentum

Im Ernst: Der Lebensstil der Unterschicht war tendenziell schon immer ungesünder und unvernünftiger als jener der braven Bürgersleut'. Schon immer drohte der unteren Mittelschicht mit dem Verlust des Arbeitsplatzes auch das entscheidende bisschen Halt verloren zu gehen, der einen rauen Lebensstil von einem selbstzerstörerischen trennt. Lange bevor es Fast Food und Privat-TV gab, zeigte das bereits 1933 der österreichische Sozialforscher Paul Felix Lazarsfeld in der Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal".

Ebenfalls schon immer war das Bürgertum von den derben Sitten der "einfachen Leute" abgestoßen und fasziniert zugleich, und umgekehrt war die Unterschicht schon immer hin- und hergerissen zwischen der Imitation des bürgerlichen Lebensstils und dem stolzen Beharren auf dem eigenen Proletentum. Warum ist es gerade heute so populär, genau dies zu leugnen und auf die angeblich so grundlegenden kulturellen Unterschiede zwischen Bürgertum und "Unterschichtkultur" zu verweisen?

Zum einen weil, wie gesagt, der Unterschicht Mitschuld an ihrem eigenen Schicksal zugeschrieben werden soll. Zum anderen weil die Globalisierung inzwischen auch weite Teile der Mittelschicht in ihrem sozialen Status bedroht. Es sind ja längst nicht mehr nur die geringqualifizierten Arbeitsplätze, die von Verlagerung oder Einkommensverlust bedroht werden. Bedroht sind inzwischen auch die klassischen Biotope der Mittelschicht: Dank gesunkener Kosten für die elektronische Datenübertragung (auch dies eine Facette der Globalisierung) lassen sich heute die Tätigkeiten von technischen oder kaufmännischen Angestellten ebenso global verlagern wie vor zwanzig Jahren die Jobs der Hilfsarbeiter. Wo dieser Prozess endet, wen es noch alles trifft, das weiß niemand.

Umso größer das Bedürfnis der Mittelschichten, sich abzusetzen gegenüber den gesellschaftlichen Verlierern. Sich und anderen zu vergewissern: Mir kann nicht passieren, was der Unterschicht passiert, denn ich bin grundlegend anders als die.

Ob es tatsächlich die Menge des Fernsehkonsums, die Häufigkeit der McDonald's-Besuche oder die Vorliebe für Tätowierungen überm Gesäß sind, die ursächlich die Verlierer der Globalisierung von denen scheiden, die noch einmal davonkommen werden? Das ist zwar mehr als fraglich, aber es beruhigt natürlich enorm, sich genau das von den neuen Bürgerlichen einreden zu lassen.

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