SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. Dezember 2008, 09:20 Uhr

Büro-Theater

Chef sein - Achtung Lebensgefahr!

Von

Büromenschen mit Leichen im Keller: Am Nationaltheater Mannheim hat das neue Stück von Theresia Walser Premiere – "Monsun im April" ist ein absurder Krimi ohne Auflösung.

Maja sitzt seit kurzem im Chefsessel, endlich. Nur die Umstände, wie sie an den Job gekommen ist, sind mysteriös: Frau Firm, ihre frühere Chefin, ist eines Tages einfach nicht mehr im Büro aufgetaucht. Ihr Mantel hängt noch da, ihr Auto steht noch in der Garage, sonst fehlt jede Spur von ihr. Also darf Maja den Job nun machen.

"Monsun im April", das neue Stück der Dramatikerin Theresia Walser (eine von Martin Walsers Töchtern), ist wieder eine Komödie, und wie so oft bei Walser, 41, sind es die kleinen Sprachverschiebungen, die die großen Boshaftigkeiten offenbaren: "Alles, was man hier sagt, kommt völlig anders aus dem Mund heraus, als man es wollte", heißt es in dem Stück. Die Figuren, auf den ersten Blick Büromenschen, wie jeder sie kennt, reden haarscharf aneinander vorbei und entlarven sich dabei selbst. Die Kunst besteht darin, das auf der Bühne mit dem richtigen Timing und dem richtigen Tick "neben der Spur" zu inszenieren. Walser hat die Uraufführung dem Mannheimer Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski anvertraut, der vor zwei Jahren bereits ihr Stück "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" inszenierte.

Im neuen Walser-Stück verplappern sich die Figuren so lange, bis klar wird, dass eigentlich keiner der alten Chefin wirklich nachtrauert und alle so ihre Leichen im Keller haben: Der Mann von Frau Firm erzählt vom Tod des behinderten Sohnes – "ein Unfall", beteuert er –, Maja hat sich von ihrem Lebensgefährten Paul getrennt und dabei die gemeinsame Wohnung demoliert, Paul hat sein Straßenbauprojekt in Indien in den Sand gesetzt und berichtet vom "Monsun im April" – einer merkwürdigen Erscheinung, die bei Walser stellvertretend für all die anderen merkwürdigen Vorkommnisse in diesem absurden Krimi steht.

Am merkwürdigsten sind aber die beiden Figuren, die plötzlich bei Maja im Büro stehen und behaupten, sie von einer gemeinsam durchzechten Nacht in Brüssel zu kennen. Und damit nicht genug: Sie deuten auch an, dass sie etwas mit dem Verschwinden von Frau Firm zu tun haben könnten. Doch auch Frau Firms Mann brüstet sich am Ende damit, seine Frau umgebracht zu haben – und möglicherweise haben sie alle nicht recht. Am Ende ist nur eins gewiss: Gewissheiten gibt es nicht. Diese Botschaft scheint Frau Walser großes Vergnügen zu bereiten.


Monsun im April, Uraufführung am 13.12. im Nationaltheater Mannheim. Auch am 19. und 21.12., Tel. 0621/168 01 50.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH