Bundestagswahl mit Stefan Raab: Lachen und leiden mit Limbourg

Von Stefan Kuzmany

Kein Bundestagswahlkampf war dröger als dieser. Wer, wenn nicht Allround-Entertainer Stefan Raab sollte es schaffen, dem Polit-Geschehen kurz vor Schluss doch noch Leben einzuhauchen. Seine "TV total"-Wahlparty war tatsächlich witzig - vor allem dank Raabs Co-Moderator Peter Limbourg.

"TV total"-Wahlmoderatoren Limbourg, Raab: "Am nächsten Tag auch noch lachen"Zur Großansicht
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"TV total"-Wahlmoderatoren Limbourg, Raab: "Am nächsten Tag auch noch lachen"

Es ist vorbei. Wir haben es geschafft. Die letzte Wahlkampf-Polit-Runde ist gelaufen und wir haben tatsächlich auch diese noch bis zum Ende angeschaut. Haben zum vieltausendsten und endgültig letzten Mal vernommen, wie Gregor Gysi sein "Reichtum für alle"-Plakat erläutert ("Reichtumistnichtnurmateriellzuverstehen") und warum Guido Westerwelle die Steuern senken will ("Leistungmusssichlohnen"). Ein letztes Mal Trittin ("Vielgrünhilftviel") und Müntefering ("Sozialegerechtigkeitgroßschreiben"), ein letztes Mal Wulff ("Merkelmerkelmerkel") und zu Guttenberg ("Merkelmerkelguttenberg").

Vielen Dank, die Herren, aber jetzt ist Schluss! Die "TV Total Bundestagswahl 2009" auf ProSieben war der inoffizielle Abschluss des offiziell langweiligsten Bundestagswahlkampfes in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - und die Frage war schon lange nicht mehr, welche Partei mit ihren Ideen überzeugen kann. Die Frage des Abends war allein diese: Schafft es Raab?

Stefan Raab, 42, Entertainer, Musiker, Produzent und TV-Moderator, ist die einzige Allzweckwaffe des deutschen Fernsehens. Er steht im Ruf, selbst langweiligste Konzepte in unterhaltsame Fernsehabende verwandeln zu können. Er schafft es, Millionen Zuschauer über Stunden an den Geräten zu halten, obwohl dort nur Stefan Raab zu sehen ist, wie er gegen einen Kandidaten Dosenwerfen spielt. Mit einem Kurzauftritt bei "Wetten dass...?" erledigt er handstreichartig jede Nachfolgediskussion um Thomas Gottschalk. Die deutschen Beiträge zum "Eurovision Song Contest" galten als krude Randgruppenbeschallung - bis Raab kam und die Sache selbst in die Hand nahm. Stefan Raab könnte wahrscheinlich sogar die Elstneriade "Verstehen Sie Spaß?" so moderieren, dass sie lustig wäre. Aber eine Politiker-Runde? Hatte Raab sich zuviel vorgenommen? Ist es überhaupt möglich, den gescheiterten Wahlkampf 2009 als Unterhaltungsevent zu tarnen? Konnte das lustig werden?

"Ich treffe Euch? Das freut mich!"

Die Antworten auf diese Fragen sind überraschender als das wahrscheinliche Wahlergebnis am Sonntagabend. Denn erstens: Die "TV total Bundestagswahl 2009" war tatsächlich streckenweise sehr lustig. Und zweitens: Das lag nicht unbedingt an Raabs Moderation. Denn dem Moderator Raab wurde ausnahmsweise die Show gestohlen, zum einen von der Show selbst, also ihrem Konzept, vom Produzenten Raab also, der sich das alles ausgedacht hatte. Und zum anderen von Raabs Co-Moderator Peter Limbourg. Letzteres wohl eher unfreiwillig.

Zwar leitete Raab mit einem schönen Kalauer ein ("Hinter den Kulissen streiten Westerwelle und zu Guttenberg noch ums Haargel"), doch dann musste Raab keine Scherze mehr machen, zum Lachen gab es auch so genug: Als die sechs Politiker jeder zu einer mehr oder weniger lächerlichen Auftrittsmelodie die Showtreppe hinuntersteigen mussten. Die Miene Münteferings ("Jugend find ich gut"), als er das johlende Publikum musterte. Der höchst bemüht coole Auftritt zu Guttenbergs. Und überhaupt: Die offensichtlichen Schwierigkeiten, die alle sechs damit hatten, nach all den Monaten ernster Krisen-, Klima- und Koalitionsdebatten plötzlich auf jugendlich-unterhaltsam umzuschalten, das war komisch.

Als sie dann langsam glaubten, den richtigen Ton zu treffen, wurde es noch komischer. Jürgen Trittin ließ sich vom grölenden Studiopublikum provozieren und brüllte zurück: "Ich treffe Euch? Das freut mich!" Karl Theodor zu Guttenberg verprellte zunächst die Piraten-Wähler mit einem müden Witzchen ("Das vor Somalia sollten Sie unterlassen!"), merkte, dass er damit überhaupt nicht gut ankam, und erfand in seiner Abschlussrede die CSU-Position zur Netz-Kontrolle eben mal schnell neu: Die Union, improvisierte zu Guttenberg, solle man auch wählen wegen "der Freiheiten im Internet".

"Wo ist der Kanzlerkandidat, Herr Müntefering?"

Christian Wulff hielt sich, ganz niedersächsischer Landesvater, über weite Strecken zurück und fiel vor allem damit auf, dass er mehrmals den Moderator Raab korrigierte. Franz Müntefering war derweil ganz damit beschäftigt, sich an Gregor Gysi abzuarbeiten. Soweit, so unterhaltsam - dank des für die Politiker ungewohnten Settings amüsanter als man es in irgendeiner Wahlkampfsendung dieser Saison vorher gesehen hatte. Aber die hohe Komik, das war an diesem Abend das Fach des Peter Limbourg.

Peter Limbourg, 49, ist Chefredakteur des Nachrichtensenders N24 und der politische Topjournalist der gesamten ProSiebenSat.1-Gruppe. Er war als Co-Moderator geladen und sollte in der Diskussion mit den Politikern ausgleichen, was Raab an politischer Kompetenz fehlt. Und so trat er auch auf. Am Anfang. Immer wieder betonte er, das sei ja hier nicht nur Unterhaltung, sondern "auch eine politische Diskussion", und knallhart legte Limbourg los: "Wo ist der Kanzlerkandidat, Herr Müntefering?" Das wollte er ernsthaft wissen: Warum stellte sich Frank-Walter Steinmeier nicht am Vorabend des Wahlgangs der grölenden, Schilder schwenkenden Meute namens ProSieben-Publikum?

Und die Kanzlerin, warum war die nicht hier? War es nicht er, Limbourg, gewesen, der beim TV-Duell als einziger der Journalisten klare Fragen gestellt hatte? Und war das hier nicht eben auch eine politische Diskussion? Und warum johlten diese Leute im Publikum immer so laut? Man konnte Limbourg dabei zusehen, wie bei ihm langsam die Erkenntnis durchsickerte, dass es die harte Polit-Nummer heute nicht bringen würde. Wie er sich dann sagte, Peter, komm, du musst heute auch lustig sein. Und dann versuchte er es eben so: "Solange ich hier nicht zum Polit-Elton werde, ist alles in Ordnung", witzelte er Raab von der Seite an - der hatte nur ein knappes "Jaja" für den Kollegen übrig, und was "Jaja" in der Übersetzung bedeutet, möge jeder selbst nachschlagen. "Wenn ich auf Mallorca für die Violetten stimmen möchte, habe ich Pech gehabt", gab sich Limbourg weiter unbeirrt humorig, keine Reaktion bei Raab. Und dann kam die Wahl.

Denn das Wesen der "TV total Bundestagswahl 2009" ist nicht die Diskussion der Politiker, das zentrale Element ist die Abstimmung durch die Zuschauer per Televoting. Für 50 Cent pro Anruf oder SMS durften alle abstimmen, die das wollten. Das Ergebnis ist zwar nicht repräsentativ, sondern eher repräsentativ aussehend, aber vor vier Jahren, bei der letzten "TV total"-Wahl, lag Raab mit seiner Prognose besser als die meisten Umfrageinstitute.

Das darf nicht repräsentativ sein

Aber was tun mit so einer Abstimmung, die schon allein deshalb nicht ernst genommen werden kann, weil jeder so viele Stimmen hat, wie er bereit ist zu bezahlen? Peter Limbourg, wir erinnern uns, am Anfang im Das-ist-Ernst-hier-Modus, später mit Ich-kann-auch-lustig-Versuchen, betonte zunächst die hohe Treffergenauigkeit der letzten Prognose und bemühte einen Kronzeugen: Klaus-Peter Schöppner von Emnid, einen Mann, der so braungebrannt aussieht, als würde er nur alle vier Jahre mal schnell für solche Auftritte von seiner Finca einfliegen. Die Anmutung des Lebemannes wurde noch dadurch verstärkt, dass praktisch jedes Mal, wenn er im Bild war, eine andere junge Frau neben ihm saß. Schöppner lobte, dass die Raab-Prognose den richtigen Trend vorhersagen könne, Raab und Limbourg stellten sich in Position. Und dann kamen die Ergebnisse herein.

Bundesland um Bundesland wurde ausgezählt, und immer gewann die Linkspartei. Nach der Hälfte der Auszählung war sie bereits die stärkste Kraft im Lande der ProSieben-Prognose. Peter Limbourg fühlte sich zunehmend unwohl: "Das kann nicht repräsentativ sein, was wir hier machen", hieß es nun aus seinem Mund, sollte wohl heißen: Das darf nicht repräsentativ sein.

Wollte man bis vor wenigen Werbepausen noch suggerieren, hier würde "auch" Politik gemacht, war es jetzt "nur" Unterhaltung. Und als Raab anmerkte, auch vor vier Jahren hätten viele die "TV total"-Prognose nicht ernst genommen, aber am nächsten Tag habe niemand mehr gelacht, flehte Limbourg: "Aber wir wollen am nächsten Tag auch noch lachen, das muss man, glaube ich, dazu sagen."

Am Ende war die Linke so stark geworden und Union und SPD so schwach, dass es weder für Schwarz-Gelb noch für eine Große Koalition reichte. Damit hatte niemand gerechnet. Limbourg wirkte verzweifelt, Raab amüsiert. Die Bundestagswahl ist wider Erwarten doch noch ganz spannend geworden. Allerdings vorerst nur bei ProSieben.

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  • Sonntag, 27.09.2009 – 12:31 Uhr
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