Vor der Bundestagswahl Was uns ehrliche Politiker sagen müssten

Statt den Verstand der Wähler mit leeren Slogans zu beleidigen, müssten uns Politiker eigentlich sagen: Liebe Menschen, die Welt, wie wir sie kannten, ist für immer verloren - aber wir können noch etwas tun.

Von wegen heile Welt! Helfer in den "Harvey"-Fluten
AFP

Von wegen heile Welt! Helfer in den "Harvey"-Fluten

Eine Kolumne von


Es ist schon unangenehm, zu verstehen, dass wir alle zusammen auf einem Planeten sitzen. Alle Hautfarben, Geschlechter, Religionen, Darreichungsformen von Menschen und Tieren - wobei, die haben wir ja bald erledigt. Pflanzen - gibt es noch ein paar, die Monsanto nicht mit einem Patent geschützt hat? Keiner war darauf eingerichtet zu begreifen, nur ein kleiner Teil von vielen Milliarden zu sein. Milliarden Leute, die nicht wir sind und die alle etwas wollen.

Denken wir uns, wir säßen mit Unbekannten in einer Wohnung. Wenn alle in der Wohnung ihren Müll in einem Zimmer ablüden, würde es irgendwann in allen Zimmern stinken, und der im Müllraum würde zu Recht in ein anderes Zimmer umziehen. Wenn einer Kettenraucher ist, bekommen die anderen vermutlich auch ihren Krebs, und wenn wir beginnen, eine Mauer um unser Zimmer zu ziehen, macht es die Luft nicht besser, und unseren Müll müssen wir dann unter unserem Bett lagern.

Was die meisten, die sich Mühe geben zu denken, beleidigt, ist die Einfalt, die rechte Wahlpropaganda in den Köpfen ihrer möglichen Wähler vermutet. Das kann doch keiner mehr glauben, dass es genügt, den Klimawandel zu leugnen und einfach so weiterzumachen wie immer. Das beleidigt den Wähler doch, wenn er vorgebrüllt bekommt, eine Religion sei für die Misere der Welt verantwortlich.

Warum nur gibt es keine Politiker, die ihren Wählerinnen die Wahrheit zumuten: Liebe Menschen, die guten Jahre, die einige von Ihnen vielleicht in Erinnerung haben, Kindheit, Kirschblüten, Eigenheim und so weiter, sind vorbei. Sie sind für immer verloren, und wir werden sie nicht wieder erleben. Wir hatten eine lange Zeit ohne Kriege, wir haben immer noch eine gute kostenlose Ausbildung, wir haben eine Wohnung, heißes Wasser, Rechner und Handys, wir haben Autos und ein Transportsystem, das im Vergleich zu den meisten in der Welt funktioniert.

Wir haben Klamotten gekauft, die in Bangladesch von Leuten hergestellt wurden, die schlecht bezahlt in Slums wohnen; wir haben unsere alten Handys in Afrika auf den Müll geschmissen, unsere alten Schiffe dito; wir haben geheizt, als ob es kein Morgen gäbe, hatten einen Zweitwagen und haben nicht gefroren, nicht gehungert. Im Vergleich zum Rest der Welt - nicht schlecht. Sie wissen schon, die Welt, die eine Wohnung ist. Diese Zeiten kommen nicht zurück. Das Klima ist am Arsch, gelinde gesagt. Es wird Dürren geben, Hitzewellen, Erdbeben, und es werden mehr Menschen um ihr Leben laufen. Wie hoch soll die Mauer sein, die sie abhält?

Der Terror wird weitergehen, nicht, weil wir Flüchtlinge aufgenommen haben, sondern weil es Vollidioten gibt, die in ihrer Nervosität durchdrehen und aus ihrer Bedeutungslosigkeit heraus wollen. Endlich wieder wer sein. Sie wissen schon. Keine Partei, keine Grenzkontrolle, keine Abschiebung wird die Zeit zurückbringen, in der wir ohne Kontrollen geflogen sind. In der Paris einfach nur Paris war. Ohne Terrormorde. Ohne Polizisten mit Maschinengewehren.

Wir müssen teilen, verzichten, recyceln

Liebe Wählerinnen und Wähler, die Welt besteht aus Milliarden Menschen, und jeder von ihnen ist ein egoistisches Arschloch. Wir Politikerinnen und Politiker müssen versuchen, unserer Aufgabe, sie zu vertreten, gerecht zu werden, aber das überfordert uns ein wenig. Die AI, die Roboter, die Fachkräfte, die fehlen, die Fachkräfte, die es nicht mehr benötigt, der Bullshit der Globalisierung, die gefräßigen Datensammelfirmen, denen jetzt schon die halbe Welt gehört, Nestlé, Glencore, die Naturkatastrophen, die zunehmen, die Rohstoffe, die abnehmen.

Wir müssen enger mit dem Rest der Welt zusammenarbeiten anstatt uns abzukapseln, wir müssen teilen, verzichten, recyceln. Das ist unattraktiv. Damit gewinnt man keinen Blumentopf, aber es ist der einzige Weg eines Versuchs, die Erde noch ein paar Hundert Jahre länger am Leben zu erhalten. Wir, meine Damen und Herren, unterlassen es ab sofort, Sie zu überwachen, Ihre Telefonate und den Verlauf Ihrer Suchmaschinen zu speichern. Sorry. Das war eine dumme Idee, um Sie zu kontrollieren und zu beherrschen. Wir werden mit Ihnen, aus dem Volk per Los ermittelten Frauen, Männern jeden Alters und Wissenschaftlern, zusammensitzen, um einen Ausweg aus dem Mist zu suchen.

Das müsste eine ehrliche Politikerin Ihnen sagen. Wird sie wohl nicht tun. Es ist einfacher, den Menschen Quatsch zu erzählen. Ihnen ihre Autos zu lassen und den Glauben daran, dass durch Abgrenzung ein Blumentopf zu gewinnen ist.

Wir wissen nicht, wie man die Probleme einer Welt, die im Umbruch ist und deren Bevölkerung darum gerade nervös ist, in den Griff bekommen könnte. Wir haben Angst, genau wie Sie. Aber wir werden unser Bestes geben. Nicht mit albernen Parolen, entschuldigen Sie nochmals. Nicht mit weißen Hemden oder mit einer Raute vor dem Herzen. Und darum: Gehen Sie wählen. Gehen Sie wählen und wählen Sie jene, die unbequem sind und sparen wollen, die Autos verdammen und Ihnen keinen Mist versprechen.

Und wenn Sie alle Parteien furchtbar finden, dann wählen Sie das kleinste Übel und gründen selber eine. Es sind bald wieder vier Jahre Zeit. Aber nicht viel mehr. Viel mehr Zeit ist da nicht.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


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Seite 1
bumbum 02.09.2017
1. ...waow
Danke! (Herz)
cat69 02.09.2017
2. Wir müssen gar nichts Frau Berg
... unschön aber ist eben so. Unser Konsum bringt Menschen in Bangladesch zu Arbeit und Lohn. Sonst wäre da gar nichts. Und wer sein Haus am Wasser baut, der bekommt irgendwann einmal nasse Füße. Das kann man nicht wegwählen.
artifex-2 02.09.2017
3. Liebe
und hoch verehrte Frau Berg , dann beginnen Sie doch bitte bald mit dem von Ihnen propagierten Verzicht und Verbrauch egal welcher Ressourcen . Ich für mein`Teil bin dazu nicht bereit weil ich dafür 55 Jahre arbeiten musste und nicht nur den "Standort" wechseln durfte ?!
banalitäter 02.09.2017
4. die Wahrheit zu sagen ...
..ist der sicherste Weg , um nicht gewählt zu werden . Ansonsten hat die Autorin leider recht - nachdem ich 40 Jahre immer gewählt habe , ist jetzt für mich Schluss . In unserer simulativen Demokratie kann man/frau mit wählen nichts verändern . Ausserdem heisst Wahl für mich : zw. Alternativen wählen - aber nicht zwischen 5 Waschmitteln wählen , die von demselben Hersteller sind und sich nur vom Geruch und der Verpackung unterscheiden .
dennis_berber 02.09.2017
5. Was sie sagen müssten: Die Wahl der Abgeordneten ist keine echte Wahl
Nicht nur das große Teile des Bundestages durch Wahlhochburgen und Listenplätze bereits vor dem Wahlsonntag feststehen, durch das Konstrukt der Parteien und ihrer Förderung von vernetzten Parteisoldaten kommen nicht Besten, sondern die Angepasstesten Politiker an die Macht. Keine Visionäre, sondern Verwaltern. Somit stimmen wenige Deligierte vor der Bundestagswahl darüber ab, wer zur Wahl zugelassen wird. Das hat aber wenig mit Volksvertretern zu tun, besonders dann nicht, wenn im späteren Verlauf unsere Vertreter unter dem Fraktionszwang buckeln. Echte Wahlen und echte Demokratie brauchen wir. https://www.finwir.de/politik/wer-wird-im-deutschen-bundestag-wirklich-repraesentiert/
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