Burgtheater Peymanns Abschied von Wien

Der streitbare Chef des Wiener Burgtheaters hat in den 13 Jahren seiner Intendanz viel Kritik einstecken müssen. Sein Abschied wurde zum Triumph: Tausende Theaterfans feierten Claus Peymann, der zum Herbst ans Berliner Ensemble wechselt.


Peymann
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Peymann

Wien - Oft ist Burgtheaterdirektor Claus Peymann in Wien geschmäht worden, doch sein Abschied nach 13 Jahren Intendanz geriet zu einem persönlichen Triumph: tosender Applaus, stehende Ovationen und ein Blumenregen. So feierte das Publikum den deutschen Theatermacher und sein Team am Mittwoch abend nach der letzten Vorstellung. Auf eine Dankesrede oder gar Abrechnung mit seinen Kritikern verzichtete Peymann, statt dessen feierten Tausende Theaterfreunde mit ihm bis tief in die Nacht im Volksgarten gegenüber dem Theater.

Abschiedsschmerz war zu spüren, als der Schauspieler Martin Schwab nach der "9912. und unwiderruflich letzten" Vorstellung unter Mozart- und Walzermelodien die Fahne am Dach des Burgtheaters einholte. Ein Feuerwerk beendete das Spektakel an der Burg.

Die Zeit in Wien hat Peymann im Rückblick als "Königsetappe" seiner Karriere bezeichnet. Seine Inszenierungen waren oft umstritten und von Skandalen begleitet. Beim dreitägigen Bernhard-Festival zum Abschluß seiner Direktion und beim großen Abschiedsfest vor dem Burgtheater spürte man davon nichts mehr.

"Tausend Dank für die Königsetappe" hatte jemand mit weißer Farbe auf den Gehsteig vor dem Burgtheater gepinselt und damit den Tausenden Besuchern aus dem Herzen gesprochen, die zum Theaterfest gekommen waren. Gefeiert wurde unter dem Motto "Alles ist Spaß auf Erden" im Volksgarten, der mit Tieren aus dem Theaterzoo dekoriert war.

An der Bar schenkte Claus Peymann seinem Publikum Champagner ein. Bei Live-Musik vom Wiener Jazzer Charly Ratzer und eigenwilligen Wienerlied-Interpretationen von Roland Neuwirth und seinen Extremschrammeln gab es Freibier und kostenlose Erinnerungen: 1069 großformatige Theaterfotos aus 13 Jahren und Theaterprogramme wurden verschenkt.

Die österreichischen Medien verfolgten Peymanns Abschied mit großer Aufmerksamkeit. Dem streitbaren und umstrittenen Theatermann schlug am Ende seiner Direktion dabei sehr viel mehr Zustimmung entgegen als zu seinem Beginn. Die "Salzburger Nachrichten" nannten Peymann "in vielerlei Hinsicht eine österreichische Idealfigur". Er habe die Grenzüberschreitung zwischen Bühne und Politik, moralischer Anklage und Show "souverän praktiziert".

Einigen Kritikern mißfiel das "Harmoniebedürfnis", das den anfänglichen Kämpfer nach den ersten heftigen Jahren befallen habe. Erst in den letzten Spielzeiten habe Peymann mit umstrittenen Regisseuren wie Einar Schleef das Burgtheater wieder zu einem Ort der Wagnisse und furiosen Inszenierungen gemacht. Dennoch bescheinigte ihm die Kritik nahezu einhellig große Verdienste um die Qualität des Burgtheaters. Als Höhepunkt wird allgemein die Inszenierung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" angesehen, die 1988 eine veritable Staatsaffäre hervorrief.

Bei einem dreitägigen Bernhard-Festival zeigte Peymann noch einmal die Stücke, die ihm den Ruf als Provokateur in Österreich eingebracht hatten. Neben dem "Heldenplatz" - mit 120 Vorstellungen die meistbesuchte Peymann-Inszenierung - stand auch "Der Theatermacher" auf dem Programm. Mit den legendären ersten Worten des Theaterleiters Bruscon (Traugott Buhre), "Was, hier, in dieser muffigen Atmosphäre?", hatte Peymann am 1. September 1986 seine Amtszeit in Wien eröffnet.

In einem seiner letzten Interviews in Wien resümierte Peymann: "Ich war über meine Feinde immer genauso froh wie über die Freunde. Und daran, daß die Freundeszahl jetzt ins Unermeßliche steigt, erkenne ich, daß es höchste Eisenbahn ist, wegzugehen". Als neue Herausforderung erwartet den 62jährigen ab Herbst die Leitung am Berliner Ensemble, das nach dem Tod von Heiner Müller ins Schlingern geraten ist. Neuer Burgtheaterdirektor wird Klaus Bachler, der bisher die Wiener Volksoper geleitet hat.



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