Burning Man Festival 2001 Q-Tips in der Donnerkuppel

Mit 24.500 Fans waren in diesem Jahr weniger Besucher zum "Burning Man Festival" in die Wüste von Nevada gekommen als noch im Vorjahr. Die Veranstalter mutmaßen, dass die pessimistische Stimmung in der Hightech-Branche der Grund dafür sein könnte. Doch davon war vor Ort wenig zu spüren.

Von Christian Radler


"Viele Burner haben hier ihre Großfamilie gefunden", sagt Pressesprecherin "Evil Pippi", die seit sechs Jahren zum Burning-Man-Team gehört und ein staubiges Pippi Langstrumpf-Outfit trägt. Irgendwer hat ihr einen Button an die Weste gesteckt. "Eat, Fuck, Rest" steht darauf. "Stellen Sie sich vor: Tausende von Freunden auf der ganzen Welt zu haben und sich einmal im Jahr zu treffen. Hier!" Ort für die Familienfete ist Black Rock City, eine Stadt aus Zelten und Wohnmobilen, die nur wenige Tage im Jahr besteht, die 1300 Meter über Meereshöhe mitten in der Wüste Nevadas liegt, drei Autostunden entfernt von Reno. Die Stadt, im Grundriss ein Ring, hat einen Durchmesser von sechs Kilometern. In der Mitte des Rings liegt die Playa. Sie ist reserviert - und wie geschaffen - für Kunstinstallationen: tagsüber gleißende Sonne, Einöde, andächtige und konzentrierte Burning-Man-Besucher, nachts stimmungsvolles Licht.

Seit 16 Jahren treffen sich Hippies und Freaks in der Wüste zu der mehrtägigen Veranstaltung, an dessen Ende die Verbrennung möglichst großer Kunstobjekte steht. Die Idee zu dem Event hatte Larry Harvey, der von Liebeskummer geplangt wurde und einen Weg suchte, diesen loszuwerden. Am Strand von San Francisco baute er eine Figur und setzte diese in Brand: So wurde aus einem Akt der Frustbewältigung das Fun-Spektakel Burning Man.

Das, was einmal ein improvisiertes Ereignis für Eingeweihte war, ist inzwischen eine Massenveranstaltung mit ein paar Millionen Dollar Umsatz geworden. "Alles zu kommerziell hier", lautet daher das Pauschalurteil, das viele langjährige Burner fällen. Auf der Playa und im Camp sei das Spiel der Kreativen in ein Wettrüsten der Geldgeber umgeschlagen. Der Lieblingsgrund zum Meckern ist die neongrün glimmende Technodisco "Emerald", von der eine Batterie Laserstrahlen Muster auf die umliegenden Bergketten malt, während die Highend-Boxen über die halbe Stadt wummern.

"100.000 Dollar soll diese Anlage gekostet haben", sagt Pippi. "Es ist in Ordnung, dass einzelne Leute viel Geld für ihr Projekt ausgeben", meint sie. "Weniger in Ordnung ist, wenn sie anfangen, andere Leute dafür zu bezahlen, dass sie die Installation aufbauen. Die Discoanlage ist von bezahlten Arbeitern aufgebaut worden. Das war das erste Mal, dass so etwas vorkommt." In diesem Punkt , so räumt Pippi ein, hätten die Kritiker mit ihrem "Gemecker übers Geld" also schon Recht, auch wenn manche von ihnen selbst in Luxus-Wohnmobilen angereist sind. "Das ist ein Trend, der mich sehr nachdenklich macht." Die grün leuchtenden Cocktails an der Emerald-Bar seien trotzdem gut gewesen - und überhaupt lässt Pippi, die normalerweise PR-Kampagnen für milliardenschwere Konzerne organisiert, auf das Event nichts kommen.

Gefeiert wird natürlich auch, meist in der Nähe oder auf der Playa, geschlafen weiter draußen, in Suburbia. Die Ringstadt gibt es nur für eine Woche pro Jahr, doch hat sie ein Postamt, eine Klinik, ein paar Dutzend Radiostationen, zwei Tageszeitungen und ein Intranet namens "Playanet". Das öffentliche Leben dreht sich besonders während der heißen Mittagszeit um das schattige "Center Camp". Ein paar hundert Burner hängen immer hier 'rum, klönen, massieren sich, bemalen einander, machen Yoga, Musik oder manchmal Liebe. Nicht dass es für all das keine eigenen Themenläden und -camps gäbe.

"Die Location ist ideal", schwärmt Pippi. Sogar einen Airport habe man in dem ebenen Tal eingerichtet. 50 Propellermaschinen und einige Hubschrauber seien gekommen. "Wie viel besser kann es als Event noch werden, wenn man mit dem Flugzeug anreist?" Die meisten Burner kommen allerdings noch ganz altmodisch und beschwerlich über Land nach Black Rock City. Bei der Einreise setzen die Begrüßer, die "Greeter", all ihren Charme ein: Am Kontrollposten vor Black Rock City umringt eine Horde wilder Gestalten einen Kleinbus mit Neuankömmlingen. Die Männer und Frauen sehen aus wie direkt dem Kinofilm "Mad Max" entsprungen: bunte Irokesen, streng-irrer Blick aus schwarz umrandeten Augen, Gesichtspiercing, grelle Taschenlampe in der einen, Reitpeitsche in der anderen Hand, schwarze Football-Brustpanzer und Kampfstiefel.

Der Wortführer dieser Willkommens-Crew gibt sich besonders furchteinflößend. "Du da! Wie oft warst du schon beim Burning Man", bellt er. "Es ist das erste Mal - für alle an Bord", gibt der Fahrer des Kleinbusses ein bisschen kleinlaut zu. Einer der Irokesen holt tief Luft: "Alle sofort raus aus dem Auto!" Jeder der Insassen wird von zwei Aufsehern vor das Fahrzeug geführt. Dort setzt es Hiebe auf den Hosenboden. Mit der Reitpeitsche.

Die Statue wurde zum Ende des Festivals in Brand gesteckt
AP

Die Statue wurde zum Ende des Festivals in Brand gesteckt

Ganz ohne Initiation geht es halt nie in Amerika, auch nicht beim Alternativ-Spektakel Burning Man. Doch die eigentliche Domina beim Burning Man ist die Natur: Sonne und Staub. Mittags brüllende Hitze, die von der trockenen Höhenluft noch verstärkt wird. Nur die Hardcore-Burner gehen jetzt aus dem Schatten. Kein Wunder, dass ein Großteil der Teilnehmer nackt oder nur mit einer Farbschicht auf der Haut herumläuft. Andere warten auf den Tankwagen, der die staubigen Straßen mit Wasser sprengt. Dann reißen sie sich die wenigen Kleider vom Leib und laufen hinter dem Wagen her. Zehn Minuten später ist alles wieder trocken, nach einer Stunde liegt der alte Grauschleier neu auf Haaren, Haut und Kleidung. In einer der erfolgreicheren Radiostationen, 99,4 FM Piss Clear, läuft seit einer Stunde Grateful Dead. "Wetter und Verkehr unverändert", verkündet ein DJ zwischendurch.

Am Nachmittag kehrt das Leben zurück ins Camp, füllen sich die Straßen und Themenläden. An zahllosen Bars tauschen Burner Witze oder Hustenbonbons gegen Drinks. Später ziehen viele in die Clubs oder hängen vor einer der Bühnen ab, auf denen etwa Schlangenmenschen ihre Performance geben oder an der Halbkugel der "Donnerkuppel", in der sich Burner zum Spaß mit überdimensionalen Q-Tips versohlen, während sie an Gummiseilen baumeln. Wie schon am Eingang: "Mad Max" lässt grüßen. Wieder andere zieht es in das tantrische Yoga-Camp "Garage Mahal" oder zum Meditieren ins "Mausoleum", das an einen thailändischen Tempel erinnert und von seinen Erbauern vor allem als Ort der Trauer gedacht ist.

Lesen Sie in Teil 2: Feuertanz unterm Nachthimmel



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