Burnout-Talk bei Maischberger "Ausgequetscht wie eine Zitrone"

Kann der Job krank machen? Sandra Maischberger lud einen Workaholic, einen Therapeuten, eine Gewerkschafterin und Menschen mit Burn-out-Syndrom zu sich - doch mit dem weitreichenden Themenfeld war das Talkformat schlichtweg überfordert.

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In Zeiten der Wirtschaftskrise klingen solche Sendungstitel provokant: "Ich hasse meinen Job! Macht Arbeit krank?"

Die Frage stellte Talkerin Sandra Maischberger an diesem Dienstagabend einem Ex-VW-Manager, einem Arzt, einem Berufsaussteiger und Burn-out-Patienten. Die Gäste sollten über den angespannten Arbeitsmarkt in Deutschland diskutieren - und vor allem ihre persönlichen Erfahrungen mit Stress schildern, bis hin zum psychischen Kollaps.

Talkgäste Buntenbach, Unger: "Wenn ich von meiner Arbeit nicht leben kann, ist sie nicht gut"
WDR

Talkgäste Buntenbach, Unger: "Wenn ich von meiner Arbeit nicht leben kann, ist sie nicht gut"

Ein Spagat - der nicht gelang. Letztlich waren es zwei Sendungen in einer.

Konkreter Aufhänger für die Diskussion war eine nicht ganz neue Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 2008. Der "DGB-Index Gute Arbeit" hatte offenbart, dass jeder dritte Beschäftigte (32 Prozent) seine Arbeit als schlecht bezeichnet - und dass nur 13 Prozent der Beschäftigten ihre Arbeit gut finden. Eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahresbericht war zwar zu erkennen, doch mit nur einem Prozentpunkt Unterschied minimal. Genug Zündstoff für den früheren VW-Manager Klaus Kocks und Annelie Buntenbach, Mitglied des DGB-Vorstands. Kocks vertrat die Meinung, man müsse unterschiedliche Arbeitsbedingungen hinnehmen - Buntenbach sprach im Namen vieler Beschäftigter, die sich "ausgequetscht wie eine Zitrone" fühlten.

"Mir fehlte der Lebensmut"

Interessante Einblicke bekam erst, wer sich eine halbe Stunde lang über das Burn-out-Syndrom hatte belehren lassen. Da berichtete die Krankenschwester Marita Thiel über ihren Leidensweg von der voll berufstätigen, dreifachen Mutter, die 23 Jahre lang Nachtschichten schob, hin zum weinenden Häufchen Elend. "Ich hatte Angst, den Tag nicht mehr bewältigen zu können", sagte sie. "Ich litt unter Schlafstörungen, mir fehlte der Lebensmut."

Der Österreicher Gerhard Huber brach zusammen, nachdem er als erfolgreicher Bankmanager ("Ich bin mit den Börsennachrichten ins Bett gegangen und am nächsten Tag wieder mit ihnen aufgewacht") gemobbt worden war - und einen Schlaganfall sowie einen Lungeninfarkt überlebt hatte. "Es war, als hätte ein Lkw auf meiner Brust geparkt", sagte Huber. "Ich hatte keinen Platz mehr zum Atmen."

Auch die Ärztin und Journalistin Heidi Schüller litt an einem Burn-out-Syndrom und schilderte in der Sendung ihren Leidensweg; der Hamburger Psychiater Hans Peter Unger analysierte Symptome, Folgen und Therapiemöglichkeiten. Das Thema hätte eine ganze Sendung füllen können - und auch sollen. Denn mit dem zweiten Teil, der sich um die provokante Job-Hass-These drehen sollte, hatte es wenig zu tun.

Alle drei Betroffenen schätzten ihre Arbeit, vielleicht sogar zu sehr, und erkrankten durch schiere Überforderung am Burn-out-Syndrom. Bei der Diskussion um Arbeitsplätze und die Zufriedenheit der Beschäftigten ging es dagegen vor allem um Menschen, die wenig verdienen, kaum Verantwortung tragen, selten Anerkennung bekommen, deswegen ihre Arbeit als schlecht bewerten.

"Ich bin nicht überfordert, mir bringt das Spaß"

Entsprechend schwer fiel Moderatorin Sandra Maischberger die Überleitung. Sie füllte mit Arzt Unger einen Fragebogen für Burn-out-Patienten aus - der Mediziner bescheinigte ihr sogleich, kein relevantes Risiko für ein Burn-out-Syndrom zu haben: Denn vorbildlicherweise nimmt Maischberger offenbar "nur selten" Arbeit mit nach Hause, konnte bisher erst "zweimal in ihrem Leben" nicht schlafen, weil sie über ihre Arbeit grübeln musste, und kennt Stimmungsschwankungen vor allem, wenn "die Bahn mal nicht pünktlich" kommt.

Dennoch hatte auch der zweite Sendungsteil seine Momente, etwa als Ex-VW-Manager Kocks über seine Arbeit plauderte und dabei jenen manchmal fatalen Gesellschaftsdruck zum unbedingten Funktionieren entlarvte, der Menschen über die eigenen Belastungsgrenzen hinweg in den Burn-out treibt.

Ähnlich wie es der ehemalige Banker Huber vor seinem psychischen Zusammenbruch beschrieben hatte, sagte Kocks, er habe keine Hobbys. Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gebe es bei ihm nicht: "Ich bin nicht überfordert, mir bringt das Spaß." Wer hingegen Schwäche eingestehe, für den könne die Situation prekär werden. Unter Menschen in Führungspositionen herrsche schließlich ein "Kult des Vitalismus".

Symptomatisch war da eine Debatte über YouTube-Videos, in denen angeblich frustrierte Angestellte ihren Computer zerstören.

Kocks: "Das ist ein Ausdruck einer spezifischen Arbeitsplatzsituation."
Maischberger: "Toll."
Kocks: "Das ist ein Ausdruck von Gesundheit, wenn man Aggressionen ablässt."
Maischberger: "Verstehe."

Weiter ging es mit der DGB-Studie über gute Arbeit. Buntenbach sprach von "dramatischen Ergebnissen" und machte die schlechte Bezahlung vieler Arbeitnehmer, die mangelnde Anerkennung und fehlende Perspektive für die miese Bewertung verantwortlich. Kocks hingegen, der die Studie des DGB als "intelligent, intelligenter als der DGB selbst" bezeichnete, legte die Zahlen anders aus: Seiner Auffassung nach zeige die Befragung, dass Gehalt einem Beschäftigten weitaus weniger wichtig sei als die Frage nach dem Sinn der Tätigkeit. Buntenbach entgegnete: "Wenn ich von meiner Arbeit nicht leben kann, ist sie nicht gut - und das macht krank."

Am Ende versuchte Maischberger auch noch, das Thema vor den aktuellen Hintergrund der Finanzkrise zu stellen. Vielen stünde in diesem Jahr Druck bei der Arbeit und die Angst bevor, gekündigt zu werden - "was können die machen?", fragte sie Psychiater Unger.

Neben einer persönlichen Entscheidung, wie man sich aus der "Burn-out-Spirale" retten könne, müsse am Arbeitsplatz ganz generell eine Atmosphäre geschaffen werden, persönliche Probleme zu thematisieren und in Krisensituationen flexibler und weniger zu arbeiten, antwortete er.

Maischberger bedankte sich: "Vielen Dank für die klugen Schlussworte."

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
reflexxion 28.01.2009
1. Frau Maischberger war überfordert, nicht das Format
Wann sehen Sie das endlich ein? jedes mal, wenn so eine Chaossendung vorbei ist, suchen Sie nach Gründen für das Mißlingen. Nur den einzig wahren und offensichtlichen Grund wollen Sie einfach nicht akzeptieren. Diese Frau ist nicht in der Lage so eine Sendung zu moderieren. Versuchen Sie es mal mit dem Ansatz - er passt.
Demokrator2007 28.01.2009
2. Schmierentheater
Aus einer Sendung zum Thema Gesundheit irgendwie eine politische Sendung zu machen kann nur gelingen, wenn man sich in so eine Materie gut einarbeitet. Schon die Einladung des VW-Managers und der "DGB-Tante" zeigt, daß dies Frau Maischberger nicht liegt. Das einzige was therapieerfahrene Betroffene sowie Fachleute daran gut erkennen konnten, war wie das "Prinzip Überforderung" funktioniert-leider hilft dies einem akut Erkrankten ziemlich wenig. Ein narzisstischer Neurotiker (Kocks)zeigt in seiner Überheblichkeit (die Körpersprache war wirklich entlarvend), daß es seiner Meinung nach ein paar einfacher Formeln bedarf und die Psyche sei wieder in Ordnung-so einfach wie "Pflaster kleben". Solch "Primitivformeln" haben auch die Finanzkrise mit herbeigeführt, blinder Aktionismus oder wie Manager gerne sagen "dynamisch auf Wachstum gerichtet". Ausgerechnet YouTube Gagvideos als angebl. Burnout-Symptome zu zeigen, belegt das "Talent" der Frau Maischberger immer wieder aus seriösen Themen Kasperletheater zu machen.
GM64 28.01.2009
3. Warum tut man das den Menschen an?
Ich frage mich, warum tut man das den Menschen an? Warum wird der Wettbewerb so hochgelobt, obwohl schon spätestens seit John Nash bekannt ist, dass es nich sinnvoll ist. Ich finde der Staat hätte die Aufgabe seine Bürger zu bilden und sie vor Burnout zu schützen. Aber auch der arme Nash wurde eher Krank gemacht und danach dann doch gefeiert. Die Wahrheit führt schneller zum Ziel als alle anderen Strategien. Stell Dir vor jeder lebt vernünftig und allen geht es gut. Es ist möglich, zu Essen haben wir genug und Wohnraum auch. Der Mensch ist ein Vernünftiges wesen. Und sein Verhalten hängt von seinen Einsichten ab. Mein Burnout Syndrom hätte ich lieber nicht bekommen. Aber in unserer Gesellschaft empfindet jeder den Mitmenschen als Feind. Bei der Arbeit, und zwar überall, war es wie im Osten mit der Stasi. Der Mensch wird durchwegs überwacht. Sogar im Privatleben sind sie mir hinterhergelaufen und haben mich gefragt wie es mir in der Arbeit gefällt. Wer nicht das tut was der Mainstream tut, wird gemobbt. Es hat schon ausgereicht in der Kantine mal zu sagen, ich bin heute nicht gut drauf und schon sagte ein Kollege "eh, der Dir gegenüber saß, ist von der Persa, das war schlecht." Wenn ich unter solchen umständen Arbeiten soll, kann ich das nicht. Ich habe nicht nur die Leute aus meiner Umgebung vor lauter Angst nicht mehr wahrgenommen, ich konnte mich auch an nichts mehr erinnern. Ich kann nur allen raten auf einen solchen Job zu verzichten. Man kann auch unter der Brücke besser leben als unter solchen umständen. Unsere Gesellschaft begeht im Augenblick selbstmord. In dem wir uns auf der Arbeit zu Tode hetzen, sterben wir aus, und das wird, ich kann nicht sagen warum sogar von manchen Kreisen gefördert. Ich kann Sendungen wie Dschungelcamp und Deutschland sucht den Superstar nicht verstehen. Wir sollten Solidarität üben und nicht Wetteifern, vor allem wenn es auf eine Krise zugeht. Genau so gut wie man den Menschen zum Raser macht, kann man ihn zum gütigen Menschen machen. Man muss es nur wollen. Ich finde es wäre besser, wenn die Wirschaft zusammenbricht, als so weiter zu machen. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Ich habe ein Burnout Syndrom bekommen, obwohl ich kein Raser bin, bei meinen Bekannten in der Kindheit stets als cool und ausgeglichen gegolten hatte und eigentlich schon immer ein contemplativer Mensch war. Ich habe auch Überstunden vermieden. Ich habe grundsätzlich aus religiösen Gründen am Sonntag nie gearbeitet. Aber uch hatte auf der Arbeit immer Angst weil meine Kollegen unberechenbar waren. Also es haut wirklich jeden um. Ich kann auch schwer abraten Raser zu hassen oder zu verurteilen. Sie sind so, weil es in ihrer Umwelt so üblich ist. Wenn man mit denen redet, werden sie es sich bestimmt überlegen, aber man muss es nur wollen. Jener der sich über den Raser lustig macht ist genau so schlecht wie der Raser selber, weil er sich zum Richter aufspielt. Bei einer Firma wo ich gearbeitet hatte hat es schon genügt "Franz Joseph" zu heißen und mit dem Busfahrer (einem Proleten) zu reden um gemobbt und gekündigt zu werden. Das ist irre.
autocrator 28.01.2009
4. nur die spitze des eisbergs
Burnout, den eigenen job hassen etc.pp. ist doch nur die spitze des eisbergs. In einer heillosen kombination aus überfrachtung der jobs mit aufgaben, funktionen und technik, persönliche sachlich-fachliche überforderung - auch und gerade von sog. "führungskräften", und dem unbestimmten gefühl von "da stimmt doch das ganze system nicht mehr" .... führt nicht nur dazu, dass die menschen keine freude mehr an ihrer arbeit haben, ausgebrannt sind usw., sondern v.a. dazu, dass die arbeit einfach schlecht gemacht wird. "Servicewüste deutschland", "kunde droht mit auftrag", dass man den meisten sachen ewig hinterherrennen muss und fast nichts auf anhieb klappt, freudlose standard-08/15-abfertigung ... Dem kann man sich nur noch entziehen. Spass macht was anderes.
autocrator 28.01.2009
5. nur die spitze des eisbergs
Burnout, den eigenen job hassen etc.pp. ist doch nur die spitze des eisbergs. In einer heillosen kombination aus überfrachtung der jobs mit aufgaben, funktionen und technik, persönliche sachlich-fachliche überforderung - auch und gerade von sog. "führungskräften", und dem unbestimmten gefühl von "da stimmt doch das ganze system nicht mehr" .... führt nicht nur dazu, dass die menschen keine freude mehr an ihrer arbeit haben, ausgebrannt sind usw., sondern v.a. dazu, dass die arbeit einfach schlecht gemacht wird. "Servicewüste deutschland", "kunde droht mit auftrag", dass man den meisten sachen ewig hinterherrennen muss und fast nichts auf anhieb klappt, freudlose standard-08/15-abfertigung ... Dem kann man sich nur noch entziehen. Spass macht was anderes.
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