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"Bushisms": Eine Lachnummer - oder?

Von Arthur M. Hanhardt Jr.

Der amerikanische Medienforscher Mark Crispin Miller sieht in der Präsidentschaft von George W. Bush eine Gefahr für die Demokratie in den USA. Bushs Sprachstörung ist für Miller ein Symptom für den Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Klicken Sie sich durch das Bush-Analphabet.

Um es mit den Worten des Präsidenten zu sagen: "It's not the way America is all about"

Um es mit den Worten des Präsidenten zu sagen: "It's not the way America is all about"

Wie viele andere Amerikaner, habe ich mich an "Bushisms" ergötzt. Was für ein Vergnügen, sich "brighter and better" zu fühlen als der Präsident der Vereinigten Staaten! Ein Mann, der die Eliteschulen - Phillips-Andover, Yale und Harvard - nicht nur besucht, sondern auch absolviert und trotzdem herzlich wenig gelernt hat. Ein Mann, der die einzige verbliebene Supermacht anführt und trotzdem sagen kann: "They misunderestimated me." ("Sie haben mich missunterschätzt.")

Wäre George "Dubya" Bush Mitbesitzer eines Baseballteams geblieben oder hätte er als angeblicher "mover and shaker in the oil patch" (frei übersetzt: "Hans Dampf in allen Ölpfützen") von Texas weitergemacht, wäre alles in bester Ordnung. Bekanntlich hat ihm aber sein Bruder Jeb im letzten November ein wertvolles Geschenk gemacht - das Wahlergebnis in Florida, das "Dubya" ins Präsidentenamt katapultierte.




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Ja, es gibt viel zu lachen. Und für gewöhnlich müssen Politiker so etwas eben aushalten. Bei der Lektüre von Mark Crispin Millers "The Bush Dyslexicon: Observations on a National Disorder" kann einem das Lachen allerdings schnell vergehen. Zwar liefert Miller für diejenigen, die gerne lachen - also für alle Politikbesessenen - eine Fülle, ein wahres Kompendium der schönsten Bush-Patzer. Doch die Aufzählung von Versprechern, von denen einige viel weiter zurückliegen als der Wahlkampf 2000, genügt Miller nicht. Schon der Buchtitel "Dyslexicon" - ein Kunstwort aus den englischen Begriffen für Legasthenie (dyslexia) und Wörterbuch (lexicon) - verrät, worauf Miller abzielt: Bush zeigt alle Symptome eines Legasthenikers. Dabei muss angemerkt werden, dass Legasthenie keinen Einfluss auf Scharfsinn und Beredsamkeit hat - wie die berühmten Legastheniker Winston Churchill und Albert Einstein bewiesen. "Dubya" hat aber auch größte Schwierigkeiten, Wörter und Laute in phonetischen Zusammenhang zu bringen, wenn er keinen vorgefertigten Text auswendig gelernt hat.

Miller beschreibt die Auftritte des Präsidenten nüchtern: "George W. Bush ist so ungebildet, dass er völlig unzusammenhängend spricht, wenn er ohne Skript redet - es sei denn, er durchdenkt jede Aussage so gründlich, dass ihm die Anstrengung ins Gesicht geschrieben steht." Daher die Überlegenheit, die wir so oft gegenüber "Dubya" fühlen: Der Präsident ist ein Analphabet - trotz Yale und Harvard.

Arthur M. Hanhardt Jr. ist Politikwissenschaftler und Experte für deutsch-amerikanische Beziehungen. Der Emeritus der University of Oregon hat Crispin Millers Buch exklusiv für SPIEGEL ONLINE rezensiert.

Arthur M. Hanhardt Jr. ist Politikwissenschaftler und Experte für deutsch-amerikanische Beziehungen. Der Emeritus der University of Oregon hat Crispin Millers Buch exklusiv für SPIEGEL ONLINE rezensiert.

Miller beweist aber nicht nur, dass Bush ein Analphabet ist, sondern dass ihm das obendrein auch noch völlig schnuppe ist. Es wird klar: Bush ist lernunfähig, lernunwillig und stolz darauf. Das ist wohl auch der Grund, warum der Strom seiner Versprecher einfach nicht abreißt und gebildete Zuhörer sich stets überlegen fühlen. Doch genau diese Überheblichkeit, sagt Miller, gibt Bushs gewiefter Bauernschläue die Möglichkeit, seine Schwäche in Stärke umzuwandeln: "...unser Präsident ist kein Schwachsinniger, sondern ein gleichermaßen schlauer wie hartherziger Führer. Er ist, mit anderen Worten, außerordentlich verschlagen."

Mit seiner Bauernschläue gelingt es Bush, jegliche Kritik mühelos an sich abperlen zu lassen, als trüge er ein mit Teflon überzogenes Panzerhemd. Bei Pressekonferenzen und in Interviews reagiert Bush einfach nicht, wenn ihm die Stoßrichtung der Frage nicht gefällt. Oder er gibt einfach ein unverständliches Kauderwelsch von sich, wenn ihm seine Gesprächspartner nicht passen.

Ein typisches Beispiel aus dem Wahlkampf 2000: Es ging um die "Stars and Bars"-Flagge, mit der die Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg kämpften. Eine Fahne, die viele schwarzen Amerikanern als Symbol von Sklaverei und Rassismus ansehen und von Regierungseinrichtungen entfernt haben wollen:

Interviewer (Juan): "You said, 'It's up to the people of South Carolina' - as if you have no historical context, as if you don't have a position there of your own." (Sie sagen, dass sei allein die Sache der Menschen in South Carolina - als ob es keinen historischen Kontext gäbe, als ob Sie hier keine eigene Position hätten.)


Bush: "Juan, I've got a position." (Juan, ich habe eine Position)


Interviewer:"Your position is, 'Leave it to the people'." (Ihre Position ist, es dem Volk zu überlassen)


Bush: "No, no, my position is the people of South Carolina can decide. You may not like my position. But that's a position. And I don't believe the polls said that. I don't read the polls. But I suspect that when you look closely at what the people of this state like, they like somebody who tells them exactly what my record is, what my philosophy is. I don't make decisions based upon polls or focus groups, Juan. I'm the person who laid out a tax-cut plan that has stood the test of time. I'm not the candidate that, when the heat got on, started, kind of, fine-tuning the tax cut plan."
(Nein, nein. Meine Position ist, dass die Menschen in South Carolina dies entscheiden sollten. Ihnen mag meine Position nicht gefallen. Aber es ist eine Position. Und ich glaube nicht, dass diese Position auf Umfragen basiert. Ich lese die Umfragen überhaupt nicht. Aber ich vermute, wenn Sie sich genau ansehen, was die Menschen in diesem Staat wollen - sie wollen jemanden, der ihnen genau sagt, was ich geleistet habe, was meine Philosophie ist. Ich treffe keine Entscheidungen auf der Grundlage von Umfragen, Juan. Ich bin derjenige, der einen Steuersenkungsplan vorgelegt hat, der sich bewährt hat. Ich bin nicht der Kandidat, der, als es eng wurde, damit anfing, irgendwie am Steuersenkungsplan herumzudoktern)

Weder auf Englisch noch in der deutschen Übersetzung kann man irgendetwas mit Bushs Aussage anfangen. Genauso gefällt es ihm und seinen Beratern: Pudding kann man kaum an die Wand nageln; Unsinn kann man mit Intelligenz nicht angreifen. Dieser schwabbelige, ignorante und verwirrende Mischmasch birgt die Gefahr, die Miller zu Recht in der Bush-Präsidentschaft wittert: Das Prinzip Bush funktioniert nicht trotz der Berichterstattung über Bushisms und unverständliche Worthülsen - das Prinzip Bush funktioniert gerade wegen der massiven Verbreitung unangreifbarer Allgemeinplätze durch die Medien - insbesondere durch das Fernsehen.

Klicken Sie hier, um im zweiten Teil zu lesen, wie die amerikanischen Medien mithelfen, das Volk von einer Auseinandersetzung mit George W. Bushs Politik abzulenken

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