Canaletto-Ausstellung Wenn die Gondeln Farben tragen

Venedig leuchtet! Die National Gallery in London zeigt die Landschaftsmalerei des berühmten Canaletto zum ersten Mal im Kontext der Gemälde seiner Konkurrenten. Schon im 18. Jahrhundert hatten Briten seinen Ruhm befeuert: Canaletto-Werke waren bei Adligen beliebte Souvenirs.


Eigentlich, wollte Johann Wolfgang von Goethe mit der Beschreibung Venedigs "nicht umständlich sein", weil über diese Stadt schon "viel erzählt und gedruckt" worden sei. Aber dann schwärmt der berühmte Italienreisende los: vom Licht im "meergrünen Wasser", von "leicht schwebenden" Gondoliere "auf der hellgrünen Fläche in der blauen Luft", und er sieht darin "das beste, frischeste Bild der venezianischen Schule".

Wahrscheinlich hat er dabei an die Gemälde von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, gedacht, den berühmten Maler venezianischer Stadtansichten.

Erlesene Mitbringsel für britische Adelige

Schon dessen erste Bilder aus den frühen 1720er Jahren waren begehrt, besonders bei den jungen britischen Adeligen, die nach dem Abschluss ihrer Erziehung auf eine lange "Grand Tour", eine "Kavalierreise" nach Paris, Rom und Venedig gingen, um sich den letzten Schliff in Eleganz, Kultur und Geschmack zu holen. Sie kauften die Venedig-Veduten als Dekoration für ihre Schlösser und Stadthäuser und als erlesenes Reisesouvenir und sorgten damit für einen florierenden Kunstmarkt in Venedig.

Dass sich die britische Aristokratie besonders für Canaletto interessierte, war Joseph Smith zu verdanken, dem britischen Konsul in Venedig. Der war nicht nur Kunstkenner und Sammler, sondern auch der gut vernetzte Agent Canalettos. Er sorgte dafür, dass es bis heute mehr Canaletto-Bilder in Großbritannien als in Italien gibt. Beste Voraussetzung für die Ausstellung "Venice: Canaletto and his Rivals", die ab Mittwoch bis zum 16. Januar 2011 in der National Gallery London und später in der National Gallery of Art in Washington zu sehen ist.

Kuratiert hat sie der britische Canaletto-Kenner Charles Beddington. Er hat viele der rund 50 Bilder von Canaletto, dessen Vorgängern und zeitgenössischen Rivalen für die Ausstellung aus englischem Privatbesitz ausgeliehen, zum Beispiel aus der legendären Duke of Bedford-Sammlung in Woburn Abbey oder aus der Gemäldegalerie der britischen Königin.

Kopisten und Konkurrenten

In sechs Räumen stellt er die Gemälde Canalettos den Werken der anderen Veduten-Maler gegenüber und ermöglicht damit den direkten Vergleich von unterschiedlichen Maltechniken, Perspektiven und Farbauffassungen der Künstler, die oft dasselbe Motiv oder dasselbe Ereignis zur gleichen Zeit gemalt haben. "Jeder kennt Canaletto, aber niemand kennt den Kontext, in dem er gearbeitet hat", sagt Dawson Carr von der National Gallery.

Dieser Kontext wird gleich im ersten Raum gezeigt, wo neben fünf Bildern Canalettos, darunter seinem frühesten von 1722, Bilder von Gaspare Vanvitelli, Luca Carlevarijs und Johan Richter hängen. Der geborene Niederländer Vanitelli (1653 bis 1736) brachte die Tradition der Stadtansichten-Malerei mit einem Bild der "Mole vom Bacino di San Marco aus" von 1697 nach Venedig. Im selben Jahr wurde Canaletto geboren, der seine Karriere als Theatermaler begann. Erst nach einem Rom-Aufenthalt, bei dem er wahrscheinlich Vanitelli begegnete, fing er an, Veduten zu malen, die anfangs im Maßstab, in Farben und Figuren an Vanitelli erinnerten.

Schnell jedoch entwickelte Canaletto eine eigene Handschrift, mit der er bald die Bilder seiner Konkurrenten Johan Richter und Luca Carlevarijs in den Schatten stellte. Schön ist das zum Beispiel an mehreren Bildern zu gleichen Themen zu sehen. So hängt Canalettos "Die Piazza San Marco nach Osten" neben dem früheren Carlevarijs-Bild mit demselben Titel. Carlevarijs Ansicht ist dekorativer, bunter, und seine Figuren sind präziser als die von Canaletto, bei dem sie eher mit ihrer Umgebung zu verschmelzen scheinen. Ihm geht es mehr um eine Atmosphäre, die er mit Sonnenlicht, präzisen Schatten und Wolkenformationen schafft. Auch in andern Bildern ist zu sehen, wie er Grün, Blau oder Grau bei Himmel oder Wasser als Kontrast zur Architektur einsetzt, um die Gebäude leuchten zu lassen und damit die Gesamtwirkung zu steigern.

"Sie können die Sonne darin leuchten sehen."

Das führte schnell dazu, dass "Signor Antonio Canale jeden in dieser Stadt verblüfft, der sein Werk sieht." So schrieb der Maler Marchesini an einen Sammler und riet ihm, in Zukunft Canaletto zu kaufen, dessen Werk "wie das von Carlevarijs ist, aber Sie können die Sonne darin leuchten sehen".

So stieg Canaletto zum Star auf. Er malte glamouröse Bilder von Festen ebenso wie kleine Veduten für das Handgepäck der Venedig-Reisenden. Große Gemälde bekam sein Agent Smith, der sie später zum Beispiel an den englischen Hof verkaufte. In seinem Atelier beschäftigte Canaletto neben einigen Lehrlingen auch seinen 14-jährigen Neffen Bernardo Bellotto, der die Bilder des Onkels bald imitierte, aber auch schon mal auf eigene Weise "verbesserte" und interpretierte. Später wurde er in Dresden als Veduten-Maler selbst berühmt.

Nur zwei Künstler gefährdeten zu Lebzeiten Canalettos Vormachtstellung. Die Rivalität des Venezianer Michele Marieschi endete durch dessen frühen Tod, aber dass seine dramatischen, oft phantasievoll verfremdeten Bilder eine ernste Konkurrenz waren, zeigt die Gegenüberstellung mit Canalettos Arbeiten. Die Gemälde von Francesco Guardi, der in Canalettos letztem Jahrzehnt zum erfolgreichen Künstler wurde, werden auch gemeinsam mit Canaletto-Bildern gezeigt. Zwar kann man wunderbar vergleichen, dass Guardi einfach die Kompositionen Canalettos übernahm, aber man sieht auch, dass hier nicht nur eine neue, impulsive Malerei beginnt, sondern dass eine andere Zeit angebrochen ist.

Für Guardi war nämlich die Natur der wahre Künstler, nicht der Mensch. Und damit wird aus dem bisher korrekt gemalten, mächtigen Venedig eine fragile Stadt, die sich fast in Stimmungen und Licht aufzulösen scheint.


Ausstellung
"Venice. Canaletto and His Rivals". London. The National Gallery. 13.10.2010-16.1.2011.



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